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Es ist wundervoll, Zeit zu haben. Ganz gleich, wie gerne man seinen Beruf ausübt: Der Mensch braucht auch Tage, in denen er ohne jeden Plan termin- und sorglos vor sich hinleben kann, vulgo: Der Mensch braucht Urlaub.
Seit drei Tagen befinde ich mich in diesem seligen Zustand und es ist wunderbar. Wie schön ist es, wenn man auf einmal die Griffel fallen lassen kann ohne dräuende Existenzangst, sie nach einiger Zeit nicht wieder aufnehmen zu dürfen — und wie schön ist es, ein Jahr, das so bescheiden anfing, so großartig zuende gehen zu sehen; hinzukommend fürs neue Jahr geplante Ereignisse, auf die man sich jetzt schon freut. Es ist gut, Zeit zu haben: Zum Innehalten, Rückschau halten, Zu-sich-Kommen, Lieben, Danken.

„Verreist Du nicht?“, werde ich von Menschen gefragt, denen ich vom Urlaub erzähle, oder gleich „Wohin geht es?“ Nunja: ich bleibe daheim. Es sind einige Dinge am Haus zu tun, dazu ist ein Ehrenamt vorzubereiten, eine monetäre Frage ist es auch, und überdies gebe ich zu: Ich möchte einfach nicht. Lebe ich schließlich nicht an einem schönen Ort, der für so viele andere Menschen das ersehnte Reiseziel ist? Muss man da fliehen? Und dann: Die CO2-Bilanz! Dürfte ich noch darüber wettern, wenn ich selbst zig Flüge auf dem Kerbholz hätte?

Andererseits denke ich, dass man unbedingt verreisen sollte. Alexander von Humboldt wird der Satz zugeschrieben: „Die gefährlichste Weltanschauung ist die derjenigen, die die Welt nie angeschaut haben“, und dem ist wohl nichts hinzugefügen. Dass ich die Welt anschaute, ist lange her; meine weiteste Reise in den letzten fünf Jahren führte nach Flensburg. Dennoch tat auch diese sehr gut, so, wie mir jeder Ausflug aufs Festland gut tut, auf jede Nachbarinsel. Von Baltrum aus betrachtet, sieht Langeoog halt doch noch ein bisschen anders aus, und wieder anders von Bensersiel. Man braucht nicht weit zu fahren für einen Perspektivwechsel — wichtig ist wohl nur, dass man offen für einen solchen bleibt. Es gibt Leute, die von den Urlaubsfotos ihrer Bekanntschaften auf facebook genervt sind, aber ich freue mich in der Regel darüber, weil ich so „herumkomme“ ohne selbst dafür tätig werden zu müssen.
Auch der Lieblingsmensch ist zurzeit auf Reisen und sendet Bilder von nebelumflorten Flusstälern, altehrwürdigen Schlössern, hohen Baumkathedralen mit regenschweren Dächern, Kirchenfenstern in spektakulären Farben. Ich bade mein Herz in diesen schönen Ansichten und bin gern auf diese Weise bei ihm; dennoch freue ich mich auch darüber, ihn wieder sicher Zuhause zu wissen, birgt doch jede Reise ein Risiko des Nichtwiederkehrens. Sicher: Sterben kann man auch zuhause, mag man da einwenden, aber irgendwie ist das doch etwas anderes, wenn auch nicht minder furchtbar.

Derweil mache ich den Balkon herbstfein. Ich knipse die übrig gebliebenen Geranienblüten ab und drapiere sie in einer Vase, bevor ich die letzten Zeuginnen des vergangenen Sommers aus den Blumenkästen schäle und sie dem Komposthaufen hinter dem Haus übereigne. „Magst du lieber rote oder rosafarbene Geranien“ hatte ich den Liebsten noch gefragt, bevor ich sie kaufte, und er wählte die roten, also pflanzte ich diese. Das ist wohl ein bisschen seltsam, wo der Mann doch so weit weg wohnt und die Geranien daher kaum zu Gesicht bekommt, aber ich wollte einfach, dass es auch seine Blumen sind, so wie man wohl insgesamt einfach mehr zum Teilen bereit ist, wenn man jemanden gern hat. Liebe mag miese Eigenschaften in einem hervorbringen, namentlich Dinge wie Eifersucht oder Territorialansprüche, aber summa summarum macht sie wohl doch ein bisschen weniger egoistisch. Ehrlich gesagt, ist das auch der Teil, der mir am Single-Dasein am Schwersten fällt: Dass man quasi zum Egoismus gezwungen ist. Natürlich genießt man es einerseits, im teuren Hotelzimmer das ganze Bett und alle Handtücher für sich allein zu haben, die Heizung und die Champagnerflasche dann aufdrehen zu können, wenn einem persönlich danach ist — aber zugleich gibt es eben auch niemanden, mit dem man den Champagner oder auch nur die Erinnerung daran teilen kann. Und dann grämt man sich anderntags wegen des Katers (wahlweise der Verschwendung, wenn man den schal gewordenen Ruinart-Rest in den Siphon schüttet) und weil niemand verschlafen lächelt neben einem oder in der Dusche vor sich hinplätschert, während man sich nochmal umdreht; in leiser Vorfreude darauf, den noch feuchtwarmen, duftenden Significant Other alsbald wieder in die Arme zu schließen.
Unumwunden muss ich zugeben: Auch die Zahl der Neurosen wächst mit den Jahren des Alleinlebens; umso schwieriger wird es dann, jemanden zu finden, dessen Neurosen mit den eigenen kompatibel sind oder diese sogar sinnvoll ergänzen.
Einen solchen Jemanden schickt der Himmel.

Nun aber, bevor der Frühling Einzug halten kann, weichen die Geranien zunächst einer Ansammlung frostharter Gewächse: Noch ist ein Winter zu überstehen, und nur Gott weiß, was uns währenddessen erwartet. Erika und Astern werden sturmfest eingegraben, jetzt noch umgeben vom Feuer der Herbstfarben in den Hecken und Bäumen ringsherum. Schon bald aber wird kleine Weihnachtsdeko dazwischen glitzern und dann vielleicht eine dünne Schicht Schneekristalle über meinen Pflanzen liegen. Ich werde die letzte Sonnenwärme des Jahres im Rattansessel auf dem Balkon genießen oder, mit einer Schale Tee in den Händen, vom Fenster aus zusehen, wie der Regen ihre Blüten biegt und die Blätter sattgrün lackiert. 
Ich werde mich auf den Frühling freuen, aber keine Eile damit haben. Heute weiß ich um die wärmende Kraft von Gebeten und Worten und um das Beständige im Wandel. Ich weiß, dass man offenen Herzens und guten Willens sehr weit kommen kann; man kann reisen und neue Welten entdecken, ohne dafür auch nur vor die Tür treten zu müssen. Ich glaube wieder an die Liebe, das Gute und Ewige, und ich weiß jetzt um die Fülle in der Genügsamkeit.
Ich glaube: Es ist ein gutes Jahr.

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