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Es regnet seit Tagen. Aber noch immer ist es angenehm warm, sodass ich mich nach dem Duschen kurz im Handtuch auf den Balkon stelle, in der einen Hand einen Becher Kaffee haltend, mit der anderen das Duschtuch im Griff, um keine unfreiwillige Zweitkarriere als Insel-Exhibitionist hinzulegen. Der kühle Regen fühlt sich gut an auf der Haut, und vermutlich jeder Mensch meiner Generation wuchs noch mit dem Spruch auf, dass Regenwasser schön mache — eine Weisheit, die auch all die Horrormeldungen der 80er Jahre über sauren Regen und die ersten Plakate der (damals noch als Naturschutzpartei ernstzunehmenden) GRÜNEN über das Waldsterben nicht wegreden konnten.
Und so beobachte ich, während mir der Regen hoffentlich ein paar Jahre vom Gesicht wäscht, vom Balkon aus Passanten. Das fröhliche (zuweilen auch streitende) Geplapper und übermütige Fahrradklingeln der Urlaubenden ist verstummt; Schweigen herrscht auf den Straßen, ein jeder bemüht, nur rasch von A nach B zu kommen bei dem Sauwetter, verhüllt unter Kapuzen, Friesennerzen und Capés. Näherkommendes Hufgetrappel, die Friedhofsglocke schlägt.

Die Zeit der Stille bricht an.
Seit ein paar Tagen gilt für die Fährschiffe der Herbstfahrplan; die Lokalzeitung verliert an Umfang und die Themen werden allgemeiner, da sich vor Ort immer weniger abspielt. Erste Läden machen wieder Mittagspause, Ferienwohnungen werden eilig renoviert, bevor zu den Herbstferien der nächste Besucheransturm losbricht.

Auch mein Tag beginnt jetzt wieder anders: Statt im Hausflur ständig irgendwelchen Leuten zu begegnen und erst einmal eine Armada panzergroßer Kinderwägen von den zugeparkten Briefkästen zerren zu müssen, kann ich nun in Schlafsachen und binnen Sekunden nach der Post sehen. Frühmorgens zerrt mich kein Möbelrücken, kein Kindergeschrei und keine Beziehungskrise auf dem Balkon über mir mehr aus dem Schlaf. Nachts wird man von den Reproduktionsbemühungen fremder Paare verschont, denen man mitunter schon wahlweise Zigaretten (für danach) oder Angebote für Schauspielkurse (der allzu unglaubwürdigen akustischen Performance wegen) vor die Tür legen wollte.

Es ist eine herrliche Zeit zum Durchatmen. Noch zerren die Stürme nachts nicht so sehr am Haus, dass man von dem Rütteln und Heulen nicht schlafen könnte, noch wacht man nachts nicht auf, weil man friert, und noch setzt keine Sturmflut den Fähranleger unter Wasser.
Die Morgen sind mit dem Ende der Saison wunderbar ereignislos, und im Arbeitszimmer ist kein Geräusch zu hören außer dem Klappern der Tastatur und dem heimeligen Schnorcheln der Kaffeemaschine — ein Geräusch, das mir fast so vertraut und lieb ist wie der Atem des Herzensmenschen an einem dieser stillen Tage. Der Lärm der Welt hat Pause.

Die nassen Straßen riechen schon jetzt nach Herbst; in dem sich verfärbenden Laub der Heckenrosen haben sich die Kreuzspinnen in ihren Netzen zu veritabler Größe gefressen. Am Strand transportiert ein Elektrokarren tropfende Strandkörbe ab: Das Ende des Sommers ist unaufhaltsam eingeläutet und ich sehe dem Karren einerseits erleichtert, andererseits etwas wehmütig hinterher, denn natürlich wäre auch ich gern öfter baden gegangen oder hätte am Strand gelegen, was nun erst im nächsten Sommer der Fall sein kann — aber ich freue mich auf den Herbst. Ich liebe es, wie sehr man auf dieser Insel Teil der Natur wird und wie verlässlich der Lauf der Jahreszeiten das Bild Langeoogs verwandelt. Jährlich weder beeindruckt mich der Farbenrausch des Herbstes und der Winter, welcher die Insel zum Teil unter Frost erstarren lässt, sie mit seinen Stürmen und Fluten aber auch neu zu sortieren scheint und an ihrer Form feilt.

Im neuen Jahr bin ich ein halbes Jahrzehnt auf Langeoog. Mein Namensschild an der Tür habe ich, nachdem ich es bislang immer nur improvisierte, endlich fest angeschraubt.

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