Am Horizont, mit bloßem Auge kaum wahrnehmbar, schälen sich die mächtigen Kampfeisen aus diffusem Licht. Davor durchpflügt ein kleines Aufklärungsboot die Dünung, gerade so eben erkennbar an der weißen Heckwelle. Die graue Tarnlackierung  funktioniert perfekt. In der südlichen Nordsee, vom Marienstützpunkt Wilhelmshaven kommend, kreuzen die Fregatten F221 HESSEN und F222 BADEN-WÜRTTEMBERG. Die HESSEN noch leicht erkennbar an ihrer typischen Zerstörer-Form, die BADEN-WÜRTTEMBERG durch ihre neuartigen Aufbauten klar einer moderneren F-Klasse zuzuordnen. Mit einem Freund, der als Marinepfarrer einst auf der HESSEN und der F208 NIEDERSACHSEN fuhr, ventiliere ich die spannende Sichtung am Strand.

Ein Mann, der in der Nähe sein Kind oder seinen Enkel beaufsichtigt, hört das.
Kinder sollten sowas doch wirklich nicht zu sehen bekommen, echauffiert sich der Herr, unmöglich, dass Kriegsschiffe so nah am Strand führen.
Nun ja: Vor den ostfriesischen Inseln befindet sich einer der meistbefahrenen Seefahrtswege der Welt, und der Marinestützpunkt liegt quasi um die Ecke. Zwar haben wir den Schiffsverkehr in der Deutschen Bucht nicht ganz so nah vor Augen wie etwa die Wangerooger, aber an klaren Tagen kann man auch auf Langeoog viel Zeit mit Schiffssichtungen verbringen. Zeitgleich mit den Fregatten sind Containerriesen (diese auch nicht immer mit kindgerechter Ladung ausstaffiert), Kreuzfahrtschiffe, Krabbenkutter, Sportboote und Fähren zu sehen. Die Fregatten der Deutschen Marine sind also zunächst einmal nicht mehr als interessanter Schiffstyp von vielen.

Aber ich verstehe schon: Dem Mann geht es um die Konfrontation der Kinder mit dem Krieg. Aber ich sage nichts dazu, denn bis ich die Bibliothek an Gegenargumenten, die gerade im Inneren auf mich einpladdert, strukturiert und in eine vortragsfähige Form gebracht hätte, wäre der Mann längst gegangen. Also schäume ich schweigend, bis wir außer Hörweite sind.

Warum, lege ich los, glauben die Leute immer, dass man Menschen durch Unwissen schützt? Alle wollen, dass ihre Kinder in Sicherheit aufwachsen. Warum darf man dann diejenigen, die für diese Sicherheit sorgen, nicht sehen? Die Welt wird nicht besser dadurch, dass man verschweigt, wie sie ist. Ich denke an die Kameradinnen und Kameraden an Bord und mir tut Leid, mit welcher Respektlosigkeit ihnen begegnet wird, obwohl gerade die Deutsche Marine durch zahlreiche Rettungen von Menschenleben im Mittelmeer etc. zurzeit auch wichtige humanitäre Aufgaben übernimmt. Und was ist mit den jüngsten Skandalen bei der Bundeswehr, was ist mit den Rechten, mag man da einwenden, aber: Extremistisches Gedankengut (egal, aus welcher Richtung) und Kriegsgeilheit findet man bedauerlicherweise überall, wo Menschen sind. Dazu braucht es nicht erst die Bundeswehr. Die Welt ist nicht friedlich, und der Mensch ist des Menschen Wolf.

Erst gestern gab es wieder einen grässlichen Terroranschlag. Und wie in aller Welt, frage ich mich, will dieser Mann seinem Kind oder Enkel den Terror erklären, wenn das Kind nicht einmal eine Fregatte sehen darf?
Es ist ein Trugschluss zu denken, wir seien eine Generation ohne Krieg. Damit meine ich nicht einmal die globale Situation, in der es leider immer irgendwo einen Krieg gibt, mit Tod, Leid und Waisen. Ich meine den Krieg in Deutschland: Den, der uns bis in meine Generation hinein prägt.

Meine Eltern wurden 1942 und 1947 geboren. Der Vater noch mitten im Zweiten Weltkrieg, die Mutter zum Ausbruch des Kalten Krieges. Beide wurden von Menschen erzogen, die teils beide Weltkriege miterlebt hatten. Da war meine Großmutter, die bereits ein Kind verloren hatte und fürchten musste, dass ihr beim nächsten Fliegeralarm auch noch das neue Baby aus dem Arm geschossen wird. Da gab es die Urgroßtante, deren Mann im Ersten Weltkrieg vor den Falklands versank und deren Sohn im Zweiten Weltkrieg mit dem U-Boot auf See blieb. Da gab es all die Menschen, die Suppe aus Kartoffelschalen und Rinde kochten, weil sie hungerten; Menschen, die in strengstem Winter in ausgebombten Häusern erfroren. Es gab die Heimgekehrten, die zwar die Front überlebt hatten, aber danach an ihren Kriegstraumata lebend vor sich hinstarben, von der winzigen Versehrtenrente in irgendeinem Veteranenheim vegetierend und zitternd die Wand anstarrend. Man sah gestandene Männer, die weinten, wenn an Silvester das Feuerwerk losging, weil sie als junger Mann mitansehen mussten, wie es 15jährigen Schulkameraden an der Front die Gedärme zerriss.
All dieser Krieg ist nicht vorbei, nur weil Politiker irgendwann den Frieden erklärten. Der Krieg tobt noch lange im Inneren.

Am Ende des Kalten Krieges, mit dem Zerfall der Sowjetunion, war ich 14 Jahre alt. Während des Streits um die Mittelstreckenraketen, der, zusammen mit der Berlin-Blockade und der Kuba-Krise als eine extrem bedrohliche Phase des Kalten Krieges  begriffen wurde, kam ich in die Grundschule, und ich erinnere, dass die Erwachsenen bei den Verwandtentreffen plötzlich wieder vom Krieg als realem Szenario redeten: Davon, dass es wieder Krieg geben könnte, mit schlimmeren Waffen als je zuvor.
Die Älteren, die teils zwei Weltkriege durchhatten, reagierten mit Verzweiflung, Resignation oder verzweifelter Resigniertheit. Die jüngeren mit Furcht oder flammender Gegenrede. Als Kinder verstanden wir nicht, welche Schicksale unsere Verwandten zu jener oder dieser Haltung zu dem Thema trieben, aber die Bedrohung war fühlbar, ebenso wie all die verinnerlichten und „vererbten“ Geschichten vom Krieg. Letztlich sind wir wohl alle zu einem großen Teil Produkte der Traumata unserer Eltern und diese wiederum geprägt durch die Traumata der Großeltern.

Es gibt keine Trümmerfrauen für die Seele. Kirchen, Häuserzeilen und Hafenanlagen mögen wieder stehen, aber die psychischen Einschläge bleiben. Und wer in unserer Elterngeneration keine direkten Erinnerungen mehr an Bomben und Gewehre hat, erinnert sich an Entbehrungen, an Hunger oder Hungernde, an Invaliden, an Flucht und Geflüchtete, an Heimkehrer, die sich umbrachten oder ihre Albträume von der Front im Alkohol ertränkten.

Man kann diese Generation nicht ohne den Krieg verstehen; zugleich wurden unsere Eltern aber auch geprägt durch die 68er-Bewegung, durch Hippies, Love, Peace and Happiness. Und ich zumindest kann behaupten, durchaus zum Pazifisten erzogen worden zu sein, allerdings nicht zu einem naiven Pazifisten. So, wie man als Kind schnell lernt, dass man nicht unsichtbar wird, wenn man sich die Augen zuhält, lernt man auch schnell, dass nicht automatisch Friede auf der Welt herrscht, nur weil man sich ein Peace-Zeichen an den a.D. gestellten Bundeswehrparka pappt und im Eine-Welt-Laden seine Schulsachen kauft.

Dennoch war meine Jugend zumindest in dieser Hinsicht eine Insel der Seligen. Man hatte mit dem Krieg nichts mehr direkt zu tun, und was die Bundeswehr betraf, so lautete der Konsens: Sie existiert, aber man geht nicht hin, zumindest nicht länger, als die Wehrpflicht verlangt.
Tatsächlich kam ich im Alter von 16-20 nur zwei Mal mit der Bundeswehr in Berührung: Einmal während eines Klassenausflugs zur Infoveranstaltung einer Kaserne, und einmal, als ich einen Freund begleitete, der seinen Wehrdienst ableistete und erstmals in Uniform seine Großmutter besuchen wollte.
Als die Oma den Soldaten vor ihrer Tür erblickte, knallte sie reflexartig die Tür zu, bis der Enkel sich mit einem flehenden „Oma, ich bin’s doch nur! Ich bin’s, der Jung’!“ glaubhaft zu erkennen gab. Diese Geschichte sagt mir rückblickend sehr viel, was ich über Kriegstraumata bei den Eltern unserer Eltern wissen muss.

Von dem Kasernenbesuch indes erinnere ich nur viele Menschen in Grau, die übermüdet aussahen, aber höflich waren und sich klar auszudrücken wussten. Der Speisesaal sah aus wie eine Uni-Mensa und das Essen war auch nicht schlimmer als in der Jugendherberge — indes sabbelten die Leute beim Essen nicht so viel, was ich schon damals als Pluspunkt verbuchte. Ich selbst war nicht wehrpflichtig, aber durchaus brachte mich die Aussicht auf ein bezahltes Studium und einen für 12 Jahre gesicherten Job dazu, das Szenario „Freiwillige Karriere bei der Truppe“ zumindest einmal im Geiste durchzuspielen. Vor allem gefiel mir die Vorstellung, eine durchweg als männlich konnotierte Tätigkeit auszuüben, wo mir doch sonst in allen Lebensbereichen das Mannsein eher abgesprochen wurde. Letztlich entsprach die Auswahl der zur Verfügung stehenden Studienfächer dann aber nicht meinen Neigungen und Fähigkeiten; hinzu kam die Einsicht, dass ich nicht nur grauenhaft fehlsichtig war, sondern auch bei den Sportprüfungen hemmungslos verkacken und mich damit als so oder so wehruntauglich klassifizieren würde. Außerdem: Wie brächte ich das, als Sohn eines der ersten Wehrdienstverweigerer der Bundeswehr, meinem Vater bei? Meine Laufbahn bei der Truppe belief sich also auf ein kurzes Gedankenspiel im Info-Center der Ruhrlandkaserne und das spätere Anschmachten von adretten Uniformierten. Nichtsdestotrotz haben Soldatinnen und Soldaten meinen vollen Respekt.
Das Gleiche gilt auch für Polizistinnen und Polizisten, die für ihren wichtigen und gefährlichen Job ebenfalls oft angefeindet werden; ein Unding, wie ich finde.

Warum, frage ich mich, sind die Landesverteidigung und das Sorgen für Sicherheit, eigentlich so ein Tabu? Man kann doch nicht ernsthaft das Privileg des Lebens in einer der freiesten Gesellschaften der Erde genießen und zugleich glauben, dass dieses Privileg auf Bäumen wächst, die aus Gründen der p.c. wahrscheinlich nicht einmal Eichenlaub tragen dürften. Lockt die Bundeswehr vielleicht auch gerade wegen dieses schlechten Images teils schräge Gestalten an? Wie muss sich jemand fühlen, der ständig direkt oder indirekt gesagt bekommt: Rette mein Leben, aber rede nicht mit mir? Beschütze mein Land und das meiner Kinder, aber lass Dich nicht in der Gesellschaft blicken? Es fühlt sich falsch an.

Abends steige ich auf den Wasserturm. HESSEN und BADEN-WÜRTEMBERG sind noch immer zu sehen; sie nehmen Kurs auf ihren Heimathafen. In Hamburg wird heute das Schwesterschiff der BADEN-WÜRTTEMBERG, die RHEINLAND-PFALZ getauft. Ihre Tarnlackierung wird sie auf grauer See, im Nebel und in der Nacht zur Gänze verschwinden lassen. Kinder werden das Schiff wohl eher selten zu Gesicht bekommen.
Da ist sie trotzdem.

DSCI0254DSCI0259ehrenmal vom strand aus

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