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Ich mag Friedhöfe. Friedhöfe sind die einzigen Orte, an denen man auch bei schönem Wetter weinen kann, ohne schräg angesehen zu werden. Auf Friedhöfen darf man noch fühlen.

In Berlin hatte ich eine depressive Phase; ich weinte ständig grundlos ― kein Schluchtzen oder inneres Erschüttern; nichts, was das Weinen ankündigte: Es lief einfach, wie bei einem undichten Wasserhahn. Dummerweise war zeitgleich Sommer, der berühmte Jahrhundertsommer, oder einer von den Jahrhundertsommern zumindest; die Leute sind angesichts des sonstigen Sauwetters ja immer schnell mit Superlativen. In der Wohnung war es zu heiß, einen Balkon hatte ich nicht, den Gemeinschaftsgarten hielten die Nachbarn mit ihrer Kinderschar besetzt. Wo konnte ich dann noch hin, wenn ich zwar vor die Tür, aber in meinem Zustand nicht weiter auffallen wollte?
Also ging ich jeden Tag auf den Friedhof, weil das der einzige Ort war, an dem man unbehelligt draußen sitzen und auch im Hochsommer weinen konnte. Man suchte sich einfach einen Grabstein, der vom Jahrgang her Eltern oder Partner sein konnte, setzte sich daneben und schon war die Tarnung perfekt. Frische Gräber waren weniger zu empfehlen: Hier bestand immer die Gefahr, auf echte Angehörige zu stoßen.
Außerdem konnte man sich auf dem Friedhof am Wasserhahn für die Friedhofsblumen abkühlen, das war praktisch bei der Hitze, weil man es wegen der Depression ja auch nicht ins Freibad oder an einen See schaffte. Dazu nahm man sich eine Gießkanne, betätigte die Pumpe und ließ einfach mehr Wasser über die Handgelenke als in die Kanne laufen, wahlweise über die Füße, wenn man ohnehin Sandalen trug. Mit dem Rest goß man dann das fremde Grab; so viel Gegenleistung musste sein.
Die Leute die man traf, waren beschäftigt mit ihrer eigenen Trauer oder sonstwo in Gedanken, ab und zu nickte jemand teilnahmsvoll. Aber niemand kam und sagte: „Lach doch mal, ist doch schönes Wetter“, „reiß dich zusammen“ oder bohrte nach, warum man denn bei diesem Wetter alleine sei.
Auf dem Friedhof war ich ein freier Mann, losgeschnürt vom Gute-Laune-Korsett des Sommers.

Heute weine ich in depressiven Phasen nicht mehr, die Chronifizierung meiner Depression hat mir nicht einmal mehr diesen Aktionsradius gelassen. Aber ich gehe nach wie vor gern auf Friedhöfe, unabhängig vom Gemütszustand.
Denn obwohl ich das große Grau (von vielen auch „der schwarze Hund“ genannt) mittlerweile unter Kontrolle habe, irritiert mich nach wie vor, dass alle Welt nur noch Liebe und Lachen und Tralala zuzulassen scheint, sobald es Mai wird und die Temperaturen zweistellige Werte erreichen.
Der Mai ist der Monat mit der höchsten Selbstmordrate. Theorien zufolge liegt das daran, dass depressiven Menschen das Gefangensein in ihrer eigenen, farblosen und ausgebluteten Welt umso mehr bewusst wird, je stärker das Leben der anderen um sie herum zu pulsieren, zu blühen und zu leuchten beginnt. Man kann auf der Parkbank schlecht seine vertraute Düsternis pflegen, wenn nebenan ein Paar knutscht und rosafarbene Blüten auf einen herabrieseln. Sogar die Scheißtauben vögeln in den Zweigen, und man selbst würde schon lange jedes nackte Dessousmodel aus dem Bett werfen, wenn man dafür nur einmal erholsamen Schlaf fände. Depressionen sind Instant-Zölibat.

Bleibt also der Friedhof.

Auf dem Langeooger Dünenfriedhof gibt es hinter der Trauerhalle einen kleinen Teich. Er ist nicht besonders gepflegt, aber in seiner traurigen Ramponiertheit hat er auch wieder etwas Rührendes, und ja: Vertrautes an sich. Ich mag den Teich, er ist ein Freund.
Die danebenstehende Bank haben Vögel vollgekackt; die wenigen Stufen hoch zum Lieferanteneingang der Trauerhalle sind gesprungen und uneben, vermutlich laufen die Sargträger hier Gefahr, mit dem Leichnam zu stolpern. Man müsste das machen lassen, denke ich, während ich mich auf den am wenigsten beschissenen Abschnitt der Bank am Teich setze, ist ja nicht auszumalen, wenn. Also, man muss sich das vorstellen, und dann liegt der Mensch da, aus dem Sarg geplumpst, was für eine Tragödie. Man müsste die Stufen machen lassen, wirklich. Aber vermutlich sind die Langeooger Sargträger längst daran gewöhnt.

Neben dem Teich steht ein Granitblock mit dem berühmten Gedicht Goethes: „Über allen Gipfeln ist Ruh.“ Ein paar Menschen haben Kerzen darunter gestellt, kleine Figuren, Kieselsteine und Muscheln. Aber in den Wipfeln, die den Dünenfriedhof umgeben, ist selten Ruh. Die erwähnten Tauben gurren in den Ästen. Buchfinken durchklauben den mit weichen Nadeln gepolsterten Boden. Ein Fasan marschiert strammen Schrittes durch die Balten-Gedenkstätte und vorbei am Mahnmal für die namenlosen Ertrunkenen, welche im Laufe der Jahrzehnte auf Langeoog angespült wurden. Nachts schreit aus den Bäumen der Kauz.

Der Dünenfriedhof ist der einzige Ort auf der Insel, an dem man in nennenswerter Menge Nadelbäume findet: Auch deshalb mag ich den Friedhof. Ich liebe den Geruch von Nadelholz; die einzigartige Beschaffenheit und das Knistern von Nadelwaldboden.
Die Fichte, welche die Bank beschattet, auf der ich sitze, und von der die Vögel hinunterscheißen, treibt gerade aus. Als Kind konnte ich mich ewig damit beschäftigen, die kleinen, hellbraunen Knopsenhüllen von den zartgrünen Trieben zu ziehen und so quasi deren Geburtshelfer zu spielen. Am Ende waren die Finger klebrig und dufteten vom Harz. Ich ziehe drei oder vier Hüllen ab. Das Gefühl, als erster die jungen, weichen Triebe zu berühren, ist nach wie vor unvergleichlich. Um die Fichte herum befinden sich viele verschiedene Tannen- und Kieferarten. Manche recken die Zweige zum Himmel, flehend, trotzig oder lobpreisend. Andere lassen sie hängen in stiller Gram. Manche stehen einfach da, aufrecht, in unbeugsamer, makelloser Würde: ein letztes Salutieren an die toten Soldaten, welche hier ebenfalls begraben liegen. Kriechkiefern winden sich am Boden im Schmerz. Auf dem Friedhof findet jedes Gefühl in den Bäumen seinen Ausdruck.
Natürlich ist ein Friedhof in erster Linie ein Ort des Trauerns, aber auch Dankbarkeit wird hier empfunden, für die Zeit, die man mit dem Verstorbenen hatte oder für die Gnade Gottes, jemanden nicht lange leiden zu lassen. Und Liebe gibt es auf dem Friedhof. Natürlich: Liebe. Manchmal auch Gram, Wut, ein verzweifeltes: „Warum?“ Aber auf dem Friedhof darf all das sein, hat all dieses Menschliche seinen Platz, egal, wie viel Mai und wie viel Sonnenschein drumherum ist. Und wenn man selbst nicht in der Lage ist, seinen Gefühlen Raum oder auch nur einen Namen zu geben, findet man seinen Trost hier im Anblick des kleinen, beschützenden Nadelwaldes, der die Grabfelder umarmt oder im stoischen Rauschen der See, welche keine 150 Meter entfernt an den Strandabschnitt Gerk-sin-Spoor brandet. Es ist ein friedlicher Ort, selbst während der Hochsaison.

Auch heute bin ich fast allein; nur ein paar Touristen machen Fotos von der Grabstätte Lale Andersens und ziehen sofort wieder ab. Am Teich hinter der Leichenhalle habe ich noch nie jemanden getroffen; er ist mein kleines Refugium, obwohl auch andere hier manchmal herkommen müssen: Die Figürchen und Kerzen unter dem Stein mit dem Goethe-Gedicht belegen es.

Es gibt noch einen zweiten Friedhof auf Langeoog, an der Inselkirche mitten im Dorf. Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien von den Insulanern beschlossen wird, wer auf welchem Friedhof landet, aber wenn man schon irgendwann verbuddelt werden muss, so denke ich: Dann bitte hier. Zwischen Gräberfeld und Trauerhalle ist noch Platz; eine sattgrüne Rasenfläche, an deren Rand sich ein paar Kindergräber befinden, erinnert die Lebenden an ihre eigene Vergänglichkeit, das Ziel quasi vor Augen. Und vielleicht, denke ich, wird einigen der Wert des Lebens auch erst hier bewusst.

Ich verlasse den Friedhof. Vor dem schmiedeeisernen Tor am Ausgang hat der Wind Blütenblätter zusammengetrieben. Die Maisonne umhüllt ein Wolkenschleier. Als sich am Ende der Straße mein Haus aus dem Hochnebel schält, lächle ich.
Das Leben hat mich zurück.

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