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Am Horizont reihen sich kleine Cumuluswolkenberge hinter dem Deich wie eine Perlenkette. Zeugen einer neuen Kaltwetterfront, und dennoch ist am Fuße des Deiches der Frühling in vollem Gange. Kiebitze staksen durch die Weiden, die charakteristischen Häubchen wippen dabei im Takt. Nebenan stochert eine Pfuhlschnepfe nach Nahrung, kleine Schwärme von Steinschmätzern gesellen sich dazu, das Federkleid in der Farbenpracht der Brutsaison. Rinder dösen.

Der Wind fegt in steifen Böen über das Land und erschwert das Fortkommen auf dem Rad. Ich raste kampfmüde an der Weide. Auf dem Asphalt zu meinen Füßen zeichnet sich ein V-förmiger Schatten ab: Eine Formation Gänse ist im Anmarsch. In den Salzwiesen auf der anderen Seite des Deiches trillern Austernfischer. Ein Paradies — für den, der Vögel liebt.

Für Ornithophobiker muss die Insel dagegen ein Albtraum sein, denke ich amüsiert, und dass es doch interessant ist, wie in dem, was einigen perfekt erscheint, für andere das blanke Grauen lauert. Oder wie oft ein winziges grausiges Detail ausreicht, um die Illusion des Perfekten zu zerstören.

Ich denke beispielsweise an Efeuhecken. In meinen Träumen sehe ich mich ja immer gern auf einem Landsitz; ein viktorianisches Gemäuer mit — natürlich — einer mächtigen Efeuhecke, aus der stets ein beeindruckendes Spatzenkonzert ertönt. Ich finde Efeuhecken schön.
Außerhalb meiner Träume wöllte ich eine solche aber nicht geschenkt haben wollen, Spatzenphilharmonie hin oder her. Der Grund hat acht Beine und liebt Efeuhecken ebensosehr wie die Spatzen: Spinnen.

Erst vor wenigen Tagen, im Rahmen einer Osterandacht, wurde die Schöpfungsgeschichte zitiert, und mir ging mit Grausen auf, dass es dort tatsächlich „und Gott schuf alle Lebewesen, die fliegen und weben …“ heißt, d.h. Spinnen werden dort explizit als gleichberechtigter Teil der Schöpfung aufgeführt, sofern mit „weben“ nicht Webervögel oder generell Vögel beim Nestbau gemeint sind. Mist, denke ich, hatte ich meine geliebten Vögel doch bisher unter „Gottes Werk“ und die achtbeinigen Sujets meiner schlimmsten Albträume unter „Teufels Beitrag“ verbucht.
Ein Grund mehr, ihre Existenz zumindest akzeptieren zu lernen, auch wenn ich nicht mehr daran glaube, jemals von meinem unbändigen Ekel vor Spinnen geheilt zu werden. Immerhin: Sie dienen Vögeln als Nahrung.

Auf jeden Fall muss ich wieder an die armen Ornithophobiker denken und daran, wie es wohl wäre, quartierte man mich auf einer Insel ein mit lauter Arachnoiden.

„Watt dem einen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall“ zitiert mein Vater hier gern, wobei mir persönlich Uhl und Nachtigall gleich lieb sind, aber die Botschaft ist klar.
Ich käme jedenfalls nicht auf die Idee, einem Ornithophobiker zu sagen „Stell Dich nicht so an“, auch wenn ich diese spezielle Phobie persönlich nicht im Geringsten nachfühlen kann. Aber ich kann Tierphobien als solche nachfühlen. Und ein paar andere Phobien auch noch.

Das wiederum bringt mich auf den Gedanken, warum es eigentlich so schwer fällt, das mit dem „Leben und leben lassen“. Nehmen wir zum Beispiel Sozialphobien, oder deren „harmlose“ Ausprägung, die Introvertiertheit. Nicht jeder Mensch fühlt sich in Gesellschaft wohl. Nicht jeder langweilt sich, wenn er allein ist. Nicht jeder schöpft Kraft aus einer Beziehung. Nicht jeder ist unglücklich ohne prall gefüllten Terminkalender. Nicht jeder mag Lärm, Gewusel und laute Farben.
Für einige ist Socializing und Smalltalk mit all den Gefahren des Bewertetwerdens und Sichblamierenkönnens eine regelrechte Qual, die Überwindung kostet und Kraft. Die Gründe sind vielfältig; oftmals stecken Traumata durch Mobbing oder ein liebloses, durch Leistungsdruck geprägtes Aufwachsen dahinter. Angst vor Menschen und Panik in Menschengruppen kann entstehen, wenn man in Menschengruppen, der Familie oder Beziehungen selten Geborgenheit fand, sondern Ignoranz, Demütigung und Gewalt, oder wenn man Menschen in irgendeiner anderen Form als potentielle Gefahr kennen gelernt hat.
Manchen steckt die Introvertiertheit aber auch schlicht in der Natur, fern jeder traumatischen Erfahrung. Auch glückliche Menschen ohne Traumata können introvertiert sein.
Und wie wertvoll ist es dann auf Leute zu treffen, die einem die Introvertiertheit weder zum Vorwurf machen noch meinen, einen mit roher Gewalt (z.B. der Mitleidskeule) aus dem vermeintlichen Schneckenhaus zerren zu müssen, sondern die einfach zuverlässig und unaufdringlich da sind.

Was ich über Freundschaften, die auch mit Introvertierten funktionieren, weiß, ist Folgendes: Vertrauen wächst aus Vertrauen. Ganz einfach.
Wenn ein Freund mir Dinge offenbart, aus denen ich ihm, wäre ich bösartig veranlagt, einen Strick drehen könnte, fällt es mir natürlich wesentlich leichter, ebenfalls etwas Persönliches preiszugeben: Quid pro quo. Beschleicht mich hingegen das Gefühl, ich bin für die Person (im harmlosen Fall) nur ein Objekt, um einen wie auch immer gearteten altruistischen Narzsissmus auszuleben (aka Helfersyndrom) oder, im schlimmsten Fall,  nur dafür gut, um die Klatschsucht irgendwelcher tragischen Clowns zu füttern: No way. Leider braucht es mitunter Jahrzehnte, um die einen von den anderen zu unterscheiden.

„Wat dem einen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall“ gilt auch für zahlreiche andere, zentrale Lebensbereiche: Manche Menschen wären ohne Kinder todunglücklich, andere wären es mit. Manche vermissen den Respekt vor den Alten, andere den vor der Jugend. Kann man so stehen lassen. Sollte man auch. Und dennoch entbrennen über solche Dinge Diskussionen, die besonders in den Untiefen des Internets oft dergestalt ausarten, dass man jede Zivilisation in unerreichbarer Ferne wähnt. Die eigene Sicht wird zum Maß aller Dinge. Wer ein anderes Leben bevorzugt? „Neidisch“, natürlich: das Totschlagargument Nummer eins. Und immer wird versucht, irgendeinen Rechtfertigungsdruck zu erzeugen.

Du hast kein Kind, weil du es dir finanziell nicht leisten kannst? Egoist, denk doch mal an die Gesellschaft. Du hast ein Kind, obwohl du es dir finanziell nicht leisten kannst? Egoist, denk doch mal an die Gesellschaft. Du bist auch ohne Partner_in glücklich? Du machst dir was vor, „no man is an island“. Du bist überzeugt, den_die Richtigen zu haben? Du machst dir was vor, 50% aller Ehen gehen schief. Die dreisten Fragen sind Legion: Warum bist du Single? Warum hast du so früh geheiratet? Warum hast du keine Kinder? Warum hast du so viele Kinder? Warum hast du sowas Brotloses studiert? Warum hast du nur auf Karriere studiert? Warum hattest du im Leben erst einen Sexualpartner? Warum hattest du Hundert? Warum trinkst du keinen Alkohol? Warum trinkst du so viel? Weil, möchte man da manchmal, in Verzweiflung mit den Händen ringend, ausrufen: Weil … es euch einfach einen Scheiß angeht! Weil man sowas nicht fragt, weil es übergriffig ist und jeder von uns exakt nur ein einziges Leben hat und darum doch bitteschön selbst entscheiden darf, was er_sie daraus macht, solange es niemandem schadet! Und selbst wenn der Lebensweg nicht immer von klugen Entscheidungen geprägt war: Wer sind wir, um die Entscheidungen anderer zu hinterfragen?

Manchmal wird es unerträglich, all das Rotieren der Meinungen im Kreise, das Lärmen und Toben der Welt um einen. Und dann ist sie da, die Sehnsucht nach Stille, nach dem sicheren Kokon der eigenen Welt. Die Stille, die auf Langeoog zum Glück immer nur ein paar Hundert Meter entfernt liegt, selbst in der Hauptsaison. Ich bin froh, hier so viele Plätze zu kennen, wo die Gesellschaft der Vögel einen wieder kräftigt für die Gesellschaft der eigenen Spezies. Wo Wind und Wellen das Herz stärken und nähren und der Deich auch zum Schutzwall der Seele wird: Die Insel ist Medizin.

Ostern liegt hinter uns, der Sommer noch vor uns: Erfreuen wir uns an der Botschaft des Neuanfangs, der Vergebung und Heilung. Und vor allem: Öffnen wir die Augen für die Schönheit von Vielfalt. In der Natur, in uns selbst, und auch im Leben der anderen.

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