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Müll im Meer geht alle an: Bis zu 20.000 Tonnen allein an Plastik landen jährlich in der Nordsee. Ein Teil davon wird an Stränden angespült, ein anderer bringt Seevögel, Fische, Meeressäuger und Schildkröten um, noch ein anderer verschwindet auf ewig im Nirgendwo der endlosen, blauen Weite, die wir lieben.
Und so ist es mir ein Herzensanliegen, mich der Strandsäuberungsaktion eines Arbeitskreises des BUND anzuschließen, welcher eigens zu diesem Zwecke nach Langeoog gereist ist. Als Mensch, der diese Insel mehr als alles andere liebt, bin ich dankbar für jede Hand, die hilft, die Schönheit unseres Weltnaturerbes zu bewahren und die Welt wenigstens ein paar Sack voll besser zu machen.
Etwa vierzig Personen nahezu jeden Alters sind am Strandüberweg nahe des Hauptbades versammelt — wesentlich mehr, als ich zu hoffen gewagt hatte. Es war grauenhaftes Wetter hervorgesagt, und so wähnte ich mich mit maximal einer handvoll Mitstreitenden durch waagerechten, eisigen Regen gegen den Wind kämpfend, am Ende keinen kümmerlichen Putzeimer voll an Müll nach Hause tragend.
Aber offenkundig liegt auch dem Herrgott an der Grandiosität seiner Schöpfung: St. Petrus zeigte Erbarmen. Und so erwartete uns statt des legendären Schietwetters eine Prachtwetterfront mit strahlend blauem Himmel, dessen einzeln dahingetupfte Wattebauschwölkchen die Sonne nicht zu verbergen vermochten.

Da sich im Naturschutzgebiet am Ostende der Insel bei Sturmfluten besonders viel Unrat ansammelt, fällt der Beschluss, uns als erstes dorthin zu karren. Dafür dürfen wir auf den offenen Ladeflächen zweier Anhänger Platz nehmen, die von leistungsstarken Treckern der Inselgemeinde gezogen werden. Ein Kleine-Jungen-Traum geht in Erfüllung, denke ich, als ich den Fahrtwind und die Sonnenstrahlen auf der Haut spüre, zur Rechten die vorbeiziehenden Dünen, zur Linken die glitzernde Brandung mit ihren im Schwarm aufstiebenden Sanderlingen, dem Trillern der Austernfischer, den Schreien der Möwen, welche im Aufwind über unserer Treckerkolonne treiben. Auch die Dame neben mir strahlt, mit ihrem eleganten Understatement hör- und sichtbar Hanseatin. Sie sei extra für diese Aktion hier angereist, erzählt sie mit einem ewig jungen Lächeln, und war auch schon auf anderen Inseln dabei. Ich finde das großartig und sehe auf unsere Beine mit den Gummistiefeln am Ende, die wir wie Kinder über die Ladefläche baumeln lassen.
Ich blicke mich um. Uns folgen, in einigem Abstand, die anderen beiden Treckergespanne; drumherum nichts als endloser, sonnenvergoldeter Strand, die einzigen Geräusche machen die Dieselmotoren und das Meer. Ich komme mir vor wie in einem Abenteuerfilm. Es ist herrlich.

An einem Teil des Strandes, der zugleich das östliche Ende der Insel markiert, werden wir abgesetzt. Spiekeroog ist so nah, dass ich die Kirchtürme sehen kann. In dem Seegatt dazwischen aalen sich Seehunde auf Sandbänken.

Hier, am Ostende, in der Nähe des ohnehin traumschönen Strandübergangs Falkenweg, sind die Dünen und der Strand auf den ersten Blick von überwältigender Makellosigkeit. Als man mir einen riesigen, orangefarbenen Müllsack in die Hand drückt, frage ich mich zunächst ernsthaft, wie ich den vollkriegen soll. Würde hier ein Kosmetikeimerbeutelchen nicht ausreichen, denke ich, hier ist doch nichts.

Nach 15 Minuten habe ich einen Kinderwagenlenker, einen blauen Hundenapf, drei Luftballonleichen, je ein halbes Dutzend Tüten und Folien, das Knie eines Abflussrohres, eine Flasche und eine halbe Packung Damenbinden im Sack, letztere natürlich zusätzlich in Plastik einzelverpackt.
Nach einer halben Stunde ist der Sack so schwer, dass ich ihn nicht mehr tragen kann.
Ich denke an die Szene in „Independence Day“, wo Will Smith fluchend und schimpfend das tote Alien durch die Wüste schleift, und fühle mich genauso, als ich das orangefarbene Ungetüm hinter mir herzerre.
Immer mehr Müll sammelt sich darin an: Teile eines Druckers, noch mehr Ballons, Schläuche, Netze, kleine Tüten unklarer Genese.

Durch diesen Teil der Dünen darf man eigentlich gar nicht laufen, aber für den heutigen guten Zweck bekommen wir von der Nationalparkleitung eine Ausnahme. Umso mehr achte ich darauf, nicht unnötig Tiere aufzuscheuchen oder gar Gelege zu zertreten: Sandregenpfeifer beispielsweise sind da bereits im März aktiv. Natürlich nerve ich die Vögel trotzdem. Allerorts flattert und zetert es aus der Vegetation. Etwas weißes, rundes fällt mir im Sand auf. Ich hebe es auf. Gerade will ich mich fragen, wie denn hier Korallen hinkommen, bis mir aufgeht, dass ich da ein Stück Wirbelsäule in der Hand halte. Der Größe nach war es kein kleines Lebewesen. Mir wird ein bisschen schlecht, bis ich mich daran erinnere, dass ich lange Gerichtsmediziner werden wollte — das hilft. Kein Wunder, dass Langeoog bei Krimiautoren so beliebt ist, denke ich, man könnte hier, in dieser gottverlassenen Ecke der Insel, ja auch Werweißwas verbuddeln. Oder Werweißwen.

Nach einer Stunde ist der Sack endgültig zu schwer. Ich wanke zurück zum Strand, winke den Trecker heran und wuchte die Müllausbeute auf die Ladefläche. Der Fahrer gibt mir einen neuen Sack und lacht: Er kennt die Nummer. 36 Tonnen Müll sammelt die Inselgemeinde an Langeoogs Stränden jährlich ein; eine Sisyphusarbeit, von der Gäste und Insulaner (welche nicht bei der Kurverwaltung arbeiten) aber in der Regel nichts mitbekommen. Aktionen wie die heutige, an welcher sich auch Privatleute beteiligen können, machen die Dimension jedoch greifbar und lassen den Respekt vor diesem Knochenjob wachsen.

Die bisherige Müllausbeute lässt mich beim Weitersammeln meinen eigenen Plastikkonsum hinterfragen. Ich reduziere sehr viel, seit ich auf der Insel lebe. So nah an der Natur fühlt man sich ihr doch noch mehr verpflichtet als mit der Distanz des Städters. Und außerdem schenkt mir die Insel so viel, seit ich hier bin. Das Leben auf Langeoog ist gut zu mir. Es wird Zeit, dass ich es gebührend zurückliebe. Jetzt, wo kein Mensch mehr meine Liebe beansprucht, umso mehr.
Künftig keine kleinen Colaflaschen mehr kaufen, sage ich mir beispielsweise. Lieber  große kaufen und für unterwegs in eine kleine abfüllen, die ich wiederverwenden kann bis Sankt Nimmerlein. Wieder mit Tinte schreiben statt mit Kugelschreiber oder Fineliner; mit dem Füllfederhalter, den ich seit dem Studium besitze.

Aber der Strand liefert, jenseits des Kunststoffkonsums, noch andere moralische Herausforderungen. So zerre ich ein fest verschweißtes, kleines Plastikpäckchen aus dem Sand. Im Inneren des ersten Beutels befindet sich noch ein weiterer; darin ein fester, ominöser Klumpen.
Was, frage ich mich, täte ich, wenn ich darin 100 Gramm reinsten Kokains fände? Würde ich damit tatsächlich zum Trecker gehen und sagen, dass wir hier etwas der Inselpolizei zu melden haben? Oder würde ich nach Berlin fahren, das Zeug an der Beusselstraße an den nächstbesten Unterhändler absetzen und mir von der Kohle ein halbes Jahr lang ein schönes Leben machen? Natürlich übergäbe ich es der Polizei. Aber, — homo sum — ich gebe zu: Einen Moment überlegen musste ich doch.
Letztendlich war der Klumpen dann auch nur ein kleiner Bär mit einer verrutschten Ballonmütze; ein über Bord gegangenes Spielzeug. Die Farben verblasst, ein Plastiklächeln unter erblindeten Augen. Ich werfe den Bären in den Sack. Kein Drogenbaron mehr in diesem Leben.

Als der zweite Sack voll ist, kann ich nicht mehr und beschließe den Rückzug. Aber natürlich ragt genau dann noch ein dickes Nylontau aus dem Sand vor mir, das ich nicht ignorieren kann. Seufzend zerre ich daran. Es ist endlos schwer. Eine junge Frau, die auch zu den Müllsammelnden gehört, lässt ihren eigenen Sack stehen und kniet sich neben mich. Gemeinsam versuchen wir, das Tau aus dem Sand zu zerren, und die wortlose Hilfsbereitschaft der Fremden rührt mich. Aber es hängt ein riesiges Fischernetz daran: Wir schaffen es nicht.
Wir winken dem Trecker. Der Fahrer steigt aus und resümiert die Lage mit norddeutscher Präzision: „Jo“, sagt er, „dat is groot. Dor lot ik de Vorderlader kumm.“
Der Vorderlader kommt dann auch und nimmt das riesige Ding auf die Gabel: Eines von drei gefühlt walgroßen Kutternetzen, wie sich am Ende zeigen sollte.

Nach drei Stunden heißt es Rückzug. Der Himmel ist inzwischen stark bewölkt; der Wind kommt in eisigen Böen aus West, direkt in unsere heimwärts gewandten Gesichter. Ich ergattere einen Platz auf dem LKW mit dem Rücken zum Wind. Es ist ein Segen.
Mittlerweile ist es wirklich kalt, und meine Finger sind trotz Lederhandschuhen und darübergestülpten Wollärmeln steifgefroren. Den Troyer ziehe ich bis zur Nase. Alle auf der Ladefäche, dicht gedrängt vor dem Teil der Müllsäcke, der nicht mehr auf den anderen Anhänger passte, verwandeln sich binnen Kurzem in zitternde Mumien. Nur ein wikingerhafter Hüne wirkt, als käme er gerade aus der Sauna. Er lacht und seine blonden, langen Locken wehen im Fahrtwind, während alle anderen ihre Mützen noch tiefer ins Gesicht ziehen: Beneidenswert.
Der Mann ist Zoologe, werde ich später erfahren, hauptamtlich im Artenschutz tätig, und macht das hier ehrenamtlich, wie fast alle anderen in der Gruppe auch.
Es ist immer schön zu sehen, dass es noch Kämpfer für eine gute Sache unter Gottes Sonne gibt. Und Menschen, deren Beruf offenkundig Berufung ist.

Dicht neben unserem Treck steht eine aufgewühlte, graue See; das Wasser läuft auf. Jetzt wird das Abenteuer doch etwas ungemütlich, und ich sehne mich nach der angekündigten heißen Suppe im Haus Bethanien. Meine Füße fühle ich trotz zwei paar Wollsocken und Leder-Einlegesohlen in den Gummistiefeln schon lange nicht mehr.
Als wir nach endloser, rumpelnder Fahrt über den Strand endlich ankommen, bin ich geschafft, aber glücklich.

Auf der Toilette des Hotels sehe ich mein sonnengegerbtes, sandverkrustetes Gesicht im Spiegel. Ich sehe aus wie ein Archäologe nach drei Wochen Wüstengrabung: Noch so ein Kindheitstraum. Das klare Wasser, welches ich mir ins Gesicht schaufele, und mit dem ich notdürftig die Frisur richte, tut gut. Noch etwas, wofür wir dankbar sein sollten, denke ich: Klares, sauberes Trinkwasser. — Angesichts all des Mülls in Meeren, Flüssen und Seen leider keine Selbstverständlichkeit.

Beim Essen unterhalte ich mich mit einer jungen Studentin, Typ Annemarie Schwarzenbach. Mit einem Hauch Wehmut erinnere ich, dass diese zu Zeiten, als ich mich noch für Frauen erwärmen konnte und selbst in dem Alter war, zweifelsohne mein Typ gewesen wäre. Sie ist sehr hübsch, bezauberndes Lächeln obendrein; die kurzen, naturblonden Haare in den Spitzen gewellt. Porzellanfeine Haut. Oh, süßer Vogel Jugend. Einundvierzig, denke ich. Unfuckingfassbare Einundvierzig. Ich bin vermutlich zwanzig  Jahre älter. Sie könnte meine Tochter sein: Manchmal ist es noch surreal.
Für einen Moment überlege ich, wie es wäre, jetzt ein junger, attraktiver Student zu sein anstelle eines alternden Hybriden. Aber man muss den Dingen ins Auge sehen: Der Zug ist abgefahren.

Als ehemals- und aktuell Studierende vermeintlich brotloser Fächer sind wir schnell bei sich ähnelnden Diskriminierungserfahrungen, was die Häme bzgl. Jobaussichten angeht. Ich kann die junge Frau nur ermuntern, an dem, was sie liebt, festzuhalten. Schau, sage ich. Ich habe zwanzig Jahre lang warten müssen, um mit meiner Studien- und Berufswahl glücklich zu werden. Und jetzt, auf einmal, ist alles da. Folge Deinem Herzen, sage ich, und denke noch, dass ich mich anhöre wie ein wohlmeinender Opi aus einem TV-Dramolett, also Universen vom gleichaltrigen Kommilitonen entfernt. Aber da ist es schon ausgesprochen. Ich finde es schön, dass es noch Idealistinnen gibt, die ihre Studienwahl nicht nur mit monetären Abwägungen begründen, führe ich mit weniger Pathos fort. Und dass ich sie nur ermutigen könne, dran zu bleiben: An allem.
Sei du selbst. Tu, was du liebst — Es wird sich lohnen, irgendwann.
Ich habe so etwas schon oft erzählt. Aber zum ersten Mal muss ich kein bisschen dabei lügen.

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