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Bayrische Klosterbrüder wissen, wo’s guad is, auch wenn sie bei Weitem nicht so aussehen wie die braunbekittelten und beleibten Mönche, die uns die Bier- und Käsewerbung gerne als Inbegriff des lebens- und sinnesfrohen Ordenmannes zu verkaufen pflegt. Und so höre ich tatsächlich auf die Empfehlung des Freundes, der als Priester im Rennen um den ungewöhnlichsten Beruf in meinem Bekanntenkreis i.d.R. den Vogel abschießt, und begebe mich zum Abendessen ins Marienbräu zu Jever.

Klar, mag man denken, der Katholik an sich braucht halt irgendwas mit Maria, aber tatsächlich ist dieses friesische Brauhaus nicht nach der Mutter Gottes benannt, sondern nach der letzten Regentin des Jeverlandes, Maria von Jever (1500-1575), die auch für den Bau des hiesigen Schlosses verantwortlich zeichnete.

Das Brauhaus ist angenehm modernisiert, streckenweise sogar fast elegant zu nennen, ohne jedoch an Brauhaus-typischer Urigkeit vermissen zu lassen. Es ist aber auch weder Altherren-Spelunke noch ein auf pseudobayrisch getrimmter Hofbräuhaus-Klon, kurzum: Das Interieur gefällt.

Von einem schlichten, dunklen Holztisch, der sich in einer Nische aus niedrigen, dem friesischen Klinker nachempfundenen Mauern befindet, blicke ich in einen begrünten Innenhof, auf dessen anderer Seite, in einer Art Wintergarten, blitzblank polierte Braukessel blinken. Im Sommer muss es schön sein, dort draußen zu sitzen, denke ich, und mir fällt ein, dass mein Vater erzählte, dass er mal Brauereiwesen studieren wollte. Auch Bergbauingenieurwesen wäre interessant gewesen; damals wusste ja noch keiner, was es für ein Desaster werden würde mit den Zechen im Ruhrgebiet, die einst auch viele Menschen aus meiner Familie ernährten. Und so wurde er Arzt, was wohl letztlich die bessere Wahl war, denn so verlegte er sich aufs Heilen, anstatt dem Zechensterben und damit dem Niedergang einer ganzen Kultur — seiner, unserer Heimatkultur — zusehen zu müssen. Auf jeden Fall, stelle ich fest, würde es dem Vater hier auch gefallen, und so schreibe ich „Eltern Marienbräu zeigen“ ins imaginäre Notizheft.

Dem Pater, der hier in Friesland Marinepfarrer war, bevor er hinter bayrischen Klostermauern verschwand, und sich deshalb in Jever auskennt, proste ich im Geiste mit dem ersten Gerstensaft, der mir gebracht wird, zu: Danke für den Tipp. Und Gott vergelt’s!

Da ich einen langen Tag hinter mir habe, esse ich früh zu Abend, was bedeutet, dass es im Marienbräu noch ruhig ist; zahlreiche „Reserviert“-Schilder deuten indes auf mehr Trubel zu späterer Stunde. Tatsächlich findet sich bereits wenig später das erste Grüppchen ein und lässt sich unweit meines Tisches nieder.

Ein Frauenstammtisch, wie ich nach wenigen Minuten unfreiwilligen Lauschens herausfinde. Nach unzähligen „Hallo, naaaaa?“ und anderen Begrüßungslauten geht es dann auch gleich ans Eingemachte.
Der Sinn dieses ans „Hallo“ gehängten „Naaa“ wird mir übrigens nie einleuchten: „Wie geht es Dir?“ kann es nicht bedeuten,  weil niemand eine Antwort darauf abwartet, und für „Hallo“ reicht ja schon das „Hallo“, also was soll das? Das frage ich mich schon mein ganzes Leben. Ich selbst habe das noch nie benutzt. Im Ruhrpott hängt man maximal ein „Wie is?“ ans „Tach“, im Norden — in geschwätzigen Momenten — ein „olln’s kloor?“ ans „Moin“, aber das war es dann auch, und in der Regel schätzt man dann auch eine Antwort, wobei ein „muss“ (bzw. „mut“) in beiden Sprachräumen als Antwort Genüge tut. Aber ich schweife ab.

Auf jeden Fall geriet nun dieser Frauenstammtisch ins Schwätzen, und ich war binnen Kurzem über die neuesten Haarwickeltechniken der Anwesenden und das Intimleben der Abwesenden informiert: „Die XY kommt ja heute nicht, die hat ja auch so private Probleme, weil … der Mann macht ja nichts, und immer opfert sie sich auf“. „Ich hab mir heute Locken gemacht, aber das gefällt mir nicht, oder, was meint Ihr, steht mir das?“ „Und dann … also, die war ja eigentlich auch zu dick für das Hochzeitskleid.“

Ich riskiere einen Seitenblick. Die Damen sind in einem Alter, in dem einem die Lebenserfahrung eigentlich auch schon genug andere Themen in den Schoß gekärchert haben sollte außer Frisuren, dem Fett und dem Leben der anderen. Konsterniert nehme ich einen tiefen Schluck Bier. Es ist doch noch viel Luft nach oben bei der Emanzipation, denke ich. Jetzt haben Frauen schon die Freiheit, Stammtische in Brauhäusern zu gründen, Gott und dem Fortschritt sei es gedankt, und es wird immer noch über so eine reaktionäre Scheiße dabei geredet, aber nun denn.
Das Männerlachen (nennen wir es der Ehrlichkeit halber: Grölen) aus dem Nebenraum lässt allerdings die Vermutung zu, dass es dort auch nicht viel intellektueller zugeht. Also nur anders dämlich, wobei ja im Grunde auch das Wort „dämlich“ schon sexistischer Mist ist, des doch unlängst positiver konnotierten „herrlich“ wegen.

Ich widme meine Aufmerksamkeit lieber der inzwischen servierten halben friesischen Landente, die sich über einem Berg Salzkartoffeln in einem Burggraben aus Rotkohl türmt. In einer kleinen Sauciere glänzt Orangenbutter.
Am Nebentisch wird das bestellte Essen gerade in herrischem (ha!) Ton zurückgehen gelassen, weil „da Gluten dran“ sei, und man doch „glutenfrei“ bestellt habe. Der Stein, oder besser die Krümel des Anstoßes, waren wohl einige Semmelbrösel, welche sich zu Dekrationszwecken auf die zerlassene Butter verirrt hatten.
Man will ja nicht „first world problems“ denken in solchen Momenten, aber ich denke, nunja: First world problems — Das eine Prozent Menschen, die tatsächlich unter Zöliakie leiden, ausdrücklich davon ausgenommen.

Nun ist aber auch das Gluten (Achtung, Kalauer) am Nebentisch ein gefundenes Fressen, und natürlich haben jetzt alle irgendwie so eine Unverträglichkeit und kennen Onlinefachgeschäfte und Ratgeber_innen für ein Leben ohne das Klebereiweiß aus der Hölle, mit dem wir aus irgendwelchen Gründen seit Jahrtausenden eigentlich friedlich koexistieren, aber nun denn.
Meine Güte, das ist ein Brauhaus, murmele ich in den zerlegten Vogel vor mir, hier gibt es Getreide! Zu trinken und zu essen. Und jetzt komm mir keiner mit glutenfreiem Bier, wobei: Auch das musste ich, als ich noch im Hotel arbeitete, einst für einen Gast vorbestellen.

Eine Freundin schickte mir heute das Foto einer niedlichen Ente mit einem Geburtstagshut, inmitten von Kleeblättern, weil heute mein Geburtstag ist, und ich muss kurz daran denken, dass ich genau so ein niedliches Viech gerade vertilge. Ich danke der Ente, dass sie für mich ihr Leben ließ und übe mich in Demut: Es geht uns doch unglaublich gut. Und immer kürzer wird meine Geduldslunte darum mit hausgemachten Problemen und unproduktiver Nörgelei.

Es geht uns gut. Die Eltern, großgeworden im zerbombten Ex-Nazideutschland, von den Großeltern irgendwie durch den Kälte- und Hungerwinter 46/47 gebracht, zu sechst in einem Zimmer, und dennoch am Leben geblieben. Eine sagenhafte Leistung. Zurück im Hotel ist mir kalt, und ich drehe die Heizung hoch, während leise Musik aus dem Macbook klingt und ich mein Geld mit Schreiben verdiene statt unter Tage mit dem Befüllen von Loren.
Mir fehlt nichts. Das Leben ist schön. Und, ganz ehrlich: Mich stören nicht einmal mehr die 41 Jahre. Nur meine Haare, die könnten wirklich … aber lassen wir das.

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