Tapfer recken meine Primeln, Hyazinthen und Narzissen Ihre Köpfchen und Blätter dem fahlen Licht entgegen, das durch das Kellerfenster fällt. Die ihnen eigentlich zugedachten Plätze auf dem Balkon sind verwaist. Ich kaufte  sie in einem Überschwang von Frühlingsoptimismus; an einem Wochentag, an dem es bereits so warm war, dass ich sogar in Erwägung zog, die Winterjacke in den Keller zu schaffen. Dann kam der Frost zurück, und anstelle der Jacke wanderten die Blumen in den Keller. In zwei Tagen hole ich sie wieder hoch, dachte ich, aber es wurde eine Woche Dauerfrost daraus, ich weiß nicht, wie lange der noch anhält.
Mit leichter Betrübnis blicke ich auf die leeren Balkonkastenhalterungen, während feiner Schneegraupel über die verbliebenen, winterharten Pflanzen peitscht, und komme zu der Erkenntnis: Frühling ist eben nicht planbar. Egal, wie sehr man ihn sich herbeisehnt.

Auf dem täglichen Weg zum Strand wird es bitterkalt. Ich kehre in eines der beiden Restaurants ein, die direkten Meerblick bieten, damit ich das Wasser wenigstens noch sehen kann, wo es schon draußen nicht mehr auszuhalten ist. Im Sommer sind diese brechend voll, aber jetzt geht es, und ich bekomme sogar einen Platz direkt am großen Panoramafenster. Ein Turmfalke ist über der Düne auf Beutezug; er rüttelt so nah über dem Fenster, dass ich sein schönes, rostbraunes Gefieder sehen kann.
Ich lasse mir 24 Stunden lang gegarten Rinderschmorbraten auf der Zunge zergehen, vom Langeooger Weiderind. Es schmeckt sehr gut, und Unternehmen, die auf Erzeugnisse aus der Region setzen, unterstütze ich grundsätzlich gerne, aber dennoch hoffe ich, dass ich nicht genau diesem Rind des Sommers in die Augen blickte. Es ist schon manchmal ein Dilemma: Ich mag Tiere. Aber ich mag sie auch essen.

Im Herbst gibt es hier immer Wildwochen. Jeder kennt die Fasane, die treuherzig alle naselang die Spazierwege kreuzen und durch die Vorgärten flanieren. Und jeder kennt die Hasen, die besonders gern in der Dämmerung oder in den frühen Morgenstunden über die Straßen flitzen; dabei so manchen Radfahrer erschreckend. Es sind schöne Tiere, die aber keine natürlichen Fressfeinde haben: Es gibt keine Füchse auf Langeoog, und nicht allzu viele Greifvögel. Und so werden die Hasen und Fasane hier zur Bestandsregulation bejagt.

Ich ahnte, dass die Dinge schiefliefen, als der Mann, für den ich mich zu jener Zeit erwärmte, sich darüber fürchterlich echauffierte. Er wäre ja einerseits gern nochmal im Herbst auf die Insel gekommen, andererseits: Was hätte er nicht soeben GRAUSAMES und UNSÄGLICHES über die Jagd auf Langeoog lesen müssen! Die armen Häschen! Auf einen dergestalt blutbesudelten Flecken Erde könne man nicht mehr reisen, auf gar keinen Fall.
Ich erinnerte mich an kurz zuvor von ihm gegrillte Steaks und mutmaßte, dass auch diese Viecher nicht zu Tode gestreichelt wurden ― aus Harmoniegründen verkniff ich es aber, auch ihn daran zu erinnern. Und so schlug ich, den gemeuchelten Feldhasen zu Lebzeiten gleich, den ein oder anderen Haken des geduldigen Erklärens in Sachen Überpopulation, ökologisches Gleichgewicht und so fort. Auch erläuterte ich, dass man hier nicht einfach einen Fuchs aussetzen könne, weil der auch an die Gelege der seltenen Brutvögel ginge, und so müsse man Prioritäten setzen. Natürlich sei es diskutabel, was der Mensch überhaupt auf so einem empfindlichen Fleckchen Erde verloren habe, und warum sich dieser grundsätzlich als Krone der Schöpfung begriffe, aber Homo sapiens sapiens wohne nunmal ebenfalls bereits seit ein paar Jahrhunderten auf Langeoog und verteidige lediglich diesen Lebensraum: Wie jedes andere Tier auch.
Ferner vermied ich auch, den Mann daran zu erinnern, was seine geliebte Katze nicht alles an Vögelchen (die ich wiederum liebe) und anderen Tieren  gemeuchelt habe, denn spätestens dann hätten wir uns im Kriege befunden ― wenn auch mit vorerst anderen Waffen als jenen, die mir heute den Rinderbraten ermöglichten.

Natürlich wünsche ich im Grunde jedem Lebewesen, inklusive den Fasanen und Feldhasen und mir, irgendwann friedlich an Alterschwäche zu sterben, und selbstverständlich kann man über die Notwendigkeit des Fleischessens als solche diskutieren, aber selbst wenn ganz Langeoog zum Veganismus überliefe: Einige Tiere müssten geschossen werden, so oder so. Und jetzt werden sie immerhin noch gegessen.
Der Mann leerte noch einen großen Kübel Verbaljauche über die Langeooger Jäger und zog sich dann schmollend nach Passiv-Aggressivistan zurück; mich fortan in den Reihen der marodierenden Mörderbanden vermutend. Ich widersprach nicht. Der Mann im Haus gegenüber jagt auch, sagte ich noch. Aber er hat mir umsonst mein Fahrrad repariert und grüßt immer nett. Dieses Argument indes, nunja: verpuffte. Der Mann schwieg.
So entzweit man sich also über verdammte Hasen, dachte ich, und überlegte kurz, ob so ein Jagdschein nicht eine feine Sache wäre: Aus Trotz. Aber dann war es mir nicht mehr so wichtig.

Letztendlich, denke ich, war dieses Theater wohl auch nur ein willkommener Vorwand, um nicht mehr herkommen zu müssen; ein inszeniertes Provinzdramolett, hübsch drapiert um einen vermutlich aufrichtigen, aber durchaus befremdlichen Kern der Entrüstung. Man schafft es ja immer, sich Dinge und Menschen schlechtzureden, wenn man es nur genug will. Niemand beendet gern Dinge grundlos. Und so schafft man sich Gründe, wenn nicht wirklich welche da sind oder man sich die wahren Gründe nicht eingestehen möchte: Dessen sind und waren wir wohl alle irgendwann mal schuldig.

Umgekehrt funktioniert das leider auch. Wir lernen jemanden kennen und denken anfangs „naja“, weil eigentlich nicht mein Typ u.s.w., aber dann will man sich unbedingt verlieben, um zu sehen, ob das noch geht, und um einen anderen zu vergessen, und dann sieht man genauer hin und findet das Schöne, das Gute, das Begehrenswerte überall, weil man es finden will. Das ist wie mit den Frühlingsblumen: Wenn ich sie kaufe, wird es warm. Ganz sicher. Wenn ich ihn liebe, wird es schön. Ganz sicher.

Für eine Weile klappt das auch, aber dann kommt der Frost zurück und wir stehen da. Und sind froh, wenn wir einen Keller zum Überwintern haben, wenigstens für die Blumen. Für die Gefühle zwischen dem Mann und mir indes gab es keinen Platz mehr: Sie erfroren, kaum erblüht.
Der Falke schwebt erneut nah an der Fensterfront vorbei.

Mein lieber Freund F. aus Berlin hat Eichhörnchen. Oder, vielmehr: Die Eichhörnchen haben ihn, denn es gibt wohl kaum einen Menschen, der dem Charme dieser plüschigen Gesellen mit den Puschelohren nicht verfiele, wenn sie ihn so regelmäßig auf seiner Terrasse besuchten, wie sie es bei F. zur Gewohnheit haben. Dieser Tage, berichtete F. besorgt, kam eines der Hörnchen nicht wieder. Er befürchtete, ein Falke habe es geholt; er habe den Vogel selbst gesehen, und natürlich war er darüber untröstlich. Zur Beruhigung vorweg: Das Nagetier erfreut sich des Lebens, aber umso bewundernswerter fand ich die Haltung des Freundes. Denn tatsächlich war auch dieser, trotz der Sorge um seinen kleinen Fellfreund, noch großherzig genug, um zu sagen, dass er Greifvögel trotzdem mag und wisse, dass das Natur sei. Und diese nähme nunmal keine Rücksicht auf Niedlichkeit. Und dass es schön sei, dass auch in der Großstadt noch so eine Artenvielfalt herrsche, dass man überhaupt Falken fände und Eichhörnchen, Schwanzmeisen und Spechte, all das inmitten von Berlin; in der Nähe eines Platzes, der für Vorbeilaufende meist nur aus Dönerbuden, einem berüchtigten U-Bahnhof, Plattenbauten und herumlungernden Dealern besteht.
Das hat Eier, denke ich bewundernd, und sehe ― ebenfalls mit Bewunderung ― dem eleganten Raubvogel zu, wie er weiter seine Runden dreht. Derweil verwäscht sich die Sonne über dem Meer in grauroter Dämmerung.

Nächste Woche ist Valentinstag. Ich machte mir nie etwas daraus, weil ich denke, dass man auch Romantik nicht planen kann, ebensowenig wie Liebe oder den Frühling. Mir persönlich graut es auch vor inszenierter Romantik wie rosenblätterbestreuten Bettdecken, und die leider auch auf der Insel allgegenwärtigen „Liebesschlösser“ an Geländern treiben mir regelmäßig den Blutdruck in die Höhe, weil ich schöne Geländer liebe und diese kitschigen Rostklumpen daran nicht sehen will. „Ihr seid doch eh schon alle wieder geschieden“, denke ich dann oft, wenn ich missliebigen Blickes daran vorbeilaufe, auch wenn das natürlich gemein und sicher nicht in jedem Falle die Wahrheit ist. Vielleicht bin ich auch einfach kein besonders romantischer Mensch, aber ich erinnere durchaus Situationen, die ich als romantisch empfand: Keine von diesen indes war geplant.

So erinnere ich zum Beispiel, als ich noch in Bayern lebte, einen Ausflug zum Ammersee. Die Begleitung war eigentlich nur ein Freund, jemand, mit dem ich mich aufgrund seiner Intellektualität gern unterhielt. Es war ein brütend heißer Hochsommer, und die alten Bäume entlang des Ufers dampften noch von einem vergangenen Regenguss, als plötzlich erneut ein nahezu tropisch anmutender Platzregen einsetzte. Das Auto war weit, jeder Unterstand auch, und so sahen der Freund und ich ― nach Sekunden schon nass wie die Hunde ― uns einfach nur an und lachten. Und dann küssten wir uns, den ganzen infernalischen Regenschauer lang. Danach war der Zauber vorbei; wir knüpften nie daran an und sprachen auch nicht mehr darüber, man war halt jung, mehr oder weniger.

Aber das zum Beispiel, denke ich heute, das war romantisch. Und deshalb denke ich, bin ich vielleicht auch nicht scharf aufs Heiraten. Auch das ist mir zu viel geplante Romantik, zu viel Druck dahingehend, dass es dieses Mal  gutwerden, dass es jetzt funktionieren muss.
Ich weiß daher nicht, warum ich auch heute noch zuweilen in diese Falle gerate, wenn ich jemand kennen lerne: Die Falle der eigenen Ansprüche an das Gelingen von Liebe. Aber Liebe ist halt kein Kuchenrezept, so läuft das  nicht.

Tatsächlich war für mich auch eher Romantik, wenn ich nach Nächten in Berliner Dunkelkammern in desolatem Zustand heimkehrte (ich war mal jung, ich erwähnte es), den einen, mit dem ich eine offene Beziehung pflegte, schlafen sah, und dann dachte: Ich gehöre nur Dir, egal, wann, wo, und mit wem. In diesen Momenten ging er auf, der warme, süße Kuchenteig der Liebe ― allen vermeintlich unromantischen Rahmenbedingungen zum Trotz.

Hör auf zu planen, sage ich mir also, als ich erneut nach meinen Kellerkindern, den Frühblühern, sehe. Es ist eine Binsenweisheit, aber es kommt sowieso immer anders, als man denkt. Und oft genug fällt man dabei nach oben. Die Blumen werden überleben. Und der Frühling kommt, so oder so. Ich muss nicht darauf warten.

 

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