Der Mann verschwand wie ein Schatten, während die Farben der Landschaft in der heraufziehenden Nacht verblichen. Das war es also, denke ich. Nicht, dass es nicht abzusehen gewesen wäre; es war nur eine Frage der Zeit, bis er ging.

Dennoch komme ich nicht umhin, mich zu fühlen wie ein zurückgegebenes Weihnachtsgeschenk. Begeistert empfangen, aber dann, nach näherer Begutachtung, ungeliebt und für nutzlos befunden. Es wird kein Wir mehr mit diesem Menschen geben, es gibt nicht einmal mehr ein Du. Der Schatten hat sich aufgelöst, nichts bleibt zurück.

„Sei Du selbst“, konstatierte einst Oscar Wilde, „alle anderen gibt es schon“. Das ist richtig. Aber manchmal ist der Preis, den man für das Selbst-Sein zahlt, sehr hoch. Das wusste auch der irische Dichter: Schließlich wurde er dafür, dass er dem, was er fühlte, und dem, den er liebte, nicht abschwor, ins Gefängnis gesteckt, wovon er sich nie mehr erholte. Mich steckt niemand für mein Selbst-Sein hinter Gitter. Vielmehr ließ ich den Kerker hinter mir, verließ die Bühne und all das Theater. Aber auch ich zahle.

Der Mann liebt das Theater. Und jetzt ist er verschwunden, irgendwo dort, in dieser weiten Ansammlung von Grün zwischen Weinbergen und erloschenen Vulkanen, und die Gefühle für den Mann tropfen zäh aus meinem Herzen, schwerfällig wie der Name seines Bundeslands, in dem ich nie war und das mir heute ferner nicht sein könnte. Sein Heimatdialekt zieht durch meine Erinnerung, diffus wie Nebelschwaden, ein breit und weich getretener Singsang, recht konträr zur wettergegerbten Schroffheit des Ostfriesischen, die sich mit knarzendem „R“ und Sätzen wie Schüssen bemerkbar macht. Nichts davon hört man zwischen den Vulkanen, den Weinbergen oder in der Stadt, in der die Flüsse zusammenfließen, worüber ein deutscher Kaiser wacht. Hier wachen die Leuchttürme. Deutsche Bucht statt Deutsches Eck: So sei es.

Ich liebe meinen Norden, und es gibt und gab keinen Mann, keinen Umstand, der mich hier wegbrächte. Aber sporadisch hätte mich einlassen können auf das Fremde, das Unbekannte. Ich hätte es liebgewinnen können, nicht trotz, sondern wegen seiner Andersartigkeit. Niemandem schadet es, so heimatverbunden er auch sei, seinen Horizont zu erweitern, und wie gelänge das besser als mithilfe der Liebe?

Ich zähle, um mich zu trösten, all die Vorteile auf, die das Verschwinden des Mannes mit sich bringt. All das Geld, das ich mangels Fernbeziehung spare. All die Sorgen, die ich mir nicht mehr machen muss. All die Namen, Orte, Geschichten, die ihn ausmachen, und die ich jetzt nicht mehr lernen muss. Meine und seine Vergangenheit, all das, was uns prägte,  muss nicht mehr arrangiert werden, um die Basis für eine dauerhafte Zukunft zu legen, denn diese Zukunft haben wir nicht. Und ich muss mir keine Gedanken mehr darum machen, dass meine Türrahmen niedriger sind als er. Es wird sich niemand mehr den Kopf daran stoßen.

You don’t know what it’s like, when you’re new to the game / but I’m not, singen die Kaiser Chiefs, und so ist es, daher sollte ich es nicht schwer nehmen: been there, done that, mehr als genug. Liebe ist kein Wettbewerb. Niemand gewinnt. Und darum gibt es eigentlich auch keine Verlierer.
Dennoch, denke ich: Ich bin zu alt für den Scheiß. Man hat es so durch irgendwann, man wird blind für den Anfang und taub für das Ende. Manchmal beneide ich meinen Freund S., den Priester, darum, dass er dem Zölibat unterworfen ist. Der hat wenigstens eine triftige Ausrede dafür, sich von all dem fernzuhalten, denke ich dann. Ich habe diese Ausrede nicht, und natürlich weiß man, das die Eltern gern jemanden an meiner Seite sähen und die wohlgesonnenen Freundinnen und Freude auch. Aber es nützt nichts, ich muss die Liebe woanders finden.

Im Fernsehen und im Internet hagelt es Werbung für den Valentinstag und den nahenden Frühling. Auch das Städtchen, in dem der Mann geboren wurde, klingt nach Maiglöckchen und Frühling, denke ich traurig, und erinnere all die schönen Träume von einem Eintauchen in seine Welt, an blühende Felder im Schatten der Burg und seinen Schatten neben meinen, an in Herbstfarben entflammte Wälder und blaues Eis auf mäandernden Flüssen.

Wenn ich nun allein über meine geliebte Insel streife, denke ich oft an das, was ich ihm noch zeigen wollte. An all das, was ich liebe; all das, von dem ich hoffte, dass er es auch lieben würde, und dass es ihn noch näher zu mir brächte. Ich muss es aufgeben.
Mein Blick schweift hinunter zum Deich, nach Süden. Dort gäbe es eine Fähre, einen Zug. Er könnte in fünf Stunden hier sein, wenn er jetzt losführe: Es gibt noch eine Verbindung zwischen den Orten, ja. Aber keine mehr zwischen uns. ich muss es einsehen.

Auf Tjard-sin-Utkiek blicke ich hinunter auf das Land, das ich liebe. Die Zeit der Stürme ist vorbei, bald werden die Dünenabbrüche am Strand eingeebnet sein. Wir haben ihn bald geschafft, den Winter, denke ich. Wir haben ihn doch immer geschafft.

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