Nach Tagen des Einheitsgraus klart der Himmel auf. Ich betrachte den Holunderzweig auf meinem Küchentisch, er treibt erste Knospen. Ich fand ihn nach einem Sturm, halb abgerissen, aber es war noch Leben darin. Also nahm ich ihn mit. Nun schlägt er hier in einer Vase Wurzeln, und zarte Blätter in diesem unvergleichlichen Frühlingsgrün recken sich dem Licht entgegen. Vielleicht kann ich ihn später einpflanzen, denke ich, dann habe ich einen Holunderstrauch, und er wird erst Blätter treiben, dann Blüten, dann Früchte.
Wenn doch alles nur so verlässlich abliefe wie die Natur, all das Werden und Vergehen, all das Verblühen und Verkümmern. Das sichere Wissen, dass auf die Winterkälte mit ihrer schier endlosen Dunkelheit tatsächlich das Licht folgt, die Wärme, die unbändige Kraft all dieses aus der Tristesse hervorbrechenden Lebens.
Ich hab den Frühling so lange ersehnt.

Mein Leben ist gut, denke ich, die Hände am sonnengelben Kaffeebecher wärmend; die Winterdekoration habe ich längst weggeräumt. Am Ende meiner Straße ist das Meer. Ich werde für Dinge bezahlt, die ich liebe. Und dennoch ist sie da, diese seltsame universelle Traurigkeit über jene Bereiche, in denen wir keine Macht über die Jahreszeiten haben. In denen wir nicht wissen können, ob eine Ahnung von Sommer nicht nahtlos in einen dunklen Winter mündet, in dem wir ziellos durch nasse Straßen voll dreckigen Schneematsches wandern. Winter, Frühling, Sommer, Herbst: Das funktioniert so nicht in der Liebe.
Ich zerre mich aus den Gedanken ins Jetzt und mache mich auf zum Deich.

Ich nehme keine Uhr mit und auch sonst nichts, was mich an die Welt bindet: keine Musik, kein Telefon. Das langsame Wolkentreiben über mir ist der einzige Indikator für die vergehende Zeit, außer den Schritten, die ich setze, einen nach dem anderen. Der Schnee ist getaut, nur auf den Dünengräsern glitzert noch Raureif, dazwischen Reste von Hagel. Ich hinterlasse keine Spuren. Aus einer Weide stiebt ein Schwarm Grünfinken. Ab und zu lugt die Sonne aus einem Wolkenloch; ihre Strahlen wärmen bereits. Das Moos am Wegesrand zeigt, wie mein Holunderzweig, erste hellgrüne Triebe.

Warum wandert man eigentlich, frage ich mich, wo es doch eigentlich nicht produktiv ist. Ich meine jetzt natürlich nicht jene Arten des Wanderns, die einem Sport gleichen, mit akribisch ausgearbeiteten Routen und zu bewältigenden Höhenmetern, mit Stöcken, Steigeisen und sonstiger Ausrüstung. Mit Zielen und Ehrgeiz.
Ich meine eher das „Spazierengehen“, das rein müßige Treibenlassen durch die Natur, einhergehend mit der stillen Beobachtung zufälliger Dinge, die den Weg oder auch nur die Gedanken kreuzen. Warum machen Menschen sowas, warum mache ich das? Und warum ist so etwas, nüchtern betrachtet, Nutzloses dennoch jedes Mal so unglaublich bereichernd und heilsam, egal, wie deprimiert man loszog? Ich liebe das vermeintlich sinnlose Streifen durch die Natur, das Einwirkenlassen von Farben, Tönen, Gerüchen, von Wind und Wetter. Es klärt Seele und Geist, man kann dabei Gott begegnen oder sich selbst. Und manchmal trifft man auch andere.

Heute sind kaum Menschen unterwegs. Als ich das Gatter am Schart öffne und den schmalen Weg auf der Deichkrone betrete, bin ich allein mit den Salzwiesen und ihren Bewohnern. Die Windräder auf dem Festland sind nur schemenhaft zu erkennen. Auf den Feldern am Fuße des Seedeichs sammeln sich Gänse. Ihre Rufe dringen mit dem schwachen Westwind zu mir, kaum mehr als eine Ahnung. Die Sonne steht bereits tief im Westen. Ein Turmfalke rüttelt über seiner Beute.

Niemand sonst ist zu sehen. Nur ganz in der Ferne, ein kleiner Punkt noch und von Süden kommend, ist eine Person zu erkennen. Auch dieser Mensch wandert entlang der Deichkrone, und ich werde ihm begegnen müssen, auf diesem schmalen Pfad ist das unvermeidlich. Ich denke daran, wie der Deich im Sommer aussieht, wenn länger das Gras nicht gemäht wurde, wenn Hummeln im blühenden Klee summen und herumflatternde Schmetterlinge ihre Schatten auf die sonnenwarmen Steine des Pfades werfen. Wenn mächtige Vogelformationen über die Insel ziehen, Kiebitze über den Äckern turnen und die Möwen, Rotschenkel und Austernfischer in den Salzwiesen ihre zart fiependen Jungen beschützen. So viel Leben auf jedem Quadratmeter. Heute steckt das Leben noch im Winterschlaf; die Düsternis der vergangenen Wochen ist nicht vergessen.

Der Mensch kommt näher, es ist ein Mann. Er ist sehr groß und schlank, fast dünn, aber nicht schwächlich, mit langen Armen und Beinen, die Statur eines Tänzers. Sein Gesicht ist schmal und klar konturiert. Er hat nicht die klassische Schönheit eines Models, aber viele hübsche Details, die ihn in der Gesamtheit dennoch attraktiv wirken lassen. Seine Augen haben im kühlen Januarlicht das Blau von Rotkehlcheneiern. Haare und Bart sind ein vom Winter verdunkeltes Blond, nahezu ein Braun. Das Gold des Sommers ist Geschichte. Seine Haare sind dicht und schön wie aus der Shampoowerbung, aber man sieht sie heute nicht; er verbirgt sie unter einer Mütze. Ich weiß das, weil ich den Mann kenne. Ich habe lange auf ihn gewartet.
Und nun werden sich unsere Wege vermutlich das letzte Mal kreuzen; nein: Nicht einmal kreuzen. Wir setzen sie fort, in andere Richtungen. Und wieder einmal werde ich mit zunehmend tauben Herzen feststellen müssen, dass physische Präsenz nicht zwangsläufig Nähe bedeutet. Dass man sich treffen kann, ohne sich zu begegnen, egal, wie anders es sich anfangs auch angefühlt haben mag.

Es liegt kein Erkennen in seinen Augen. Er wusste, dass er in meiner Welt willkommen ist, darum ist er jetzt hier. Aber er nimmt mich nicht mit in seine. Er geht so nah an mir vorbei, dass ich das Rascheln des Stoffs seiner Jacke hören kann, seine Schritte. Hielte ich nicht vor Aufregung die Luft an, könnte ich ihn riechen. Ich werde unsichtbar.
Ich würde gerne mit dem Mann sprechen, ihn wenigstens grüßen, aber ich bringe es nicht fertig. An der winzigen Ausweichbewegung, mit der er sich den Weg an mir vorbei bahnt, erkenne ich sein Fremdeln; hielte ich ihn jetzt auf, würde er feindselig. Er wandert allein, und das soll auch so bleiben: Es gibt nichts mehr daran zu deuten.

Ich sehe ihm nach. Die Farben seiner Kleidung verbluten im Dunst der heraufziehenden Dämmerung. Aus seinem Rucksack ragt eine Querflöte. Die Erinnerung an schlanke, virtuose Finger ziept im Herzen. Die Erinnerung an Träume von Strandkörben, Fjorden, Wäldern, Burgen. Die Hoffnung auf Frühling. Ich weiß nicht, wovon er heute träumt. Ich werde es nie wissen. Nur langsam finde ich zu mir zurück, nehme ich wieder Form an, bin ich mehr als der Geist, den er verneint.

Der Hafen ist nah. Ich höre das Horn der Fähren: An- und Abreise, Willkommen und Wiedersehen, Anfang und Ende, Hallo und Tschüss.
Ich mag mich dem Drehen der Welt jetzt nicht aussetzen. Also stehe ich einfach noch eine Weile auf dem Deich und beobachte die Seevögel auf den Wasserlachen, wie sie sich gegen die Kälte zusammendrängen. Ich vermisse den Wanderer.

dsci0524dsci0504dsci0496dsci0497

Advertisements