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Es ist eine helle Nacht, der Mond ist fast voll. Wenn die „fertige“ Seite die Form eines altdeutschen, kleinen „z“ hat, so ist er zunehmend, lernte ich einst; hat sie dagegen die Form eines kleinen, alttdeutschen „a“, so nimmt er ab. Ich schwinge mit Blicken ein „z“ in die Luft: Er nimmt zu. Ein, zwei Tage noch, dann ist Vollmond. In Verbindung mit starkem Wind eine gefährliche Zeit für das Leben an der See: Sturmfluten drohen.

Sechs Meter misst bereits die Abbruchkante an meinem Hausstrand, sodass ich den mir nächstgelegenen Strandübergang im Moment gar nicht mehr nutzen kann, die Natur hatte hier andere Pläne.

Plötzliche Abbrüche, welche existenzbedrohend sein können: Gibt es das nicht in jedem Leben? Scheidungen, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, tragische Unfälle, für welche keine Versicherung einspringt?

Und was machen wir dann? Nun. Entweder springen wir die Abbruchkante hinunter. Dann sind wir tot oder vegetieren. Oder wir schütten das Ganze hastig zu. Dann ist es nicht stabil. Oder wir gehen besonnen an die Sache: Lassen uns helfen. Hören uns andere Meinungen an und lernen gerne dazu oder denken um, lassen uns aber nichts ein- oder ausreden. Lassen uns keine Märchen erzählen, im Sinne von: Da ist doch nichts, geh nur weiter, mach jetzt keinen Aufstand!
Nein, wir halten uns an Menschen, die uns sagen: Doch, das ist Scheiße. Das ist gefährlich. Aber wir ärgern uns jetzt zusammen darüber. Und dann finden wir auch zusammen da raus. Denn wir wissen: Keiner lässt den anderen los, wenn er noch etwas näher an die Kante kriecht, um den Schaden zu begutachten; um sich das anzusehen, was der Abbruch freigelegt hat. Manchmal ist das kein schöner Anblick. Manchmal ist es ein heilsamer. Aber immer ist es notwendig, sich die Trümmer anzusehen, damit wir sie neu ordnen, ebnen, und wieder darauf aufbauen können. Und es ist schön, wenn man das nicht allein tun muss. Wenn man Vertrauen haben kann: In seine Freunde. In Gott.

Nun höre ich meine atheistischen Freunde leise aufjaulen im Geiste, aber ich muss jetzt kurz über Gott sprechen; ich kann nicht umhin, dass dieses Thema in mir, einem recht christlich sozialisierten Wesen, das sich allzu lange gegen die Vorstellung einer höheren Macht wehrte, doch auf irgendeine Weise präsent ist. Und ich habe gesehen, dass Gott wirkt.
Ich wäre nicht selbst Ewigkeiten Atheist gewesen, wenn ich mich durch diese Erfahrung jetzt nur noch auf Gottes Fügung verließe und mich passiv in jedes Schicksal ergäbe, nein, dafür habe ich im Leben schon viel zu oft gekämpft. Ich bin wahrlich kein Gustav Gans gewesen. Aber viel zu oft habe ich dabei eben auch eine helfende Hand übersehen, die mich stützte, barg und aufrichtete: SEINE Hand. Manchmal kam sie in Form eines kluges Buches daher. In Form meiner Eltern. In Form eines Freundes. In Form irgendeines kleinen, für andere womöglich irrelevanten Ereignisses, das mich klar erkennen ließ: Es geht weiter. Ich war, und das weiß ich heute sicher, an keinem Punkt meines Lebens allein, auch wenn es für viele so aussah. Auch wenn es sich aus meiner damaligen Sicht oft so anfühlte. Aber dem war nicht so.

Und erst heute weiß ich, dass das, was mir früher über Gott, über den Glauben erzählt wurde, eigentlich immer nur die Sicht anderer Leute auf Gott war sowie deren eigene, urpersönliche Art zu glauben. Im Falle der Berufskleriker_innen in meiner Familie und der Religionslehrer_innen in der Schule war das zwar durchaus wissenschaftlich-theologisch untermauert, aber befähigt einen ein Bibelstudium denn automatisch zur einzig wahren Erkenntnis? Wenn dem so ist, will ich auch heute nicht gläubig sein. Denn in deren Gottes- und Glaubensbild kam jemand wie ich nicht vor. Schlimmer noch: Ein Gott, wie er mir früher vermittelt wurde und wie ihn die Kirche vielerorts immer noch vermittelt, hasst mich. Widernatürlich, Auflehnung gegen die Schöpfung, ein menschgewordener Sündenpfuhl: Das ist nicht Gottes Werk. „Du hast keine Fehler, du bist einer!“ „Jemand wie du ist von Gott nicht gewollt.“

Doch.
Und ja, Vater, ich habe gesündigt. Aus Gründen der Diskretion gehe ich jetzt nicht ins Detail, aber die Liste ist lang, und nicht alles davon kann man heilen, aber dennoch weiß ich heute, dass Gott auch das vergibt: Wirklich vergibt. Wir haben alle eine Chance auf einen Neuanfang. In meinem Falle: Sogar auf sehr viele.

Aber das Predigen sollte ich Profis überlassen.
Und so laufe ich durch die sturmverwaisten Straßen, den Kampf mit der Kapuze gegen den Wind habe ich längst aufgegeben, und wiege die Worte eines liebgewonnenen Freundes im Herzen: Dass Gott mit manchen Menschen eben besondere Pläne hat. Das Gott mich genauso wollte, wie ich bin. Wie ich jetzt bin. Dass mein Weg keine Sünde war, sondern auch SEIN Weg. Dass ich kein Paria bin, nur, weil ich heute ich selbst bin. Im Gegenteil. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ heißt es in der Bibel, „und zu oft vernachlässigen wir dabei den zweiten Teil“, ergänzt der Freund. So betrachtet (dies zumindest ist meine Laien-Interpretation) führt uns der Weg zu uns selbst also eher zu Gott, als dass er uns von ihm fortbrächte ― Das hatte ich jahrelang anders betrachtet. Ich sündige, ja. Aber ich bin keine Sünde. Ich bin Teil der Schöpfung, SEINER Schöpfung, nicht meiner. So wie jeder andere Mensch auch. Die Natur macht Fehler: Gott nicht.
Jetzt einen Freund in Freud und Leid an meiner Seite zu wissen, der mir in so vielerlei Hinsicht darüber die Augen öffnete, und mich annahm, mit allem, was ich war und was zu mir gehörte, tat gut. Und wenn ich gewusst hätte, wie nett Theologen sein können, hätte ich mich schon früher mit welchen angefreundet ― vermutlich wäre ich dann auch kürzer Atheist gewesen.

„Die Katholen haben doch alle einen an der Waffel“ beschied mir vor langer Zeit einmal der berufsprotestantische Familienzweig, und jetzt denke ich an wieder an diesen Freund, der katholischer nicht sein könnte, und finde, dass er keinen an der Waffel hat ― zumindest nicht mehr als jeder andere Mensch auch, der das 30. Lebensjahr vollendet und alle handelsüblichen Dinge erlebt hat, die ein Mensch eben in über dreißig Jahren so durchmacht, sofern er nicht auf einem fernen Planeten oder in einer Höhle aufwächst. Und im Grunde ist „einen an der Waffel haben“ ja auch per se erst einmal nichts Schlechtes ― sämtliche Kunstzweige leben davon, wobei man sich oft ohnehin nicht sicher ist, ob die Spinner jetzt vor oder hinter der Staffelei sind, vor oder auf der Bühne, aber ich schweife ab.
Jedenfalls ist der Mann Priester, und so sind wir von Gott jeder auf unsere Weise für das Alleinsein vorherbestimmt, aber er leidet darunter nicht, und ich ― das habe ich beschlossen ― werde das auch nicht mehr tun. Ich habe aus dieser Freundschaft, allein durch die Tatsache, dass dieser Gottesmann immer ein offenes Ohr hat, obwohl ich als exprotestantischer Heide eigentlich gar nicht in seinen Wirkungskreis falle, tatsächlich schon viel gelernt, nicht nur über Glaubensfragen: Dafür bin ich dankbar.
Auch bekam ich dadurch vor Augen geführt, wie sehr es sich lohnt, seine Vorurteile gegenüber bestimmten Menschen oder Berufsgruppen einfach abzustreifen und sich auf das Neue einzulassen, das Unbekannte, das Exotische oder insgeheim Belächelte.

Mich brachte die vorsichtige, u.A. durch diese Freundschaft initiierte, Wiederannäherung an Gott beispielsweise zu folgenden Erkenntnissen:

Der Mann, den ich gerne als Partner gehabt oder zumindest dahingehend näherer Betrachtung unterzogen hätte, interessiert sich nicht mehr für mich: So weit, so schlecht. Aber er hat Gründe, über die ich keine Herrschaft habe, die mich nichts angehen, und mein Schmerz, mein Gekränktsein darüber ist allein mein Schmerz und meine Eitelkeit, es ist nicht seine Schuld. Es ist auch nicht meine oder die Schuld des Ozeans, des Mondes, oder irgendeiner höheren Gewalt. Es ist auch keine Strafe Gottes für meine unzähligen Sünden. Es ist. Ich muss ihn ziehen lassen; ich muss es hinnehmen.
Ich denke an die vielen positiven Dinge, die dieser Mann in mir bewirkt hat, wie all die Inspiration und die Erinnerung daran, dass ich doch noch lieben kann. Und ich bin dankbar.

Jemand, die ich für eine Vertraute, oder jemand, den ich für einen Vertrauten hielt, denunziert mich und löst damit eine Kette unschöner Dinge aus, gegen die sich zu wehren viel Kraft kostet: So weit, so schlecht. Aber immerhin zeigt mir der Kampf, was in mir steckt. Zeigt mir der Fall, dass der eingeschlagene Weg so oder so nichts Gutes bewirkt hätte. Erkenne ich: Es war gut so, wie es war. Weiß ich: Ich mag falsche Freunde gehabt haben, aber ich habe auch echte. Freunde, die mir sofort und in einer derart unaufdringlichen Weise helfen, dass ich mich nie entmündigt oder entwürdigt fühle, nie als Almosenempfänger, obwohl sie mir vieles schenken.  Und ich bin dankbar.

„Das ist nicht das Ende“ sagte Churchill, „es ist nicht einmal der Anfang vom Ende!“ Und wenn der olle Church etwas konnte, dann waren es wohl Durchhaltesprüche: „Wir werden diese Insel verteidigen, mit allen Mitteln!“ ― Natürlich sprach er damals nicht von Langeoog, und ich will hier nicht kriegsverherrlichend wirken, aber genau dieser Satz half mir dann letzten Endes doch: Beim Hierbleiben. Beim Überleben. Und ich war dankbar.

Man is not made for defeat.
Es ist nicht immer einfach im Paradies, und die letzten Wochen waren es ganz und gar nicht. Aber nun, denke ich, ist alles in Form gefallen. All das Chaos fügt sich wieder zu etwas Neuem, Wunderbaren zusammen. Die Trümmer sind beseitigt. Der Frühling steht vor der Tür.
Noch sind die Bäume kahl, aber wenn der März kommt und sich die ersten Knospen zeigen, werde ich sehen, wohin mich der neue Weg führt. Ob es gut ist. Ob er zu mir gehört. Ich werde annehmen, was kommt. Ich habe Vertrauen, denn ich weiß, dass ich nicht mehr verlieren kann.
Natürlich kann ich nach wie vor Geld verlieren, geliebte Menschen oder meine Gesundheit. Ich werde es sogar, das ist der ― unvermeidlich grausame ― Lauf der Welt. Der Herr gibt es. Der Herr nimmt es.
Gott nimmt mir nicht die Arbeit ab. Nicht die Trauer. Und nur mit viel Anstrengung meinerseits den Zorn. Aber ich weiß, dass ich zugleich auch immer Trost finden werde, Kraft und Gerechtigkeit. Ich vertraue.
Und ― mit der berühmten little help from my friends ― wird auch dieses Jahr noch ein Gutes. Ich gebe dem Jahr und mir diese Chance.
Wir haben nur dieses eine Leben. Wir sollten es gut behandeln.

***

P.S., von Herzen kommend: Ich kenne inzwischen auch zwei sehr, sehr nette evangelische Theologen ― dies zur Ehrenrettung!

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