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Auf der Insel ist Ruhe eingekehrt. Beim Aufstieg zum Tjard-sin-Utkiek ist nichts zu hören außer dem Rauschen der Wellen, dem Meckern eines Fasans aus den Dünen und dem eigenen Atem. Auch der Sturm, welcher in den letzten Tagen noch mit aller Rohheit über den Strand und durch die Straßen fegte, hat sich gelegt. Die Menschen, welche die Insel über Weihnachten und Neujahr in Scharen bevölkerten, sind fort. Aus einem vom Wind losgerissenen Reisigbündel, das einst als Dünenbefestigung diente, tschilpt zart ein Rotkehlchen.
Vom Aufgang Pirolatal aus erreiche ich den Strand. Der Strand selbst bietet noch ein Bild der Verwüstung. Wo einst der Aufgang Gerk-sin-Spoor war, ragt heute eine Steilwand aus Sand empor, entwurzelter Strandhafer liegt, mit Seetang verschlungen, in dicken, gelbbraunen Knäueln am Flutsaum. Dazwischen Zaunpfähle, Begrenzungsdrähte, Schilder. Der Dünenüberweg ist unpassierbar.

Die Sandfläche zwischen dem Meer und den Dünenabbrüchen, sonst eine glatte, unberührte Fläche, ist allerdings von Hunderten Füßen aufgewühlt. Verirrte sich sonst kaum jemand um diese Zeit an den Strand, so wurde unser kleines Langeoog in diesem Januar zu einem Ort, der weltweite Beachtung auf sich zog: Grund waren Abertausende angespülter Überraschungseier, welche ein Containerschiff im Sturm verloren hatte. Im Grunde unerfreulicher Plastikmüll, zogen die bunten, mit putzigen Figürchen befüllten Eier aufgrund ihres Niedlichkeitsfaktors jedoch sofort unzählige eifrige Sammler_innen an, welche die Plage in Kürze beseitigten: Das Gute im Schlechten. Interviews mit dem Bürgermeister und etliche Medienberichte folgten, viele davon zum Glück auch mit nachdenklichem Unterton bezüglich all jenen Plastikmülls, um den sich zwar keine Kinderhände reißen, der aber dennoch am Strand und in den Meeren landet.
Ich selbst erfahre von all dem erst aus der Zeitung, weile ich doch an Tag eins und zwei des Spektakels nicht auf der Insel und an Tag drei, plötzlich und nahezu handlungsunfähig an einer Arzneimittelunverträglichkeit laborierend, im Bett. An Tag vier, als ich mich mit noch wackeligen Knien wieder vor die Tür traue, ist nichts Buntes mehr im sturmverwüsteten Sand zu finden; die Aufräumenden, darunter viele Insulaner_innen, haben ganze Arbeit geleistet — ihre Fußspuren bezeugen es. Und die Küstenfauna dankt, ebenso sehr wie ich.

Ich komme mir vor, als käme ich von einem fremden Planeten zurück. Drei Tage abwesend, denke ich, und wieder ist so viel passiert. Und wieder ist so viel anders, obwohl jeder glaubt, auf der Insel gäbe es nichts langweiligeres als den Winter. Ach, wäre er doch bloß einmal langweilig!
Denn wieder einmal sehnt sich mein Herz nach nichts so sehr wie nach Stillstand. Nach Heimat und Ankommen. Und dann steht man hier, am vermeintlich ruhigsten Ort der Welt, und findet die Ruhe trotzdem nicht; das wild schlagende Herz anbrüllend gegen die Brandung.

Es ist noch keine Woche alt, das Jahr, denke ich traurig, und schon muss man Träume begraben. Mit dem neuen Mann wird es keinen Frühling auf Langeoog geben und auch keinen Sommer. Kein Querflötenklang wird meine Seele erfreuen, während noch Raureif auf den Feldern glitzert. Der Mann wird nicht mehr kommen.
Er hat das so nicht gesagt, aber man ist mit über 40 Jahren doch lebenserfahren genug, um zu wissen, das gewisse Dinge, so schön formuliert und schonend verpackt sie auch seien, im Grunde nur eine einzige, eklige Wahrheit beschreiben: Das wird nichts mehr mit uns.
Was auch immer am Anfang auch leuchtete, als wir uns noch gegenseitig in unsere Leben einplanten — jetzt leuchtet es nicht mehr. Der Zauber ist fort, seinerseits zumindest. Ich hätte gerne noch länger von ihm geträumt.
Und nun ist er wieder da, der Moment, in dem die Vernunft dem Herzen den grausamen Befehl erteilen muss, das zart erblühte Pflänzchen der Liebe wieder totzutreten; geschickt genug, um nicht die Liebesfähigkeit zur Gänze zu meucheln, aber doch gründlich genug, um aus dem Mann, den man gerne seinen Eltern vorgestellt hätte, wieder einfach irgendjemanden zu machen: Jemanden, den man hätte lieben können.
Es kam nicht überraschend. Und dennoch stand ich wieder einmal nur da, dumpfblöde wie ein Reh im Scheinwerferlicht, und wartete auf den Aufprall, anstatt mich rechtzeitig umzudrehen und in Würde zu gehen. Aber manchmal will man die Wahrheit eben auch dann nicht sehen, wenn sie wild fuchtelnd und brüllend und Warnzeichen schwenkend direkt vor einem steht. Und dann liegt man waidwund im Graben, tut sich ebenso Leid wie man leidet, stellt alles in Frage und sich selbst zuvörderst, und hasst sich zugleich so unendlich dafür, weil es doch so viele Dinge auf der Welt gibt, die so viel schlimmer und wichtiger sind als Liebe. Warum bloß bleibt dieses Gefühl so mächtig?

Wichtiger ist beispielsweise Gesundheit. Wichtiger als ein Partner sind Essen, sauberes Wasser, eine Heizung und ein Dach im Winter. Wichtiger ist ein Einkommen, zumindest bis zur existenzerhaltenden Höhe. Solange man diese Dinge nicht hat, denke ich, ist romantische Liebe Luxus. Schließlich ist es ja auch kein Zufall, dass Ehen früher ausschließlich strategisch geschlossen wurden — Romantisch gelitten wurde nur heimlich.
Andererseits: Ist die romantische Liebe nicht oft auch ausschlaggebend für eine Genesung, für den Willen zum Überleben? Ausschlaggebend dafür, nicht aufzugeben, sich von dem letzten Geld eben keinen Strick zu kaufen, sondern Werkzeuge, um aus den Trümmern seiner Existenz wieder ein Haus zu bauen? Ist die Liebe nicht selbst Medizin, Wärme, Zuflucht, Kitt, Zement und Durchhalteparole? Natürlich ist sie das. Aber es gibt eben auch Zeiten, in denen man ohne Liebe auskommen muss, zumindest ohne die Liebe romantischer Bauart. Manche müssen das Jahre. Manche ein ganzes Leben.

„Was macht es mit einem Menschen, nie geliebt zu werden?“ titelte letztens eine Zeitung. Ich weiß nicht, worum es in dem Artikel ging, aber ich dachte über die Frage nach. Zunächst einmal gibt es natürlich unzählige Arten der Liebe, sodass ein „nie geliebt werden“ wohl quasi nonexistent ist. Ein Hund beispielsweise liebt einen nahezu immer, Eltern im Idealfalle und Gott in jedem Falle, auch wenn sich nichts davon beweisen lässt. Echte Freunde lieben einen auch, selbst wenn sich deren Liebe natürlich niemals so allumfassend anfühlen wird wie jene Liebe, der ein Verliebtsein vorangeht, und die sich aus romantischer Hingabe, freundschaftlicher Zuneigung und Fürsorge sowie erotischer Anziehung speist. Jemanden zu treffen, für den man all das auf einmal empfinden kann, ist selten; dass beide das gleichermaßen empfinden, noch seltener. Dennoch ist es, so empfinde ich es zumindest, gesellschaftlich noch immer ein großes Tabu, über das Sujet „unerwiderte Liebe“ zu sprechen; ähnlich tabu wie Asexualität oder in fortgeschrittenem Alter noch ohne jede Erfahrung in erotisch oder romantisch konnotierten Dingen zu sein. Dabei ist es durchaus möglich, ohne all das zu existieren: Atmen muss man, Trinken und Essen. Beziehungen und Sex haben muss man nicht. Und wenn man sich den guten Gesundheitszustand und die hohen Sterbealter von Mönchen und Nonnen ansieht, so ist auch ein lebenslanges Keuschheitsgelübte ganz offensichtlich nichts, was einem Menschen schadet.

Viel schlimmer, als nicht geliebt zu werden, empfinde ich hingegen, keine Liebe geben zu dürfen. Durch das Singledasein quasi zum Egoismus gezwungen zu werden. Man muss halt den Champagner allein trinken, sich alleine das Meer anschauen und kann niemandem von dem Schälchen Himbeeren abgeben, das man sich für einen Mondpreis gegönnt hat und nun mit kindlicher Begeisterung verspeist, die aromatischen Beeren am Gaumen zerdrückend, die weiche Konsistenz und den Duft mit allen Sinnen genießend. Manchmal wäre ich gern zum Teilen gezwungen.
Glück ist das einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt, heißt es im Volksmund, und vermutlich ist da auch etwas dran: Wenig verwunderlich also, dass Emotionen wie Eifersucht, Wut, Rachegelüste und Missgunst einem vor allem selber schaden.
Und so versuche ich, den Mann in Frieden ziehen zu lassen, auch wenn ich ihm meine Insel und alles, was ich liebe, gerne gezeigt hätte. Auch wenn ich ihn gerne geliebt hätte.

Im Fernsehen zeigt ein Sender Beethovens Fünfte. Der Flötist ist zum Glück nicht mein Typ, dafür ist der Mann am Fagott recht niedlich, und auch das Waldhorn kann sich sehen lassen. Siehst du, auch andere Blasinstrumente haben schöne Musiker, höre ich irgendeinen Teil meines Herzens raunen, aber der Rest von mir winkt müde ab: Ich will halt nicht irgendwen. Der Dirigent gibt alles, und für einen Moment wünschte ich mir, auch jemanden zu haben, der mein Leben dergestalt durchchoreografiert, wenn es zu anstrengend und chaotisch wird. Aber es soll nicht sein. Wichtig ist wohl letztendlich nur, die Dissonanzen im Leben nicht lauter als die Harmonien klingen zu lassen. Und nicht nur die Höhen, sondern auch die Tiefen darin wertzuschätzen — als auf ihre Weise wertvolle Komponenten unserer ureigenen Symphonie.

 

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