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Nun also der letzte Tag des Jahres. Ehrlich gesagt, gibt es nicht so viel, was ich diesem Jahr noch zu sagen hätte. Politisch wurde sich schon an sehr Vielem abgearbeitet und ich werde mich nicht in die Reihen jener stellen, die zu allem und jedem die Klappe aufmachen müssen, ohne eine Ahnung von der Materie zu haben; die ihre Ideologie bewiesen sehen wollen anstelle von Fakten; die Menschen nicht von einer (im Idealfall: guten) Sache überzeugen, sondern nur Macht gewinnen wollen, indem sie sich als Meinungsmachende gerieren. Für das neue Jahr habe ich diesbezüglich nur den Wunsch, dass angesichts anstehender Wahlen und neuer diplomatischer Herausforderungen Menschlichkeit, Kompromissfähigkeit und Anstand eine von Demagogie, Populismus und Rachegelüsten uneinnehmbare Festung bilden mögen.

Was das Persönliche betrifft, so verliefen die meisten sich Anfang 2016 abzeichnenden Veränderungen im Sande oder entpuppten sich lediglich als kleine, tendenziell unbedeutende biografische Schlenker, welche zügig wieder zum gewohnten Pfad zurückführten. Das im Sommer des Jahres so plötzlich erstrahlte Licht der Liebe am Horizont ist immer noch dort: Am Horizont. Aber solange es nicht zur Gänze erlischt, soll mir auch das Recht sein – schließlich sind auch die wunderschönen Polarlichter im Norden nur ein kurzes, aber dafür zuverlässig wiederkehrendes und beständiges, Leuchten in der Dunkelheit eines langen Winters. Ich kann warten.

Letztendlich hatte ich mir für 2016 ja auch nicht mehr gewünscht, als dass die Eltern am Ende des Jahres noch leben, und das tun sie, der Geräuschkulisse aus Wohnzimmer und Küche nach zu urteilen. Denn tatsächlich schreibe ich diese Zeilen in meinem alten Kinderzimmer, das heute Vaterns Arbeitszimmer ist; die große Fichte, auf deren Spitze ich früher von hier aus sah, um Eichhörnchen und Vögel darin zu beobachten, ragt heute längst über das Dach. Und auch ich bin den meisten Dingen, die diese Wände in sich tragen, heute entwachsen, was mir im Übrigen sehr Recht ist.

Mein Leben ist nun auf Langeoog. Von der gegenüberliegenden Seite des Hauses sieht man auf Garagendächer mit schmutzigen Schneeflecken sowie weitere Reihenhäuser. Ich kann mich an diesen Anblick nicht mehr gewöhnen. Ich brauche die unverbaute Weite, den Blick auf die See, das Nah-Sein an den Elementen, die salzige Luft. Das leise Surren der Elektrokarren statt der Einflugschneise des Düsseldorfer Flughafens und dem erdbebenlauten Poltern der Müllabfuhr.
Meine schöne Inselwohnung vermisse ich wie einen treuen Liebhaber: Mit ihren geschlossenen Rollläden, dem ordentlich gemachten Bett und den ausgestöpselten Elektrogeräten liegt sie im kurzen Winterschlaf, bis ich ihr wieder Leben einhauche.

Dennoch bin ich dankbar, dass ich noch ein Elternhaus habe, in das ich zurückkehren kann. Denn zweifelsohne vermisse ich auch auf Langeoog zuweilen die Dinge, mit denen ich aufwuchs: Die üppig bewaldeten Hügel des Bergischen Lands mit ihren Fachwerk- und Schieferhäusern; die sich durch historische Altstadtkerne schlängelnden, klaren Bäche, aus deren Quellrohren, irgendwo im Wald, man trinken konnte (oder es zumindest einfach machte) und die wir als Kinder ständig irgendwo mit Lehm und Steinen stauten, bis uns der Förster dafür zusammenschiss, seinen schönen Jagdhund an der Leine.

Ich erinnere den pelzig-mehligen Geschmack von Bucheckern, und wie lange es dauerte, bis man auch nur eine halbwegs sättigende Menge davon aufgepult hatte. Die zartgrünen Blätter des Waldmeisters, aus dem wir Limonade ansetzten. Heute steht an der Stelle, an der wir damals den Waldmeister pflückten, ein hipper Hochseilgarten.

Es ist seltsam, all das nun aus der Distanz des Erwachsenseins zu sehen. Einerseits ein sentimentales „ach ja“ im Geiste, klingend wie ein feines Silberglöckchen, andererseits aber auch das drohende Grollen der Vergänglichkeit im Ohr, wenn der Vater über Nachlassdinge zu sprechen wünscht oder dessen Kollegen, die man zuletzt als energiegeladene Jungärzte sah, einen plötzlich weißhaarig und gebeugt begrüßen. Andererseits bringt das Altern aber auch mit sich, dass man nun als der Sohn mit zum Stammtisch darf und in gepflegter Runde bei Weinschorle Konversation betreibt, anstatt am Kinder-Katzentisch mit Schwestern, Cousins und Cousinen vor sich hinsaue(r)n zu müssen.

Und auch aus anderen Gründen ist mir, mit Ausnahme des eigenen körperlichen Verfalls, das Älterwerden und damit jeder neue Jahresbeginn, eigentlich sehr Recht. Denn tatsächlich heilt die Zeit viele Dinge, selbst wenn Einiges ganze Jahrzehnte brauchte. Aber man emanzipiert sich vom Schatten seiner Vergangenheit, von vergangenem Leid, von seinen Fehlern und seinem Scheitern. Ich habe gelernt, dass die Vergangenheit jeden Menschen zwar gewisserweise prägt, aber ihn nicht ausmacht. Man kann sie nie ganz überwinden, aber man kann sie filtern und filtern und wieder filtern, bis nur noch das Gold im Sieb zurückbleibt.

Man kann das auch mit der Zukunft versuchen: Niemals, denke ich, ist man gänzlich Spielball seines Schicksals, auch wenn es sich manchmal so anfühlen mag. Aber wir können uns immer einen Deich bauen, der uns vor der Sturmflut rettet, und ein Fundament, das unsere Träume trägt, selbst wenn diese im Wandel der Zeiten und Gezeiten oftmals ihre Form ändern. Wer gläubig ist, mag sich auch mit der Vorstellung eines göttlichen Plans auseinandersetzen, mit dem Glauben an Fügung und dem festen Vertrauen darauf, dass ER nicht bösartig ist – ungeachtet all des Bösen auf der Welt, in uns und um uns. Damit, dass die Wege des Herrn zwar zuweilen unergründlich sind, aber letztlich doch alles in eine Form fallen lassen, die wir verstehen, und in der wir zuhause sind: Geborgen, geliebt und sicher. Und damit bin ich bei meinen Neujahrswünschen angelangt.
Gesundheit ist eigentlich immer das Wichtigste. Darauf folgt Hoffnung. Und der Rest? Ergibt sich aus den beiden erstgenannten Dingen.

In der Küche liegen drei Krapfen, und die darum entbrannte Diskussion, ob diese nun gezuckert oder glasiert besser sind, zeigt mir in der ganzen Pracht ihrer Alltags-Absurdität vor allem eins: Wir sind am Leben. Und das wiederum ist letztlich doch alles, was zählt – auch 2017.

***

Ich wünsche allen Leser_innen, meinen Eltern, meinen Freund_innen, meinem Liebsten ein gesegnetes neues Jahr. Haltet euch einfach an Churchill: „Never give up.“

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