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Ich warf die Weihnachtspost am frühen Montagabend ein. Die meisten der Briefe tragen Berliner Adressen. Heute ist Dienstag. Wenn die Briefe mit ihren, mir jetzt so deplatziert erscheinenden, Weihnachtsgrüßen in Berlin eintreffen, ist die Stadt bereits eine andere. Das indes konnte ich Montag, gegen 18 Uhr, noch nicht wissen. Zu diesem Zeitpunkt hatten 12 Menschen, die sich zum Weihnachtsmarktbesuch an der Gedächtniskirche entschieden hatten oder einfach nur so dort vorbei mussten, noch zwei Stunden zu leben.

Ich hatte lange mit einem Anschlag auf Berlin gerechnet. Was sollte unsere Hauptstadt denn auch von der Hauptstadt Frankreichs oder Belgiens unterscheiden? Was dort passiert, kann auch uns passieren. Emotional vorbereitet ist man trotzdem nicht.
Und plötzlich versteht man wieder all das Leid unserer Großeltern: Das tägliche Leben mit dem Gedanken, dass irgendwer, den man kennt, nicht wiederkehrt von der Front. Dass das Haus eines Menschen, den man kennt, in Schutt und Asche gebombt wird. Dass irgendjemand, den man liebt, aus dem Leben gerissen wird, viel zu früh und ohne jede Vorwarnung. Freilich: Dass Menschen plötzlich versterben, geschieht auch durch Unfälle, das ist grauenvoll genug. Aber wie viel unbegreiflicher ist es, wenn dieses Leid durch ideologische Verblendung verursacht wird, durch den Wahn Einzelner, also nicht durch unglückliche Umstände, sondern durch bösartigsten Vorsatz? Wieviel Kraft erfordert es, hier dann nicht einzuknicken, zu pauschalisieren, oder von der Angst vor dem Terror das eigene Dasein fremdbestimmen — sich also im Wortsinne terrorisieren — zu lassen? Sich nicht vor der nächsten Zugfahrt zu fürchten, dem Bahnhof, dem vollen Einkaufszentrum?

„LKW rast in Weihnachtsmarkt“: Als die erste Eilmeldung auftaucht, bin ich zur Reflektion nicht fähig. Vielmehr greift eher eine Art Reflex, ein offenkundig archaischer Beschützertrieb, mit dem ich meine „Herde“ daheim in der sicheren Höhle wissen will, und also schreibe ich jede und jeden an, der oder die mir am Herzen liegt: Lebst du?
Das Mobiltelefon zittert in meiner Hand.
Ich hatte mir nach dem Münchner Attentat so sehr gewünscht, so etwas nie wieder eine Freundin, einen Freund, fragen zu müssen. Und nun also doch noch Berlin.

Ich denke an die unzähligen Male, die ich während der Adventszeit selbst auf dem Weg vom Tauentzien zum Bahnhof Zoo den Breitscheidtplatz überquert hatte. Oftmals hatte ich dabei keinerlei Interesse am Weihnachtsmarkt, aber man musste da eben durch, wenn man schnell zur U-Bahn wollte; es gab ja auch eine etwas breitere Gasse zwischen den Buden zu diesem Behufe. Und durch genau diese Gasse raste am Montag Abend der LKW, und riss Buden und Menschen mit sich.
In der Zeitung ist ein Bild des Fahrzeugs: In der zersprungenen Windschutzscheibe hängt eine geschmückte Tannengirlande, und ich kann kaum in Worte fassen, wie sehr mich dieses Bild erschüttert. Denn kaum etwas stimmt wohl so feierlich und friedlich auf die Festtage ein, wie an einem ruhigen Abend die Wohnung festlich zu schmücken, Kränze zu binden, Kerzen aufzustellen und Kugeln und Schleifen in warm illuminiertes Wintergrün zu hängen. Nun aber ragen diese Tannenzeige mit den Kugeln und Schleifen, die irgendein Mensch dort liebevoll drapiert hatte, damit ein anderer sich daran erfreute, aus dem gesplitterten Glas einer Mordwaffe. Es ist unerträglich.

Nach und nach geben meine Freunde Entwarnung. Dieses Mal hat es also niemanden getroffen, den ich kenne, denke ich, und allein der Gedanke „dieses Mal nicht“ lässt mich innerlich erschauern. Ich sitze vor dem Fernseher und kann nicht aufhören zu weinen. Denn die 12 Verstorbenen und zahlreichen Verletzten hätten meine Freunde sein können. Sie waren irgendjemandes Freunde, Brüder, Väter, Töchter. Das Leid der Angehörigen? Unvorstellbar. Es kann keinen Gott geben, der Menschen zu so etwas anstiftet.
Ich versuche, Musik zu hören oder etwas anderes im Fernsehen anzuschauen, aber es ist plötzlich alles so entsetzlich trivial, was da gespielt und besungen wird; mit der Liebe und all den Alltagsstreitereien.
Und ich frage mich, wie es eigentlich unsere Großeltern im Krieg fertig brachten, trotz all des Grauens Weihnachten zu feiern, Kindergeburtstage, Hochzeiten. Wie konnte man lieben und lachen, wenn schon morgen wieder jemand erschossen werden konnte, von Granaten zerfetzt oder ausgebombt, mit keinem Besitz mehr außer den staubigen Lumpen am Leibe?

Andererseits: Ist es nicht auch beruhigend, dass aller Hass und alle Gewalt das Schöne, Frohe und Gute nicht auszurotten vermögen? Dass es Menschen geben wird, die in der Not zu Helden werden, Blumen, die aus Trümmern wachsen sowie Dinge und Ereignisse, die ein Lächeln auch in tränenüberströmte Gesichter zaubern?
Vielleicht, ahne ich, ist das Finden von Liebe, Licht und Schönheit zwischen den Klüften einer immer fragileren Welt auch einfach eine Art Selbstschutz, um nicht wahnsinnig zu werden. Denn in der Nacht hatte ich einen schönen Traum.

Zwar schien es mir bis früh in den Morgen unmöglich, nach all den schrecklichen Nachrichten überhaupt einzuschlafen, aber als ich letztlich doch wegdämmerte, fand ich mich auf einer Anhöhe in einem verschneiten Wald wieder. Der Wald war absolut still, aber es war keine bedrohliche Stille, sondern eine friedliche. Kaum ein Laut war zu vernehmen. Nur ab und zu das Rascheln eines Eichhörnchens, das durch die Zweige turnte, ein Rotkehlchen, das sang. Das leise Knarren schneeschwerer Äste und der gedämpfte Laut, mit dem ein Packen Schnee vom Baum zu Boden fiel. Der große Mann war bei mir, und unter uns wand sich die Straße in Serpentinen durch den schweigenden Wald, begrenzt von einem schlichten Holzgeländer vor dem Abhang, aus dem irgendwo mit silbrigem Gluckern eine Quelle sprudelte. So waren die Wälder meiner Kindheit.

Auch der Mann schweigt, und ich weiß nicht, was er denkt, denn er sieht in die Ferne. Schnee fällt in dicken weißen Flocken und schmilzt auf seinen bernsteinfarbenen Haaren, auf seiner Haut. Ich gehe zu ihm und lege einen Arm um ihn. Ein wenig hadere ich wieder damit, dass er so groß ist, weil ich, so dicht bei ihm, deswegen nur die Knöpfe seiner Jacke sehen kann und nicht sein Gesicht. Ich sähe gern, was er fühlt. Quälende Sekunden verstreichen, in denen ich nicht weiß, ob ihn die Umarmung stört, weil er sich nicht rührt, aber dann nimmt er mich ebenfalls in den Arm: Erst in einen, dann in beide. Jetzt sehe ich überhaupt nichts mehr außer dem Stoff seiner Ärmel und den Knöpfen, und es wird dunkel in seinen Armen, aber es ist kein beängstigendes Dunkel, sondern dunkle Geborgenheit. Ich vertraue ihm. Ich habe lange niemandem mehr auf diese Weise vertraut.
Der Wald ist schön. Es ist kalt, aber auch die Kälte ist nicht bedrohlich; es ist die Art von Kälte, die man genießen kann, weil man weiß, das man mit geröteten Wangen aus dieser Kälte in ein warmes Zuhause zurückkehren wird, mit Kaminfeuer, trockenen Sachen und Tee auf einem knisterndem Stövchen. Und dann sind da diese schönen, schlanken Flötistenfinger, die einem die restlichen Schneeflocken aus dem Haar streichen, und gütige, blaue Augen, die einen ansehen, als habe man auf der Welt noch nie etwas Schlechtes getan. Es ist erstaunlich, wie Liebe einen zurück in den Stand der Unschuld versetzen kann, und das Erstaunlichste ist: Es funktioniert immer wieder.
Es war der schönste Traum, den ich seit Langem hatte.

Als ich aufwache, bin ich wieder allein mit der Welt. Sofort fallen mir alle Ereignisse des Vorabends wieder ein: Da war also dieser Terror in Berlin, mit dem ich jetzt zurechtkommen muss, ohne, dass mich jemand in die Arme nähme. Warum, frage ich mich, träume ich dann so schön und friedlich, wenn diese Ereignisse doch quasi geradezu nach Albträumen schreien? Beinahe fühle ich mich deswegen schlecht. Ich würde gerne mit dem großen Mann sprechen, aber er hat genug eigene Sorgen, also lasse ich ihn in Ruhe.
Dennoch ist die Situation absurd. Wie kann man von Liebe, Schnee und Wäldern träumen, also der ganzen klischeehaften Weihnachtsromantik, wenn da draußen — in jener Stadt, die einst auch meine war — gerade jede Weihnachtsromantik aufs Brutalste zerstört wurde? Vielleicht, denke ich, ist es wirklich nur eine Art Schutzmechanismus.

Die Welt ist nicht heil, und vermutlich wird sie es auch niemals. Aber offensichtlich brauchen wir unsere eigenen kleinen, heilen Welten, um die Leiden der großen Welt zu ertragen. Einige finden darin sogar die Kraft, um diese Leiden zu lindern. Vor diesen Menschen verneige ich mich heute in tiefstem Respekt: Vor den Helferinnen und Beschützern, vor Ärzten und Polizistinnen, vor Fremden, die Fremde bargen, zudeckten und trösteten. Vor Menschen, die nicht zulassen, dass die Dunkelheit über das Licht siegt, der Hass über die Liebe.
Und ich danke allen, die auch in meinem Leben dafür sorgen, dass sich die Welt trotz all des Terrors immer noch nach Zuhause anfühlen kann: Wenn schon nicht im Großen, so doch zumindest im Kleinen.

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(Das Bild zeigt die Aussicht aus dem Berliner Haus im letzten Winter.)

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