Aus dicken Wolkenschichten sickert diffuses Licht auf die nebelumflorten Dünenketten. Es ist unmöglich, anhand des Sonnenstandes die Tageszeit abzuschätzen; ich schätze die Zeit auf späten Mittag, da sich noch kein lachsfarbener Streifen Dämmerung in den nach Westen zeigenden Fenstern des Nachbarhauses spiegelt.
Zum Frühstück nehme ich mir ein schokoliertes Gebäckteilchen. Ich weiß, dass ich als erste Mahlzeit etwas Gesünderes essen sollte, aber es ist ja ohnehin schon lange keine Frühstückszeit mehr und eines der guten Dinge am Erwachsenwerden und/oder Alleinleben ist schließlich auch, dass man Unmögliches zu unmöglichen Zeiten essen kann, ohne dass irgendjemand meckert.

Auf dem Tisch liegt das neue GEO-Magazin und ich stelle beim Durchblättern, das Gebäck zwischen den Fingern, fest, dass mich diese Zeitschrift länger begleitet als jeder Mensch, außer meinen Eltern. Es ist eigenartig, und für einen Moment weiß ich nicht, ob ich diese Erkenntnis jetzt traurig oder amüsant oder erbärmlich finden soll — gibt es tatsächlich niemanden, der mich länger ausgehalten hat als ein Magazin?
Aber so ist das: GEO ist Heimat. Das vertraute Grün des Umschlags, die schönen Bilder, die interessanten Texte. Ich luchste die Zeitung erstmals meinen Eltern ab, als ich ungefähr acht Jahre alt war, damals mit dem festen Berufswunsch „Forscher“. Später spezifizierte ich das auf „Archäologe“, weil ich das Wort und seine Aura intellektueller Abenteuerlust mochte und mich überdies stolz machte, dass ich der Einzige in meiner Grundschulklasse war, der nicht nur wusste, was das ist, sondern der es auch schreiben konnte.
Ich erinnere, zu irgendeinem Kindergeburtstag von meinen Eltern dann einen Stempel bekommen zu haben, der fortan alles Bestempelbare (insbesondere meine Bücher und Skizzenblöcke) mit „Archäologisches Institut Prof. Dr. Mayk D. Opiolla“ ver(un)zierte. Große Freude!

Und so sehe ich mich auch heute noch, jedes Mal wenn ich ein GEO durchblättere, als kleinen Jungen über dieser Zeitschrift sitzen, noch voller Neugier auf das Leben, noch voller Träume, und diese Träume täglich abstaubend, polierend und neu sortierend wie die Regale voll kostbarer Artefakte in den Archiven meines imaginären Instituts.

Irgendwann freilich dämmerte mir dann, dass man als Archäologe in Spe in Naturwissenschaften nicht mies sein und möglichst auch keine Angst vor Spinnen haben sollte —  ist man in zu erforschenden Höhlen und Gewölben doch meist in achtbeiniger Gesellschaft. Ich lernte also, dass man doch nicht alles werden konnte, was man wollte, wenn die Natur irgendwo ihre Grenzen gezogen hatte. Aber zugleich lernte ich, Träume zu modifizieren, damit man sie zumindest nicht ganz aufgeben musste.

Also sagte ich mir, könnte ich doch zumindest später für GEO schreiben! Dafür würde das Studium einer weniger mathematik- und chemielastigen Wissenschaft doch sicherlich reichen, wenn man parallel passende Praktika bei Zeitungen absolvierte! Und Schreiben, das konnte ich: Zumindest legte dies der Umstand nahe, dass selbst die mobbenden Hyänen in der Klasse handzahm wurden, sobald es um das Abschreiben meiner Deutsch-Hausaufgaben ging.
Strahlend erzählte ich dem Berufsberater davon, der zum Ausloten unserer Zukunftsvisionen aus der Großstadt zu Besuch in unsere Schule gekommen war. Er lachte mich aus. Ein gehässiges „Das schaffst du nie!“ ließ meinen Traum vom GEO-Redakteur zerspringen wie eine Porzellantasse. „Ich geb dir dann besser gleich schonmal das Faltblatt vom Arbeitsamt mit, muahahaha!“
Ich erinnere mich daran bis heute. Und: Mit Verlaub, mein Herr, Sie waren ein Arschloch!

So lernte ich mit ungefähr 14 Jahren also leider auch das: Menschen sind Arschlöcher. Zumindest solche, die deine Träume in den Dreck treten, obwohl sie nichts über dich wissen. Die da einfach nur ein schwächliches, unsportliches, blasses Kind mit dicker Brille sehen, und sofort wissen: Aus dem wird nie was. Vielen Dank auch.

Ich gab GEO auf. Aus beruflicher Perspektive zumindest — aber nicht als Leser. Denn natürlich verschwanden ab und zu Dinge aus der Asservatenkammer meiner Träume oder ich vergaß sie einfach: Aber es kamen immer noch neue Träume dazu. Manchmal nur in Form einer diffusen Ahnung. Andere klar konturiert. Die wenigsten ließen sich mit meinen realen Lebensbedingungen vereinbaren, und ich verfolgte sie nicht weiter. Oft weiß ich nicht einmal, warum. Vermutlich gewann einfach zu oft die Bequemlichkeit gegen den Mut. Die vermeintliche Sicherheit eines unspektakulären Jetzt gegen die Abenteuerlust. Und einige Träume waren nur so lange schön, bis sie Realität wurden. Oder, um es mit Oscar Wilde zu sagen: „Es gibt nur zwei Tragödien im Leben. Die eine ist, nicht zu bekommen, was man will, und die andere ist, es zu bekommen.“ Auch damit machte ich reichlich Erfahrung.

Nun sitze ich also Vierzigjährig über dem grünen Magazin, das meine komplette Kindheit und Jugend begleitete, als freischaffender Künstler statt renommierter Archäologe oder GEO-Redakteur, und frage mich, ab wann man eigentlich zu alt zum Träumen wird. Ab wann man sich in der Realität einrichten muss. Ab wann man sich mit den kleinen Gebäckteilchen zufrieden geben muss, anstatt auf die große Torte zu warten, aus der dann endlich das Geld springt, und der Traummann und das Haus am Meer. Zumindest an Letzterem bin ich ja nahe dran, beruhige ich mich, und lausche zufriedenen Herzens auf das nahe Rauschen der Brandung. Meine Zeichenstifte auf dem Tisch werfen bereits lange Schatten.

„Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“, schrieb Nietzsche, und natürlich hatte der alte Misanthrop mit diesem Satz einfach mal vollkommen Recht. Was nicht heißt, dass wir nicht auch in der Kunst oft genug an unsere Grenzen stoßen: Mit dem Bild, das nicht gelingen will, mit diesem einen Ton, den wir immer wieder schief singen, mit dem Wort, das uns partout nicht einfallen will. Auch Kunst frustriert. Nichtsdestotrotz gibt es wohl wenig, das uns mehr den täglichen Existenzkampf vergessen ließe, als das Schaffen oder Genießen von Kunst. Kunst polstert die Scherben zersprungener Träume so weich, dass man wieder darauf laufen kann. Kunst ist die Musik, die den Lärm der Welt für einen Moment verstummen lässt. Kunst ist das Licht an diesem Winterabend.
Kunst ist brotlos, heißt es oft. Kunst ist überflüssiger Tand einer Wohlstandsgesellschaft. Kunst rettet keine Leben. Kunst baut keine Maschinen, die das Leben sicherer und einfacher machen. Schönheit nährt nicht — Alles richtig. Aber ich möchte kein Leben, in dem alles nur einem Zweck dient. Ich ertrüge kein Dasein ohne vermeintlich unnütze Dinge. Ich ertrüge kein Dasein ohne Träume.

Was aber, frage ich mich, unterscheidet nun eigentlich die Träume der Kindheit von jenen, die wir als Erwachsene hegen? Vermutlich macht den größten Unterscheid die Lebenserfahrung: Wir erkennen die Grenzen unserer Träume früher, und oft genug sind wir selbst jetzt das Arschloch, das uns sagt: Das schaffst du nie!
Wie gut ist es dann, wenn man sich manchmal selbst noch überraschen kann.

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