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Immer, wenn ich mich dem Treppenhaus nähere, ertönt aus dem Keller der schrille Warnpfiff einer Ratte. Wir haben eine WG hier im Winter; außer mir wohnt niemand im Haus von November bis Weihnachten, außer mir und der Ratte. Ich nenne ihn Ratz. Ich weiß nicht, ob die Ratte ein Er ist, aber Ratz ist mein Mitbewohner, also ist er ein Männchen, das habe ich eben beschlossen.

Ist ja gut, Ratz, denke ich, du kennst mich doch schon. Ein weiterer Pfiff, als ich den Wäschekorb in den Hauswirtschaftsraum trage, den ich jetzt offen stehen lassen und nutzen kann, wann ich will. Es ist schließlich niemand da, der meckern könnte, weil alle anderen Wohnungen im Haus Ferienwohnungen sind — Und so ist es nun, als gehörte das Haus nur mir allein.

Ich habe Ratz noch nie gesehen, und auch niemanden seiner Freunde, die er vor mir warnen zu müssen meint, aber ich freue mich, dass er da ist. Denn immerhin gibt es durch ihn jetzt noch ein drittes Lebewesen im Haus an jenen Tagen, an denen ich nicht vor die Tür komme. An jenen Tagen, an denen der schwarze Hund zu Besuch ist.

Ich sah den schwarzen Hund lange nicht, aber ich fürchte ihn auch nicht mehr, den alten Bekannten, überwiegend zahnlos inzwischen, aber noch immer ein Zerberus zwischen mir und dem Licht. Man lernt, zu koexistieren. Und dann sitzt man im Schaukelstuhl und liest Capote und hört Bach und hakt ab, ob man sich geduscht, angezogen und etwas gegessen hat, und wenn ja, war es ein guter Tag. Draußen verwäscht die Wintersonne im bleichkalten Dämmerlicht, bis die Dunkelheit auch über die Insel hereinbricht, gesprenkelt vom Licht der Sterne. An sehr guten Tagen macht man sogar die Wäsche, selbst wenn der Hund hinterhertrottet, und vermutlich verängstigt auch er nur die Ratte im Keller, nicht ich.

Im Gemeinschafts-Hauswirtschaftsraum des Hauses ist alles so, wie ich es vor einiger Zeit verließ; sogar die Leiter steht noch aufgeklappt da, wo ich sie hingestellt hatte, um das Kellerfenster zu schließen, und ich erinnere nicht einmal, dass ich vergessen hatte, sie wegzuräumen.
Ich betrachte die Leiter, ein paar vom Wind hereingefegte Blätter liegen drumherum verstreut. Das Fenster ist gar nicht besonders weit oben, aber ich bin zu klein, und mit einem leichten Gefühl wehmütigen Bedauerns denke ich an den großen Mann, den ich gerne lieb gehabt hätte, weil er das Fenster einfach so hätte schließen können, und aus noch ein paar anderen Gründen auch. Aber auch das sollte nicht sein, noch nicht zumindest, und doch fühle ich Dankbarkeit für diese kurze Ahnung von Sommer, die er brachte, für die Erinnerung an Wärme, für die Erinnerung daran, dass es Menschen gibt, die nicht nur Enttäuschung, Schmerz und Bitternis hinterlassen, sondern neue Farbnuancen in eine verblassende Welt tragen und neue, schöne Melodien in die Stille. Es ist merkwürdig, in dieser Art Liebesvakuum festzustecken. Mit dem einen, für den man die Liebe noch aufsparen muss, und mit dem anderen, an dem man seine Liebe verbraucht hat. Ein dritter wäre vermutlich die Lösung, mit dem man seine im Sirup der Melancholie träge gewordenen Gefühle freiwaschen könnte, aber das Auftauchen eines solchen ist nahezu ausgeschlossen; ist es doch Wunder genug, dass ich nach all den Jahren überhaupt wieder jemanden traf, für den sich mehr als eine projektbezogene Begeisterung in meinem Herzen regte. Der mich sowohl optisch als auch intellektuell und menschlich ansprach, der meinen Humor teilte und ein wunderbares Schriftdeutsch sein eigen nannte — ein nicht unwichtiges Detail für jemanden wie mich, der ausgesprochen ungern telefoniert, ständige physische Anwesenheit scheut wie der Teufel das Weihwasser, und sich dennoch mit dem Significant Other geistigen Austausch jenseits einer Tweet-Länge wünscht.
Ich weiß nicht, ob es mit dem großen Mann noch einen Sommer gibt; ich hieße ihn Willkommen, und wenn nicht, so winkte ich ihm nach wie einem guten Freund, aber ohne Bitternis im Herzen und mit Dankbarkeit für all die kleinen Wunder, die er brachte. Ich denke an diese beneidenswerte Flut bernsteinfarbener Haare und seine Augen, klar und blau wie der Winterhimmel über Langeoog oder die Gletscherseen der Berge, die er liebt.
Es hat nicht sein sollen — oder es soll, aber noch nicht jetzt.
Auch vom Seemannssohn sah ich die Tage seit Langem einmal wieder ein Bild, er war sehr gut getroffen darauf. Er ist und bleibt ein schöner Mann, aber es tat nicht mehr weh, das Bild zu betrachten, und ich wusste, dass ich ihn womöglich noch immer begehren könnte, aber nicht mehr lieben. Ich hatte ihn lange genug geliebt: Es ist gut so, wie es ist.
Wenigstens verlasse ich dieses Jahr ohne Liebeskummer, denke ich, also war es ein gutes Jahr, oder zumindest gar nicht so schlecht. Und so wird die Zeit, die man als ‚zwischen den Jahren‘ bezeichnet, für mich eine Zeit zwischen den Lieben sein, ein für mich ungewohnter Zustand, ging doch bisher ein jeder Liebeskummer nahtlos in eine neue Liebe über. Es ist die richtige Zeit für Stille, innen und außen. Zeit zum Innehalten. Zum Neusortieren.
Ein wenig ratlos blicke ich daher jetzt auf den schwarzen Hund neben dem Schaukelstuhl, weil ich nicht weiß, warum er wieder da ist, jetzt, wo alles besser werden sollte. Leere zieht ihn wohl mehr an als Leid, denke ich, aber er hat gelernt, Platz! zu machen, wenn ich das sage, und ich habe gelernt, ihn zu dulden, auch wenn ich ihn nicht füttere und nicht traurig bin, wenn er wieder geht. Ein Hang zur Melancholie ist für eine Zukunft als freischaffender Künstler toll. Depression ist Mist.
Im Keller ist es trotz des geschlossenen Fensters eiskalt, und ich beeile mich mit dem Herauszerren der Wäsche aus der Maschine. Ein neuer Pfiff ertönt, irgendwo aus den Tiefen der aus rotem Backstein gemauerten Kellergänge. Kurz halte ich inne, um zu hören, ob auf den Rattenpfiff das Trappeln von Füßchen folgt, damit ich den Ratz einmal sehen kann, und weiß, wo er wohnt. Aber es bleibt jetzt still.
Siehst du, denke ich. Wir werden schon klarkommen, wir beide. Hab keine Angst mehr. Und ich weiß nicht, ob ich das wirklich zur Ratte sage oder eher zu mir selbst, aber eigentlich macht das auch keinen Unterschied:
Wir kommen klar.
Während ich Ausschau nach Ratz halte, jagt der schwarze Hund gelangweilt seinen eigenen Schwanz. Lächerlich sieht das aus, wie er da im Kreis herumrennt, immerzu und immerzu. Ich mache das Spielchen nicht mit und gehe zurück zur Wohnung, die zu weit gewordenen Hosen über dem Arm. Aber kurz bevor ich die Tür vor seiner Schnauze zumachen kann, drängt der Hund wieder hinein, und ich sehe resigniert zu, wie er es sich gemütlich macht und mich treudoof aus großen Augen ansieht: Hello Darkness, my old friend. Hier sein heißt nicht gewonnen haben, sage ich streng, und ich weiß, dass er das auch weiß. Es gibt immer ein Danach.

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