Auf dem Weg zum Strand hinunter muss ich klettern: Der letzte Sturm hat steile Kanten in den Dünenfuß gefräst, die Holzbohlen der Strandüberwege sind längst weggeräumt. Und dennoch zeigt sich der Tag in völliger Unschuld. Raureif hat sich über den nassen Sand gelegt und lässt das Plateau des Dünenabbruchs aussehen wie einen mit Puderzucker bestreuten, spekulatiusfarbenen Kuchen. Durch die Brandung flitzt emsig ein Sanderling.
Ein Kuchen!, denke ich konsterniert, es sieht wirklich aus wie ein Kuchen! Dabei ist jedes Nagen an den Dünen ein Nagen an unserer Existenz. Wie also kann etwas an sich so Abscheuliches so hübsch verpackt daherkommen?
Andererseits, denke ich weiter, ist das doch meistens so. Denn wie oft entpuppen sich vermeintlich grandiose Dinge im Leben als Matruschka-Puppen, deren innere Figuren nicht nur immer kleiner werden, sondern sogar immer trivialer und hässlicher, je länger man sich mit ihnen beschäftigt? Wie oft war eine nette Geste nichts als Strategie, die Freundschaft nichts als Kalkül, die Avance nichts als Eitelkeit?

Die Dämmerung hat sich über das Meer gelegt. Ich sehe das nun seit 1000 Tagen, und es wird mir nicht Leid: Das aquamarinfarbene Leuchten der sich aufbäumenden Wogen, die schneeweißen Schaumkämme. Der Sanderling hat keine Angst vor mir, er flitzt vor meinen Füßen herum, als sei ich ein Artgenosse oder irgendwas, das immer da ist: Der Sand. Die See. Die Muscheln. Und ich wünschte, ich hätte diese Gewissheit noch. Dieses balsamische ‚Ich gehöre hier hin. Ich bin verwurzelt. Ich bleibe.‘
Ich habe sie nicht. Das Inselleben ist teuer, und ich weiß nicht, wie lange ich es mir noch leisten kann. Ich schiebe die Schuhspitze in einen Haufen getrockneten Tang, in dem Eiskristalle glitzern. Jedes winzige Detail ist so wunderbar auf dieser Insel. Ich geh hier nicht weg, denke ich. Nur noch in einer Kiste, mit den Füßen voran. Kurz flammt Kampfgeist auf. Aber dann ist er fort.

Wie absurd es doch ist, das Hässliche in all dem Schönen! Sieh dich doch an, sage ich der Insel. Wie kann es hier Leid geben? Wo ist hier Platz für das Schlechte? Aber nach 1000 Tagen darf man sich keiner Illusion mehr beugen: Wo Menschen sind, ist Schlechtigkeit. Denn auch Langeoog ist nur ein Mikrokosmos, in dem alles Einzug hält, was einem auch anderswo das Leben verleidet: Wie im Großen, so auch im Kleinen. Schließlich eint, wie man jährlich der Debatte ums Silvesterfeuerwerk entnehmen kann, die Menschen hier nicht einmal die Liebe zur Natur.

Und so gibt es auf der Insel Clans, die zur Machtkonsolidierung auf sämtliche Schlüsselpositionen Angehörige und Günstlinge schleusen und aggressiv in jedes Bauvorhaben investieren, auf dass man ein wenig absolute Monarchie spielen kann, obwohl sich unser schönes Langeoog auf demokratisch regiertem Grund befindet. Es gibt überehrgeizige Neuankömmlinge, die in ihrem Bestreben, zu den Oberen Zehntausend zu gehören (auf Langeoog sind’s eher die Oberen Zehn), keinerlei Skrupel mehr kennen. Menschen werden wie Schachfiguren bearbeitet, geschliffen und taktisch positioniert; fällt eine um, kommt die nächste: Wegwerfware. Und ob die Züge klug sind, sei dahingestellt.
Ja, aber diese Leute haben doch Erfolg, mag man meinen. So funktioniert das Leben, in der Politik, in einem Konzern, auf einer Insel. Wenn die Leute doch geblendet werden wollen, verarscht, benutzt, nur, damit sie mit XY beim jährlichen Ball an einem Tisch sitzen und sich in irgendeiner Form systemrelevant fühlen dürfen? Dann ist das halt so: Homo homini lupus est.

Und doch steht man daneben und fühlt sich oft sehr allein auf dem Planeten: Denn das kann er auch nicht sein, der Plan vom Glück. Bekommt man nicht zugleich mit, wie sehr die vermeintlich besten Freunde, die in trauter Runde kichernden Charityladies, die seriösen Clubherren, oft nur das Netz des schönen Scheins zusammenhält? Sieht man nicht die angeheirateten Männer der Matriarchinnen, die Zuhause nichts dürfen außer Geld ranschaffen und die Ahnenreihe sichern, oftmals nachts mit leerem, ausgelaugtem Blick in ein Bierglas starren? Sind die wohlgenährten, reichen Berufsgattinnen glücklich, wenn sie ihre Kinderwägen das Dorf rauf- und runterschieben, auf der Suche nach Klatsch, den man beim Kaffeekranz erzählen kann? Sind Menschen glücklich, die andere diffamieren und wegbeißen, nur um ihre eigene fragile Position in irgendeinem beruflichen oder privaten Machtgefüge zu sichern? Vielleicht sind sie es sogar.
Ich wäre es nicht.

Und ja, natürlich gibt es da noch all die anderen. Die nicht so sind: Kluge Beobachter an der Peripherie, mit Rückrat und eigener Meinung, mit eigenem Leben. Die ihre Fähigkeit zu Liebe und Empathie, sofern vorhanden, nicht ausschließlich an Blutsverwandten aufbrauchen. Die außer Oben und Unten auch ein Nebeneinander kennen. Aber mehr und mehr ist man dann doch versucht, den Worten eines erfahrenen Insulaners zu glauben, der mir erst kürzlich nur einen einzigen Rat mit auf den Weg gab: „Vertrauen Sie hier niemandem.“

Und so suche ich weiterhin meine Freunde unter den Sanderlingen, mein Glück im Gleißen der Sonnenstrahlen auf den Wogen, im Knirschen der dünnen Eisschollen unter meinen Füßen, im Rauschen des Windes und vor allem: In der Einsamkeit. Ich bin so dankbar, dass die Insel mehr ist als ein Dorf. Dass es, ungeachtet aller menschlichen Anstrengungen,  hier immer noch nur einen Souverän gibt, nur einen einzigen absoluten Herrscher: Die Natur. Ich bin klein vor Gottes grandioser Schöpfung. Aber alle anderen, tröste ich mich, sind es auch. Es ist wohl Zeit für Demut: Das Jahr neigt sich dem Ende zu.
Für einige wird es weitergehen wie bisher. Für andere nicht.

bildschirmfoto-2016-12-01-um-18-59-09

Advertisements