Der Supermond der vergangenen Tage hat die See nah an den Strand geholt. Weißkämmige Wellenberge donnern in stetem Rhythmus auf den Sand, während eine losgerissene Seefahrtsmarkierung im Flutsaum vom Wasser umspült wird. Der Strand ist leer. Es ist November auf Langeoog.

Abends fahre ich an dem Hotel vorbei, in dem mein Leben auf Langeoog begann. An der Rezeption ist niemand. Im Restaurant sitzt das Besitzer-Ehepaar an dem üblichen Tisch; der neue Direktor steht in unterwürfiger Haltung daneben, bereit zum Rapport. Ich empfinde nichts. Es ist ja auch schon wieder gefühlte drei Leben her.

Wieder einmal ist viel passiert in einem Jahr, und gleichzeitig auch wieder nichts: Die Ambivalenz des Dorflebens. Man radelt täglich seine beruflichen und sonstigen Pflichten ab, genießt, wenn möglich, die Natur, versucht Kontakte zu pflegen zu Familie und Freunden. Versucht zu schlafen. Versucht aufzuwachen. Versucht zu leben. In der Zeitung miese Nachrichten und ab und zu auch ein paar gute. Es wird viel gestorben dieses Jahr.

Draußen rüttelt der erste Wintersturm an der Flaute im Herzen.

Meine Eltern fahren durch die Eifel. Es gab ein Unwetter, überall liegen Äste herum, berichten sie. Aber es ist schön dort, mit den vielen Bäumen, den Burgen und Weinbergen, die Mosel ein stilles, grünes Band, Frühnebel über den Tälern.
Ich weiß, sage ich. Ich war nie dort. Aber einst mochte ich jemanden aus dieser Region. Ich sah all das in seinen Augen. Meine Heimat, Deine Heimat. Komm. Ich hätte ihn lieben können. Aber auch dieser Mensch ist nicht mehr dort, manchmal sehe ich ihn noch, aber er streift dann irgendwo durch ferne Wälder, im Dunkeln und allein.

Das ferne Meer ein stummer Trost, vielleicht. Mein Meer, Dein Meer. Komm.

Die Nacht bricht allzu früh herein. Immerhin entschädigt uns der Himmel dafür mit einem prachtvollen Sonnenuntergang, Schäfchenwolken glühen in Zuckerwatterosa auf türkisblauem Grund. Hinter der Kirche, in der ich ein Licht anzünde, brandet das Meer. Sanddornbeeren leuchten aus ihren Dornenkronen; orangeroter Saft rinnt durch meine Handflächen, als ich ein paar davon pflücke, die Früchte sind überreif, wenn niemand sie erntet, war all die Pracht umsonst.

Ich streiche etwas davon auf meine Haut; das viele Vitamin C darin ist ein Antioxidans und also gut gegen das Altern: Denn auch ich verblühe — ob ungepflückt oder nicht, sei dahingestellt. Manchmal bin ich ja trotzdem noch schön.

Und das Leben, denke ich, ist es auch. Trotz allem. Wie sehne ich mich danach, jemandes schöne, schlanke Finger in die meinen zu schließen und ihn fortzuziehen aus der Dunkelheit, ins Licht, ans Meer, auf das der goldglänzende Strandhafer am Dünenüberweg nun den Blick freigibt.
Die angespülte Seefahrtsmarkierung, eine grüne Tonne, liegt immer noch dort. Der Tonnenhof auf Norderney ist informiert und wird sie wohl bald wieder auf Position schleppen lassen, aber hier ist Ostfriesland, da gehen die Uhren langsam.

Ich überlege, ob ich meine Bojenkette noch sehen kann. Hatte ich jemals eine? Man soll seinen Kurs nach den Sternen richten, nicht nach den Lichtern vorbeifahrender Schiffe, heißt es in einem schönen Epigramm. Und vermutlich gilt das dann auch für Seefahrtszeichen.

Es ist ein klarer Tag gewesen, der abnehmende Mond ist heute nur eine kleine Sichel. Ich verspreche dir, sage ich zu dem Mann an meiner Hand, ich verspreche dir: Heute Nacht siehst du die Sterne.

Ich weiß nicht, ob er es gehört hat. Sein Blick ruht irgendwo in den Schluchten seiner Seele.

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