Es ist kalt geworden. Meine Balkonpflanzen beginnen zu leiden; einige von ihnen sind nicht winterhart und werden die Kälte nicht überstehen. Zum Sterben gezüchtet, denke ich, man zog und päppelte sie zu keinem anderen Zweck, als den Menschen einen einzigen Sommer lang Freude zu machen. Und dann war der Sommer ja doch wieder zu kurz, eigentlich ist er doch immer zu kurz. Und nun sieht man auf die sterbenden Blumen und traut sich noch nicht recht, sie auszugraben. Andererseits hätte es aber auch wenig Sinn, ihnen noch länger beim Siechen zuzusehen, wäre es nicht an der Zeit, sie durch Frosthartes zu ersetzen oder die Balkonkästen leer zu lassen, bis zum nächsten Frühling?

Aber dann hofft man noch einmal auf warme Tage, auf eine weitere letzte Blüte, auf den letzten Rest wohlgenährten Grüns im Gelb des verbleichenden Jahres.
Zum Glück habe ich gerade ohnehin keine Zeit zur Gartenarbeit, also stehe ich nur etwas ratlos vor den Kästen mit den immer Zukurzgeliebten und fühle mich ihnen verwandt.
Und dann blickt man zurück auf diese kurze Ahnung von Sommer, auf diese all zu schöne Erinnerung an das Erblühende, daran, dass es jemanden gab, der wieder Licht und Farben in einem sah anstelle des Unberührbaren. Der einem einen Platz in seinen Träumen anbot. Und man näherte sich diesen Träumen mit zögerlicher Neugier und hob sie ans Herz, wie man eine Muschel ans Ohr hebt, um den Ozean darin rauschen zu hören. Man wollte es wagen.

Aber, so wie der Ozean, zogen sich auch die Träume zurück, und dann stand man da, ratlos wie nun vor den Balkonblumen, und wartete auf die nächste Flut.
Zuerst noch voller Hoffnung — es rauschte doch noch, das ferne Meer! Aber irgendwann begriff man, nein, die Jahre hatten es längst gelehrt, dass sich die Liebe anderen Gezeiten unterwarf als die Natur; genauer: Gar keinen Gezeiten.

Was verschwunden war, würde nicht wiederkehren. Lass los, sagte ich mir längst, er kommt nicht mehr.
Aber jeder Sonnenstrahl, jedes azurblaue Leuchten des Inselhimmels, jeder Ruf der ziehenden Gänse, ließ ihn dann ja doch wieder vernehmen, den zarten, süßen Ton der Hoffnung, den man gleichermaßen ersehnte und verfluchte.

Nun ist es Winter. Und ich frage mich einmal mehr: Wo verläuft er eigentlich, dieser Grat zwischen Naivität und Gutgläubigkeit, zwischen Realismus und Resignation? Ich finde ihn nicht, und doch balanciere ich täglich darauf.

Wie alt muss man werden, um keinerlei Hoffnungen mehr zu hegen? Und ist das überhaupt erstrebenswert?
Warum gieße ich meine sterbenden Pflanzen, wenn ich doch weiß, dass ich sie nicht retten kann? Warum vermisse ich jemanden, der mir längst entglitten ist, aus den üblichen Gründen oder anderen, ich will es nicht wissen.

Am Ende der Straße liegt der Deich. Ich kann weit ins Land schauen bis dahin, und ich denke, dass das der einzige Weg ist; nicht der Weg zum Deich als solcher, aber der Blick nach vorn: Was sonst bliebe auch übrig?
„Man is not made for defeat“ schrieb Churchill, aber dennoch gerät man immer wieder in Situationen, in denen zumindest eine punktuelle Kapitulation kein Aufgeben, sondern ein Triumph wäre: Loslassen zu können, ohne das erstrebenswerte Ganze aus den Augen zu verlieren. Entlieben und dennoch weiter an die Liebe glauben. An die Liebe glauben können, ohne auf die Liebe zu hoffen. Die Tür für jemanden angelehnt lassen, ohne ständig aus dem Fenster zu starren, ob er denn kommt. Sich selbst wieder genug sein. Es hatte doch wunderbar funktioniert!

Irgendwann kommt das Meer zurück, wenigstens darauf ist Verlass: das Meer kommt immer zurück, und vielleicht liebe ich es auch deswegen.
Ich halte die Muschel ein letztes Mal ans Ohr. Dann lege ich sie behutsam in den Sand. Der Wind trägt die Melodie in ihrem Inneren davon, bevor sie die Wellen überspülen. Vielleicht finde ich sie irgendwann wieder, denke ich. Vielleicht höre ich dann etwas Neues.
Aber zugleich weiß ich, wie sinnlos das ist, als ich über den weiten leeren Strand blicke: Es gibt zu viele Muscheln hier. Die Strandkörbe, in denen ich mit ihm sitzen wollte, sind ohnehin längst weggeräumt. Die Bäume, in deren sonnendurchflutete Kronen ich mit ihm geschaut hätte, sind kahl.

Ich muss jetzt heim. Wenn der Wind dreht, höre ich vielleicht noch sein  Rauschen in den nackten Zweigen des Waldes. Das Herbstlaub auf dem Waldboden hat jetzt die Farbe seiner Haare, denke ich, und ein letzter, bittersüßer Rest Wärme klammert sich an mein Herz wie der letzte Rest Leben an meine Pflanzen.
Ich könnte die letzte Blüte an der Hortensie einfach abreißen, denke ich, noch immer vor den Balkonkästen ausharrend, dann fiele es vielleicht leichter, sie wegzuwerfen.
Aber ich bringe es nicht fertig. Ich lasse die Blüte da, wo ich sie durchs Fenster sehen kann.

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