Ich treffe den alten Nachbarn vor der katholischen Kirche.
Ach, min Jung, du bist das, sagt er, er hat mich nicht gleich erkannt. Was machst du denn hier, fragt, er, während er meine Hand auf großväterliche Weise in seine beiden nimmt und mich gutmütig anlächelt. Ich bin froh, dass kein pseudowitziger Spruch kommt von wegen ‚Sünden beichten‘ oder sowas, denn darauf hätte ich heute keinen Nerv.
Also erzähle ich ihm, dass ich für einen kranken Freund Kerzen angezündet und mir außerdem die Aushänge angesehen habe. Ein Orgelkonzert wird gegeben, da möchte ich gern hin. Ich mag die Kirche, sagt der Nachbar, und ich pflichte ihm bei; die katholische Kirche auf Langeoog ist zumindest von innen wirklich sehr schön — über das Äußere mag man streiten.
Weißt du, fährt er fort, und ich sehe die Erinnerung in seinen wasserblauen Augen aufziehen, ich bin gar nicht katholisch, ich gehöre gar keiner Religion an. Aber mir hat  einmal jemand in dieser Kirche gesagt: Wir heißen Sie hier nicht als Protestant oder Katholik willkommen, sondern als Mensch. Das hat mir gefallen. Und dann bin ich auch wieder hingegangen.

Mit mir ist das auch so, berichte ich, es gibt ja immer sone und solche in der Kirche. Ich hab’s dir noch nicht erzählt, sage ich, aber ich habe evangelische Theologen in der Verwandtschaft. Für die existiere ich nicht. Weil ich so bin, wie ich bin. Und dann kenne ich andere Geistliche, katholisch sogar, die mir sagen, dass Gott mich sehr wohl lieb hat, und zwar nicht obwohl, sondern weil ich bin, wie ich bin. ‚Mit manchen Menschen hat Gott eben ganz besondere Pläne‘, hat mir ein lieber Pater in diesem Kontext gesagt, und ich mag ihn nicht nur aus Eitelkeit dafür.
Das versteht auch der Nachbar.

Aber sag, Söhnchen, fragt er, und ich nehme mit einem Anflug von Rührung wahr, dass er mich tatsächlich ‚Söhnchen‘ nennt — dein Freund: Ist er denn sehr krank? Wird er sterben? Ich schlucke. Nein, sage ich. Es ist eher so: Er stirbt von innen.

Ich senke den Blick und er versteht auch das. Ja, das ist wohl die Zeit, sagt er teilnahmsvoll, wer hält das schon aus. Und ihr jungen Leute, ich dachte, ihr hättet es besser.
Nachdenklich schiebt er seine blaue Seemannsmütze zurück und streicht sich eine Träne aus dem Bart, die der kühle Novemberwind aus seinen Augen getrieben hat. Die Heckenrosen um uns blühen immer noch; surreal sieht das aus, das leuchtende Pink in all dem goldgelben Laub: Die warmen Tage des Spätsommers haben die Natur durcheinandergebracht.
Dabei haben wir es doch eigentlich gut, sagt er, deine Generation, sogar meine noch, was haben unsere Eltern und Großeltern mitgemacht, die ganze Scheiße mit den Nazis, und der Hunger und das alles.
Wir haben zu essen und es steht zumindest noch kein neuer Krieg vor der Tür, aber ich weiß nicht, wo das gerade alles hinführt mit diesem, wie heißt der, Trump, und dieser ganze Wahlkampf, das ist so würdelos, und dann hier diese Typen, die AfD, das hatten wir doch alles schonmal, also, ich brauch das nicht mehr. Und dann Putin, der will doch auch wieder die Weltherrschaft. Er redet sich in Rage und ich muss ein bisschen schmunzeln, denn ich kenne ihn ja schon.
Ich sehe den Nachbarn oft über seine Hecke lugen, wenn ich zur Arbeit fahre, dann winkt er und grüßt, und manchmal kommt er auch ins Büro zum Klönschnack; an seinem beeindruckend vollen weißen Haarschopf schon von Weitem zu erkennen.

Ach, ich sabbel schon wieder zu viel, lacht er, meine Frau sagt das auch immer: Du sabbelst zu viel.
Nein, beruhige ich ihn, das ist schon gut. Ich mag Menschen mit Geschichten, und du hast ja auch viel erlebt. Gerade von Menschen deiner Generation möchte ich noch viel hören, denn was bleibt uns denn, wenn die letzten Zeitzeugen tot sind? Nur noch Idioten, die ‚Geschichtsverfälschung‘ und ‚Lügenpresse‘ brüllen, weil eben keiner mehr sagen kann, wie es wirklich war!  — Jetzt ist es an mir, mich aufzuregen.
Und man weiß ja auch nie, wie lange man noch bleibt.

Ja, sagt er, ich denke auch oft daran. Es ist halt so, ich bin auch bald dran. Und mir braucht keiner sagen, dass er keine Angst hat vor dem Sterben. Natürlich hab ich Angst. Man weiß ja nicht, wo man hinkommt, nech. Das Wie ist mir noch egal, aber was ist denn danach? Das weiß ich doch nicht. Und die Geistlichen, ja, die erzählen viel, aber letztlich weiß es von denen ja auch keiner wirklich.

Ich starre den Mann begeistert an und bin einmal mehr gottfroh, dass es Menschen gibt, mit denen man nicht über irgendwelchen langweiligen Scheißdreck smalltalken muss:  Das Leben schreibt bessere Geschichten.

Wobei, das rein Körperliche ängstigt mich am Sterben nicht, fährt der Mann fort. Ich hab so viele Tote gesehen, das zähle ich nicht mehr. Wobei den ersten, den vergisst man doch nicht. Damals, als ich zur See fuhr, hat ein plötzlich hochschnellendes Stahltau einen Kameraden enthauptet, ich hab ihn gesehen, der lief noch einen Schritt, und dann war da das ganze Blut, und ich hab erst gar nicht kapiert, was los ist. Ganz jung war ich da, 14 oder 15, wir fuhren irgendwo vor Ceylon, Sri Lanka heißt das ja jetzt.
Terror liegt in der Stimme des Mannes. Ich kenne einige Mythomaniker, aber ich spüre, die Geschichte ist wahr, und ich wünschte, sie wäre es nicht. Ja, so war das, sagt er, es kam mir damals ewig vor, wie lange der da noch stand, aber wahrscheinlich war es in Wirklichkeit nur sehr kurz. Wir mussten ihn dann einsammeln und saubermachen und alles, und dann kam er ins Wasser, Tschüss. Auf See hat man ja keine Zeit für große Sentimentalitäten, aber schlimm war das schon.
Uns passiert eine Spaziergängerin mit ihrem Terrier.
Wie lange fuhrst du zur See, frage ich, um ihn aus der Erinnerung zu hieven.
Acht Jahre, sagt er, aber das hat auch gereicht. Wir lachen. Es ist erlösend.

Und hier, sagt er, du kennst das ja alles nicht mehr, hier wurden ja ständig welche angespült früher, und wir Insulaner gingen dann alle zum Strand mit einem Sarg, das war völlig klar, dass alle Männer mit anpackten. Jeder machte das, das war gar keine Frage. Und irgendwann gewöhnt man sich dran. Meine Eltern, die liegen auch hier oben auf dem Dünenfriedhof, mit dem Handkarren wurden die noch hingebracht, damals gab es das ja noch nicht mit den vielen Kutschen wie heute, und die Leute waren nicht zimperlich beim Bestatten. Ich hab das auch oft gemacht, und natürlich fiel unterwegs mal einer raus, aber dann kam der halt wieder rein, und Deckel drauf und gut.

Ich muss lachen, auch wenn es makaber ist.
Na, unter die Erde kriegt man sie ja letztlich immer irgendwie, sage ich, nur die ganzen verwahrlosten Gräber, die deprimieren mich: Man sieht es ja oft, das sich keiner mehr kümmert.
Bei diesem Gedanken werde ich wieder ernst.
Auch hier stimmt mir der Nachbar zu. Ja, sagt er, ich kenne die auch, diese Gräber, oft genug ist Familie da, und Geld haben sie auch, aber es kümmert sich trotzdem keiner. Ich hab auch schon zu meiner Frau gesagt, wir kommen ins Wasser, das ist doch am Besten so. Und dann sind wir im Wasser und lassen uns treiben mit dem Golfstrom, und ich bin nochmal überall da, wo ich mit dem Schiff gefahren bin, nur ohne die Arbeit, das ist doch schön so.

Ja, sage ich, eine Seebestattung, das möchte ich auch. Und überdies gehört auch das Sterben wohl zum Leben — ein Allgemeinplatz, aber so ist es. Ich war ja auch mal tot, erzähle ich ihm, da denkt man schon noch anders über das Leben. Vor allem, ergänze ich, ist seit dieser Erfahrung meine Geduld mit Bullshit begrenzt. Mit was? fragt er, und ich korrigiere auf ‚Schietkroom‘. Das versteht er. Ich will halt keine Zeit mehr verschwenden. Und ich verlasse Menschen und Orte, die mir nicht gut tun, so ist das. Der Mann nickt. Bei anderen wiederum, fahre ich fort, da weiß ich halt einfach, dass es sich lohnt. Und spiritueller geworden bin ich, man hat einfach feinere Antennen in alle Richtungen.
Ich weiß nicht, ob er auch das versteht, aber mir fällt nicht ein, wie ich auf die Schnelle einem alten Insulaner „mieses Qi“ erklären soll, also vertiefe ich es nicht weiter — die Kommunikation zwischen den Generationen ist halt doch nicht immer einfach. Aber das mit dem Nahtod erfasst er.
Oh, sagt er, dann warst du auch schonmal da. Ja. Und dann siehst du jetzt erst, wie schön die Welt eigentlich ist, trotz allem. Und dass es sich lohnt. Ich nicke.

Kann ja vorbei sein, sage ich, so plötzlich.
Und dann sind sie weg, all die Geschichten, die man noch erzählen wollte, all die Geheimnisse, die man niemandem anvertrauen konnte, und all die Menschen, denen man niemals mehr sagen können wird, dass man sie lieb hat.
Und dann gehen Fremde durch deine Sachen und schmeißen alles weg; die Briefe, die Fotos, die Bücher. Die schöne, weiche Strickjacke, die du so gern an Winterabenden trugst, wird achtlos in einen Müllsack gestopft, weil du längst kalt bist und nichts mehr zum Wärmen brauchst. Und Leute, die du für Freunde hieltest, regen sich auf, weil man von deinem Leben so gut wie nichts mehr verkaufen kann. Weil es für sie keinen Wert hat, all das, was du liebtest und was dein Leben ausmachte.

Genau so ist es, sagt der Nachbar, ich seh doch immer die Leute mit dem Hänger vorfahren, wenn schon wieder einer weniger ist, da kommt es dann drauf, das ganze Leben, alles muss schnell gehen heute, das Leben, das Sterben, und zack und weg. Früher, sagt er, haben wir uns irgendwie mehr Zeit gelassen. Mit dem Leben. Und irgendwie auch mit dem Sterben. Damals gab es noch Abschied. Heute ist es nur noch Vergessen. Und ich kann mich nur wiederholen: Wer sagt, er hat keine Angst davor, der lügt.
Hol di munter, min Jung, sagt er, und tippt zum Gruß an seine Mütze. Dann radelt er davon.
Hinter uns scheinen die Kerzen durch die Fenster von Sankt Nikolaus.

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