Hinter uns liegt ein fulminanter Spätsommer. Noch in den letzten Septembertagen war es so warm, dass man im Meer baden konnte oder in T-Shirt und kurzen Hosen barfuß Fahrrad fuhr. Abends blickte man auf eine spiegelglatte, türkisblau gefärbte See, während der Sonnenuntergang den Himmel in warmes Pastell tauchte, nur selten durchzogen von ein oder zwei Wolkenschatten. Unvorstellbar, dass in nicht einmal zwei Monaten der Blanke Hans am Dünenfuß nagen würde und sich die See brüllend auf den Strand würfe wie ein zorniges Tier gegen die Gitterstäbe im Zoo. Und doch sind die ersten Strandkörbe bereits im Winterquartier, die ersten Geschäfte machen wieder Mittagspause und im Supermarkt stehen die Weihnachtsmänner neben der Sonnenmilch Spalier.

Heute ist der zweite Oktober; seit zwei Tagen ist es kühler geworden. Aber mir macht das nichts: Ich mag den Herbst. Ich mag das Innehalten, das Reflektieren, ich mag die Farben des Herbstes und die Herbstmode mit ihren weichen, wärmenden Stoffen: Tweed, Strick, Cord. In den Gärten sträuben sich noch etliche Rosen gegen die Jahreszeit, auch meine Hortensien geben noch einmal alles, und dennoch pflanzte ich bereits das Heidekraut dazwischen: Irgendwann muss man halt loslassen. Den Sommer. Eine Liebe. Das alte Leben. Die Zeit zum Innehalten ist gekommen. Und so sitze ich heute, in Flanell und irischer Wolle, zwischen den Herbstblühern und nimmermüden Hortensien, und modifiziere meine Träume.

Um diese Jahreszeit sah ich mich, wenn ich auf dem Balkon tagträumte, immer vor einem Landhaus, teetrinkend mit Blick in den noch üppig erblühten Cottagegarten, einen eleganten, wohlerzogenen Jagdhund zu meinen Füßen. Auch von der, in einem Erkerzimmer mit großen Sprossenfenstern gelegenen, Bibliothek fiel der Blick in den Garten, die hohen Bücherregale mit Leiter sanft beschattet von sich vor den Fenstern wiegenden, alten Bäumen. Und unter diesen Bäumen war meine kleine Terrasse, auf der ich den Tee trank.
Ich wohnte allein dort, und mir fehlte nichts. Es war schön, dort für mich zu sein, meinen Tagträumen nachzuhängen, in guter Gesellschaft mit meinen Büchern. Das Dorf war nicht weit, aber ich hörte lieber das Meer auf der anderen Seite des Hauses anstelle des geschäftigen Treibens. Es war gut so, wie es war.

Doch nun steht dort jemand in der Bibliothek und übt Flöte, beharrlich jeden noch so kleinen Missklang in der für Laienohren ohnehin schon perfekten Tonfolge ausmerzend. Ich trinke meinen Tee und lächele. Der Hund schläft. Irgendwann verstummt die schöne Melodie, und ich vernehme das leise Klicken, mit dem das Instrument abgelegt wird. Ich brauche seine Schritte nicht zu hören, um zu wissen, dass er gleich in der Tür erscheinen wird; das dichte, braune Haar noch durchwoben vom Gold des Sommers, den Hund begrüßend und mich auch.

Im Haus sehe ich den Notenständer, schön geschnitzt und aus Holz, und ich erinnere nicht, wann ich ihm erlaubt hätte, den dort aufzustellen und hier einzuziehen, mit seiner Querflöte und seinem ganzen eigenen Bündel Leben im Gepäck — als hätte ich nicht genug mit dem eigenen zu schaffen! War es nicht schön, endlich allein zu sein? Nicht mehr verfolgt von der Erinnerung, nicht mehr leidend an der letzten Liebe? Hatte ich wirklich Platz für jemand anderen?
Aber manche Dinge kann man nicht planen; ich kann das auch jetzt nicht. Ich bin froh, dass er hier ist. Aber manchmal geht er auch fort, und dann sitzt dort, auf dem Pfosten des Gartentores, wo eben noch seine schöne Hand lag, ein schwarzer Vogel. Aber er ist hochgewachsen und das Land ist flach, also kann ich ihn noch lange sehen, bevor er verschwindet, und ich sehe auch schnell, wann er wiederkommt. Es ist schön so, wie es ist.
In der Bibliothek tanzen Staubkörner im Spätsommerlicht, das durch die Fenster fällt. Einige legen sich auf den Notenständer. Ich werde sie fortwischen, solange er weg ist. Die Flöte nahm er mit, aber ich trage die Melodie längst im Herzen.
Der Winter kann kommen: Mich ängstigt nichts.

Langsam wird es zu warm auf dem Balkon. Ich wecke mich aus den Tagträumen, denn heute ist Erntedankfest und ich möchte zum Gottesdienst im Haus Bethanien. Der Gemeindesaal, welcher auch als Kirche fungiert, wurde zu diesem Anlass liebevoll geschmückt. Ein Chor singt und der Kurpastor ist angereist; das zentrale Thema ist Dank. Erste Texte werden verlesen: Dankbar sollen wir sein, für all das, was wir haben, setzt der Vortragende an, gäbe es doch so viele Menschen, die so viel weniger hätten auf der Welt. „Wir“ indes hätten hier doch alle Autos und Urlaube und Gesundheit und Überfluss. Ähm, nein, denke ich, und mich regt auf, dass er die Gemeinde als eine solch homogene Masse anspricht, als gäbe es hier auf Langeoog keine Probleme, keine Armut, keine Krankheit, keine Trauer. Sind diese Menschen kein Teil der Gemeinde? Denn natürlich gibt es das. Natürlich stehen die Lebenshaltungskosten hier in schlechtem Verhältnis zu den Gehältern der Dienstleistungsberufe. Natürlich sind in der Inselschule Kinder ohne Frühstück und warmes Essen, in zu kleinen Schuhen oder zu großen Winterjacken der älteren Geschwister. Aber natürlich ist da auch das andere Extrem: Ich erinnere Gäste, die, als ich noch im Hotel arbeitete, mein Jahresnetto dort für zwei Wochen Urlaub hinblätterten, die Kinder pausbäckig und wohlgenährt. Ich kenne Insulaner_innen, die Häuser einkaufen wie andere Brot.

Aber wir leben hier nun einmal alle miteinander auf geografisch begrenztem Raum, und also sollte man nicht blind sein für diese Unterschiede, denke ich, und auch nicht für das darin verborgene Konfliktpotential. Denn natürlich ist das nicht einfach: Niemand ist frei von Neid oder von Überheblichkeit. Und niemand ist niemals undankbar. Und so hadere auch ich oft damit, dass ich für eine kurze Reise oder eine Reparatur immer woanders sparen muss, während andere … und so weiter. Dann aber versuche ich, auf das zu blicken, was ich habe: Auf das, was reicht. Auf das, was gut ist. Auf all die Werte, die man in Geld nicht beziffern kann. Auf Bildung, Freunde, Eltern. Dankbarkeit ist ein schönes Gefühl: Nährend und wärmend.

Doch nach der Dankbarkeit kommt die Angst.
Ja, jetzt, denke ich. Jetzt ist es gut. Aber dann wirst du krank oder jemand nimmt dir die Arbeit weg und dann kannst du die Wohnung nicht abbezahlen und bist obdachlos und ganz unten. Und plötzlich gehörst du nicht mehr zum „Wir“, von dem der Pastor erzählt, zu den Leuten mit Arbeit und Urlaub und Gesundheit, sondern du bist einer der anderen, Paria, und taugst in der Predigt nur noch zum gnädig bemitleideten Vergleichsobjekt, damit das „Wir“ Gott dafür danken kann, dass es nicht du ist.

— Doch Halt!, rufe ich mich zur Ordnung, denn liegt nicht auch in dieser Angst schon Undankbarkeit? Heißt Dankbarkeit für das, was ich habe, nicht gerade Dankbarkeit für das Hier und Jetzt? Wenn ich Angst vor der Zukunft habe und mich Existenzängste um den Schlaf bringen, so heißt das doch nur, dass ich ins Hier und Jetzt kein Vertrauen habe, oder, für die gläubigen Leser_innen: Kein Vertrauen in Gott. Denn hat ER mir nicht schon gefühlte Hunderttausende Male den Arsch gerettet, mir verziehen, mich ans Ufer gebracht, egal, wie undankbar, größenwahnsinnig, gierig ich zuvor gewesen war, egal, aus wieviel eigener Schuld ich strauchelte? Ich habe erfahren, was Gnade heißt. Ich kann mein Haupt nicht tiefer beugen angesichts all dessen, was mir an Güte widerrfahren ist. An Genesung und an Vergebung. An Liebe und Freundschaft.
Angst kann eine gesunde Warnung sein. In vielen Fällen ist sie aber wohl tatsächlich nur das: Eine auf mangelndem Gottvertrauen (oder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten) fußende Undankbarkeit.

Mit dieser Erkenntnis verlasse ich nachdenklich den Saal. Die Hausherrin strahlt mich an, eine schöne Frau mit Güte und Herzenswärme, obwohl sie um meine Geschichte weiß. Und dann ist sie wieder da, die sanfte, heilende Wärme der Dankbarkeit.
Ich denke an den Mann, dem ich kürzlich von mir erzählte, im festen Wissen, dass er mich ob meiner Vergangenheit verstieße. Aber dann war dort nur dieser Satz, in anderem Kontext so profan, und badete mein Herz in einem stillen See aus Vertrauen und Zuversicht: „Das ist mir egal.“ — Mit einem Punkt statt des gefürchteten „Aber“.

In der Kirche St. Nikolaus zünde ich Kerzen an für den Mann, weil er katholisch ist.
Irgendwo erklingt eine vertraute Melodie. Sie verstummt, und ich höre das leise Klicken, mit dem jemand eine Querflöte ablegt.
Vielleicht geht er wieder fort, denke ich, aber mir wird nicht bang bei dem Gedanken: Er kennt den Weg.

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