In den ersten Herbstwochen herrscht auf der Insel Prachtwetter. Mit jeder Fähre ergießt sich ein neuer Schwall Menschen auf unser im Winter so einsam-verwunschenes Eiland, und die Ferienwohnungen füllen sich mit Spontanurlaubern. Es ist sogar noch warm genug zum Baden.

Wir Insulaner_innen indes arbeiten. Auch ich sah heute noch keine Minute das Meer, aber so ist das eben auf einer Insel, die überwiegend vom Tourismus lebt: Die Schäfchen müssen, abgesehen von der kurzen Hochsaison über den Jahreswechsel, während der Sommermonate ins Trockene gebracht werden. Es fühlt sich also sehr nach Alltag an zurzeit, das Leben im Urlaubsparadies. Und außerdem ist Wahl: Noch ein Grund, aus dem viele Insulaner_innen im Moment keinen Kopf für die Natur haben. Alte Intrigen kommen ans Licht, Versäumnisse, Wortverdrehungen, von denen ich als Neu-Insulaner natürlich keine Ahnung habe, aber ich stehe doch am Rande dabei und staune; ein Ignorieren des Spektakels ist allein schon wegen der täglichen Partei-Postwurfsendungen völlig unmöglich.

Mittags lasse ich mich erschöpft in einen der Strandkörbe an der Lieblingsfischbude fallen, während die Lieblingsfischbudenverkäuferin, ausgebildete Dekorateurin, meinen Backfisch kunstvoll mit Salatgarnitur in ein Brötchen schichtet: Gelernt ist gelernt.

„Schreib doch mal einen Krimi zur Wahl hier“, sagt die hübsche blonde Frau mit strahlendem Lächeln, während ihr ebenso netter Mann die nächste Ladung Fisch frittiert. „Ist doch spannend, oder?“ Natürlich winke ich ab: Nicht mein Genre. Über Politik schreiben? Ich? Von „Krimi“ gar nicht zu reden, aber letztlich betrifft einen das Thema ja doch; irgendwen muss man schließlich wählen, wenn man sich nicht durch Nichtwählertum an Erfolgen unsäglicher Gruppierungen mitschuldig machen will.

Die Unsäglichen gibt es auf Langeoog zum Glück gar nicht; hier haben wir die Wahl zwischen SPD, CDU, Grünen, FDP und einer Neukreation von Miniaturpartei, die ich mir gar nicht erst zu merken versuche. Wobei mich, ehrlich gesagt, schon die Anwesenheit der FDP-Ortsgruppe erstaunt, haben die auf Langeoog doch gefühlt mehr Mitglieder als bundesweit Wähler_innen.
Und nun sitze ich also hier, die Backen voll Fisch, als mündiger, wahlberechtigter Bürger, und überlege.

CDU? Von denen hatte ich die Tage ebenfalls Post. Den Werbekuli habe ich behalten; den Flyer warf ich weg, nachdem ich sah, dass irgendein Festlandsvorturner sich mit seiner HausfrauundMutter und drei blondgescheitelten Kindern über dem Wort „bodenständig“ postierte. Ich gebe zu, dieses Mal trotz der Haltung der CDU zur Ehe für Homosexuelle mit dieser Partei sogar geliebäugelt zu haben, weil es dort Langeooger_innen mit zweifelsohne vernünftigen Ansichten gibt. Teilweise sogar offen homosexuell Lebende. Aber das Foto dieses Menschen vom Festland hat für mich alles versaut. Was genau hat das Hervorzerren einer heteronormativen Familienkonstellation mit „bodenständig“ zu tun? Ehrlich, ich kenne freischaffende, kinderlose, genderqueere Performancekünstlerinnen in polygamen, pansexuellen Beziehungen, die unfassbar bodenständige Persönlichkeiten sind, und stockkonservative katholische Familienväter, die sich dieses Wort nicht einmal auf die Schuhsohlen tackern dürften, ganz zu schweigen davon, wie viele von der Sorte ich schon nachts in irgendwelchen Berliner Darkrooms im Sling hängen sah: Don’t tell Mutti. Und außerdem hab ich nichts gegen Heterosexuelle, aber müssen die das immer so zeigen? Kann man das nicht im Stillen ausleben? Ist doch Privatsache. Die sollen doch froh sein, dass man sie hier nicht totschlägt. (Und ja, das musste jetzt sein, „wir“ hören sowas jeden Tag.)
Ceterum: Nein, ich kann keine Partei wählen, bei denen die Frauen noch „verheiratet“ als Qualifikation angeben, und die Männer es als „bodenständig“ erachten, sich lebenslang die Stullen von ihrer Mutti (mit wechselnden Vornamen) schmieren zu lassen. 200 Jahre Emanzipationsgeschichte sagen Danke.
Nun also, die FDP. Ich muss mir nur meinen Kontostand ansehen, für dessen Beschreibung jedes Wort zu lang wäre, um zu wissen, dass ich in diesen Gefilden für Besserverdienende nichts verloren habe, auch wenn zumindest einer der Ortsvertreter auf dem Flyer ganz putzig aussieht. Aber um den Niedlichkeitsfaktor von Politiktreibenden die Wahlentscheidung beeinflussen zu lassen, bin nicht einmal ich verzweifelt genug: Ergo auch keine FDP.

Grüne? Seit sich hier eine Grünin lautstark für Silvesterknaller im Naturschutzgebiet und die Förderung von Partytourismus starkmachte, für mich vollkommen unwählbar: Grün ist da wohl nur noch das Plakat.

Bleibt die SPD. Immerhin noch etwas mit „sozial“ im Namen, das sich auch im vorgestellten Programm spiegelt. Auch mit dieser Partei hadere ich natürlich in einigen Punkten, aber als Ex-Linker ist es einfach das Konservativste, was ich wählen kann, also so sei es. Von den Vertreter_innen kenne ich keinen näher, ergo spielen hier auch persönliche Sympathien keine Rolle.

Nun habe ich mich ja doch mit Politik beschäftigt und sogar eine Wahlentscheidung getroffen, denke ich, als ich das letzte Stück Fisch vertilgt habe: Der patenten Ostfriesin hinter der Ladentheke sei Dank. Zuhause liegt die Wahlberechtigung auf der Kommode.

Immerhin: Für mich ist es die erste Wahl auf Langeoog. Die erste Möglichkeit, als Insulaner zumindest theoretisch etwas mitzugestalten, obwohl es letztlich — wie wohl in jedem Dorf — letztlich doch immer nur wenige Großfamilien sind, die hier über Wohl und Wehe entscheiden. Und oft bin ich froh, mich in diesen Untiefen noch nicht ganz so gut auszukennen. Denn letztlich funktioniert das Mitgestalten auf Langeoog wohl ähnlich wie überall auf der Welt, getreu dem chinesischen Grundsatz „you qian, you guanxi“ (Geld haben, Beziehungen haben). Das sind die Momente, an denen mir auf traurigstimmende Weise klar wird, dass für meinen Geschmack manchmal zu viel Welt in mein Paradies sickert. Langeoog ist ein eigener Mikrokosmos, aber doch von den gleichen Ärgernissen und Menschlichkeiten (guten wie schlechten) geprägt wie jeder andere Ort. Ich habe mir darüber nie Illusionen gemacht, aber oft macht es einem die Insel sehr leicht, das zu verdrängen: Mit ihrer atemberaubenden Schönheit. Mit all diesen Wundern, die es schier unmöglich machen, hier etwas Negatives zu sehen. Ich bin heilfroh darüber.

Bald ist die Wahl vorbei.

Einige Feindschaften werden dann wohl vertieft sein. Andere überwunden. Und dann kommt das nächste Schiff, und die Insulaner widmen sich wieder ihren Geschäften.

Der Natur ist das Brimborium ohnehin egal.

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Postscriptum: GEHT WÄHLEN. Alle!

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