Ich habe es gesehen. Dieses mystische Phänomen, welches zumeist als Seemannsgarn abgetan wird, und doch immer wieder Seefahrende und Küstenbewohner_innen in Staunen versetzt: Bioluminiszenz.

Es ist ein stiller Abend. Kaum Wind; die Luft schwer, feucht und warm. Der Lichtkegel meiner Taschenlampe, welcher auf die Bohlen des Strandüberwegs fällt. Von irgendwoher Geflüster, ein Rascheln im Strandhafer. Und dann: Ein grünblaues Leuchten in der Brandung, als husche, ganz dicht unter der Wasseroberfläche, ebenfalls jemand mit einer Taschenlampe entlang, scheu und suchend. Um mich herum Laute der Begeisterung. Noch mehr Lichtkegel. Erwachsene Männer, die mit beiden Händen immer wieder Sand schöpfen und herunterrieseln lassen, weil sie noch einmal das Funkeln sehen möchten, diesen unwirklichen, magischen Leuchtregen, der sich zusammen mit dem Sand zurück ins Meer ergießt.

Meeresleuchten zeigt sich nur in Bewegung, und so sieht man die kurzen Leuchtsignale der marinen Bioorganismen, welche für dieses Phänomen verwantwortlich zeichnen, nur im Heranrollen der Brandung, in der Bugwelle, im Aufwühlen des Sandes. Jeder, der das sieht, wird hier zum staunenden Kind, und einmal mehr versinke ich in Demut vor der Grandiosität der Natur. Und in Liebe zu unserer wunderbaren Erde. Eine Plastikschnur, über die ich im Halbdunkel fast stolpere, macht mich traurig: Wenn wir doch nur nicht so lieblos mit ihr umgingen!
Mir kommen die traurigen Augen ölverschmierter Tölpel in den Sinn, die hilflos rudernden Füßchen, das schmerzerfüllte Kopfeinziehen der Schildkröte, in deren Panzer ein Kunststoffring einwuchs.

Aber jetzt leuchtet die See, und sie bringt inmitten all des Grausamen und Hässlichen ihre Wunder hervor.

Es gibt es wirklich, das Licht im Dunkeln, denke ich, überwältigt und mit Tränen in den Augen dieses Mysterium betrachtend, von dem ich seit Ewigkeiten träumte, so, wie ich auch von den Polarlichtern träume, die zu sehen ich mir für dieses Leben noch fest vorgenommen habe.

Und ich denke an diesen potentiellen neuen Dich in meinem Leben, der eigentlich kein neuer Du ist, sondern ganz einfach ein Er, weil er mit dir auf sehr heilsame Weise nur wenig zu tun hat: Er sieht dir nicht ähnlich und er singt nicht; er stammt nicht einmal aus Norddeutschland. Aber er bringt meine innere See zum Leuchten. Was gestern noch schwarz und wild toste, wird in mir ruhig. Und dann ist da dieser Mensch, der seine lieben Worte hineinlegt und auf das Wasser schaut mit seinen gütigen Augen, und dieser Blick reicht wiederum aus, um wieder Bewegung zu bringen in das ruhig liegende Meer, aus dem das Du und Ich nach fast drei Jahren nun endlich gewichen ist.
In diesen winzigen Wellen, noch ohne Gefahr für Mensch und Boot, sehe ich das Leuchten.

Ich weiß nicht, was es wird mit diesem fast noch Fremden. Vielleicht wird es ein Strohfeuer. Vielleicht ein Desaster. Vielleicht wird es Liebe. Vielleicht wird er nur ein Freund. Aber es ist schön so, wie es ist. Und ist das Meeresleuchten trotz all seiner atemberaubenden Pracht nicht auch nur ein vorübergehendes Phänomen, das zudem einer warmen, stillen Nacht bedarf?

Vielleicht ist diese Ahnung von Liebe auch nur vorübergehend. Aber es streichelt mein Herz, zu wissen, dass er in mir auf ruhige See in einer warmen, stillen Nacht traf: Ich bin drüber weg, denke ich, jetzt wirklich. Denn sonst hätte ich sein Leuchten niemals gesehen. Und es ist so schön, diese Worte zu hören: „Ich fühle das auch.“ Die Grillen und das Rauschen der Brandung übertönen jeden Nachhall deiner Musik.
In der Ferne spielt jemand Querflöte.

„Das ist nur ein Rattenfänger“ raunzt der Sadist in meinem Inneren, „du wirst folgen und fallen, erst betört und dann beschämt, also wie immer!“ Aber ich will ihn nicht hören. Denn ist er nicht ohnehin immer kurz, so viel zu kurz, der Zauber des Anfangs? Nein, denke ich, denn ich mag die Melodie gern, weil sie leicht klingt und frei, aber mit all den süßen, schweren Untertönen schöner Melancholie versehen ist, die es zu entdecken lohnt. Und ich will ihn nicht mehr, diesen Sadisten in meinem Inneren. Denn irgendwo dort, verbuddelt unter seinem kalten und düsteren Reich unkender Selbstzweifel und nagender schlechter Erfahrungen, liegen noch Säcke voll Liebe. Wann soll ich die denn ausgeben, wenn nicht in diesem Leben? Man kann kein Geld mitnehmen aus dieser Welt. Und auch keine Liebe. Man muss sie zu Lebzeiten verschwenden, ausgeben, verschenken, mal mehr oder weniger sinnvoll investieren. Und man sollte einfach zu fragen aufhören, ob sich das lohnt.

Ein lieber Freund schreibt mir: „Ich denke, jeder Mensch verdient es, glücklich zu sein. Und das fängt, wie wir wissen, bei uns selber an.“
Natürlich tut es das. Denn heute Nacht leuchtet die See, und darüber spannt sich ein Himmel voller Sterne. Der silbrige Klang der Flöte untermalt ihr Schimmern aufs Schönste.

Bildschirmfoto 2016-08-26 um 21.40.57

(Anm. zum Copyright: Das Bild stammt nicht von mir. Es zeigt Meeresleuchten auf den Seychellen. Der Fotograf/die Fotografin ist mir leider nicht bekannt; eine Quelle war nicht zu eruieren, wird aber ggf. gern nachgetragen.)

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