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Heute Nacht badet der Mond in einer Wanne mit flüssigem Gold. In rötlich schimmernden Nebel getaucht, umgeben von schwarzen Wolken, die sich deutlich vom nachtblauen Himmel abheben, lugt er satt, riesig und voll durch die Zweige der Kiefer am Ende der Straße. Es sieht aus wie ein Holzschnitt von Hokusai.
Eigentlich ist er nicht mehr ganz voll, aber er ist noch immer sehr groß; so groß, als wolle er bald herabfallen, unser Trabant. Tatsächlich ist er zu einer Seite hin schon wieder angefressen, aber ist es nicht häufig gerade das Unperfekte, das uns am Vollkommensten erscheint? Oder, vielmehr: Sehen wir bei Dingen, die so poetisch und wunderschön sind, nicht mit Freuden über etwaige Makel hinweg? Betrachten wir wieder den Mond: Als was sehen wir (zumindest jene unter uns, die keine Astrophysiker_innen sind; ergo keinen wissenschaftlichen Blick darauf haben) denn beispielsweise seine Krater? Als Narben, als etwas Entstellendes? Oder sind es nicht gerade seine Krater, die das Antlitz des Mondes so faszinierend machen und um die sich, kulturübergreifend, all diese Legenden über den Mond ranken? Ich mochte seinen chinesischen Namen, oder besser — ihren: Yueliang. In China ist der Mond weiblich konnotiert. Yueliang: Das ist melodisch und geht in der Regel auch Europäer_innen leicht von der Zunge.
Es gibt einen alten Schlager: „Der Mond ist wie mein Herz“, Yueliang daibiao wode xin. Die Sängerin, Deng Lijun, hängte sich 42jährig aus unglücklicher Liebe auf, aber das Lied wird heute noch in jeder Karaokebar wiedergekäut, Friede ihrer Asche.
Nun also der Mond über Langeoog. Und ich denke, dass jeder Mensch doch irgendwelche Krater auf seinem Herzen hat, Täler und Anhöhen, oder Narben auf seinem Körper. Der Mensch kann, wie der Mond, mal zu voller Größe erwachsen, dann wieder klein und unscheinbar sein, und manchmal kann er sogar größer sein als die Sonne, für einen Moment. Aber wir wissen, dass der Mond immer da ist, egal, wie fern er erscheint, und ist nicht genau das auch ein Ideal für die Liebe? Liebe muss nicht immer präsent sein. Sie muss nicht immer rein sein, makellos und schön. Sie muss nicht einmal immer nah sein. Wir müssen nur wissen, dass sie da ist.
Wir müssen nur wissen, wo wir sie finden.
Beim Mond ist das einfach.
Und so sehe ich heute dankbar zu ihm empor, lausche dem Zirpen der Grillen, dem Rauschen der nahen Brandung, und der melodischen Stille meiner Insel. Und ich denke an dich.
Im Norden zeichnet sich die vertraute Kontur Tjard-sin-Utkieks ab; dahinter  liegt der Strand. Ich sehe all dies, als sei hellichter Tag. Und doch gibt es nun jemanden, der ein — noch weichgezeichnetes — Bild von Wäldern und Weinbergen dazwischen schiebt, und an die dunkel in den Nachthimmel aufragenden Wände der Dünen des Pirolatals lehnt sich mächtig die Mauer einer Burg, zu deren sternbeleuchteten Zinnen Nebel aufsteigt.
Von irgendwoher klingt Musik, zu der niemand mehr singt.

Ich flöhe mein Musikarchiv nach Liedern, die eine glückliche Liebe beschreiben, aber ich stelle fest, dass ich all diese in einem Anfall von Frustration wohl einst gelöscht haben muss; vielleicht gefielen sie mir aber auch nie. Denn tatsächlich gebiert wohl in allen Genres das Unglück die größte Kunst. Und nun steht man da, mit dem Zauber des Anfangs, und weiß noch nicht so recht damit, wohin.
Aber man weiß, dass es schön ist. Das sollte es nicht, denke ich — weiß ich denn immer noch nicht, wie es endet? Warum ist Liebe so zäh? Warum blendet sie einen immer wieder mit diesem aus dem Nichts auftauchenden Funkeln, obwohl dieses Licht einen schon viel zu oft hinauszog auf die dunkle, wilde See, und kein schöner Matrose kam, um einen zu retten. Und so irrlichterte man herum, bis man nass, frierend und nackt in irgendeinen Hafen schwamm, wo einen dann jemand mit Rum und Liedern tröstete — und dann die Scheiße von vorn losging.

Und doch sagt mir das Herz auch jetzt: Sieh hin. Geh raus. Schwimm. Und schwömmst du auch um dein Leben. Denn wer weiß, ob er nicht gerade dasselbe tut, und dann trefft ihr euch draußen, auf einer Insel, und da wartet sie dann: Die Liebe, die Richtige, jetzt und für immer, oder zumindest für eine Weile.
Ich denke an dich und dass du vielleicht gerade jetzt dein Boot zu Wasser lässt. Gezeichnet von anderen Narben und Kratern als ich, aber dennoch schön und geheimnisvoll. Auch ich sehe jetzt sehnsüchtig auf mein Schiff, das so lange schon im Schuppen vor sich hinstaubt. Heute bescheint es ein goldener Mond.
Es ist nicht weit bis zum Hafen, denke ich. Wir könnten es schaffen.
Und dann bist du da und deine Fingerspitzen berühren all das Unperfekte an mir, als sei es so selbstverständlich da wie meine Fingernägel und Ohren: Ich muss mich nicht schämen, obwohl du es siehst. Ich muss nichts erklären. Ich muss einfach nur sein: Weil du alles liebst, was mich ausmacht; die Vergangenheit ebenso wie das Jetzt. Wie schön das wäre, denke ich.
Irgendwo auf der Persenning glitzert verheißungsvoll Tau. In der Ferne ist das Licht. Der Seewind bringt eine Ahnung vom Duft des Waldes, ich sehe dein Lachen inmitten des Weinbergs, und über die Deutsche Bucht fällt der Schatten der Burg: Wir könnten es schaffen.
Im Hafen ist alles ruhig; nichts ist zu hören außer dem silbrigen Gluckern der Priele und den kleinen Wellen, die an die Stege und Bootsrümpfe schlagen.

Die Vögel im Watt schlafen: Auch sie müssen sich vorbereiten auf ihre lange Reise. Auch für sie wird diese nicht immer gut ausgehen. Und doch versuchen sie es, immer wieder, so wie es ihnen ihr Instinkt befiehlt.

Auch ich weiß nicht, was mich erwartet. Loslassen ist schwer. Und jeder Aufbruch bedeutet auch Angst. Ich denke an dich: Bald wirst du hier sein.
Du trägst jetzt einen anderen Namen.

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