Und da war er wieder, dieser Satz: „Gerade von DIR hätte ich mehr Toleranz erwartet!“ Aha, denke ich, warum denn? Weil ich für die Gnade, dass ihr hier „so jemanden“ wie mich in eurer Mitte duldet, keinerlei abweichende Meinung mehr vertreten darf? Sicher ist den meisten die latente Homophobie dieses Satzes gar nicht bewusst, aber meine Geduld mit diesem Bullshit neigt sich doch langsam dem Ende entgegen.

„Danke für nix!“ war das Motto des diesjährigen Berliner CSD, der gestern stattfand. Auf Langeoog haben wir keinen CSD, aber wir haben ein Dörpfest, dessen lautstarke und mülllastige Auswüchse samt Feuerwerk ich in einem Weltnaturerbe, vorsichtig formuliert, nicht gerade goutiere. Und in diesem Kontext fiel dann, von einer Open-Air-Party-Befürworterin, dieser Satz.

„Danke für nix.“ — Zuerst fand ich dieses Motto ja äußerst unpassend, unhöflich, unverschämt, denn zumindest ich hätte den Weg aus der Depression und einem Leben, das nicht zu mir gehörte, ohne die Unterstützung heterosexueller und_oder Cisgender-Freund_innen, Eltern und Behördenmitarbeiter_innen nicht geschafft: Danke für jede Menge.
Nun aber dieses „gerade von DIR hätte ich mehr Toleranz erwartet“, und plötzlich denke auch ich: Danke für nix!
Diese Person macht nichts, als mit mir in mehr oder weniger friedlicher Koexistenz zu leben, und sieht allein das bereits als irgendwie Gegenleistungswürdig an? Alte_r*!
Ich hörte diesen Satz einfach schon zu oft.

Und ich bin ihn Leid.

Eine sexuelle Identität und_oder sexuelle Orientierung zu haben, die etwas seltener vorkommt als Heterosexualität und Cisgender-Identität, verpflichtet einen erstmal zu gar nichts. Zumindest zu nichts, das nicht auch für jeden anderen Bürger (und jede Bürger_in) im Rahmen der Gesetze gälte. Auch homosexuelle Menschen, bisexuelle, genderfluide und transidente Personen haben jedes Recht der Welt darauf, nett zu sein oder absolute Arschlöcher, mit vernünftigen Ansichten, ekelhaften oder gar keinen. Auch Homo- und Transsexuelle dürfen Müll und Lärm im Naturschutzgebiet für bewahrenswertes Kulturgut halten, aka: Tradition. Auch Homo- und Transsexuelle dürfen genau das Scheiße finden. Auch Homo-, Bi- und Transsexuelle dürfen widersprechen. Wir müssen nicht immer lieb und folgsam sein, nur, weil uns irgendwer vom hohen Ross seiner Mehrheitszugehörigkeit aus ein paar Quadratmeter Pflaster in seiner genderbinär, heteronormativ dominierten Welt zugesteht, anstatt uns in Gefängnisse und Irrenhäuser zu stecken, weil man ja heute schließlich tolerant ist oder einen Schwippschwager hat, der „zwar schwul, aber eigentlich echt in Ordnung“ ist.

Aha, denke ich. Als sei das nicht das Mindestmaß an Menschlichkeit! Ich erwarte keine Toleranz für meine Liebe und_oder nähere biologische Ausgestaltung. Das geht ohnehin nur meinen Partner, Freund_innen und Familie etwas an. Ich erwarte keine Toleranz für alles, was ich mache, sage, denke. Man kann mir widersprechen: Das nennt sich Meinungsfreiheit. Im Gegenzug muss auch ich nicht alles tolerieren: Ich kann bestimmte Meinungen daneben finden, mich über unangeleinte Hunde im Brutgebiet aufregen und Bigotterie. Das nennt sich Meinungsfreiheit. Soviel also zur Koexistenz im heteronormativen Umfeld.

Und innerhalb der Community? In Tuntenhausen dagegen ist alles geradeaus, möchte man meinen? Ein einziges, glitzerndes Paradies der regenbogenfarbigen Nächst_innen*liebe und des allumfassenden Verständnisses für ein Meinungsspektrum, so bunt wie wir? Mitnichten. Denn wir haben Caitlyn Jenner. Ja, die.
Fassen wir kurz zusammen: Caitlyn Jenner ist eine sehr berühmte und sehr reiche Frau aus den USA mit Transvergangenheit, und außer Frage steht, dass sie „berühmt“ und „reich“ hätte dazu nutzen können, um Transidentität als eine Normalität von vielen sichtar zu machen, um zu erläutern, was Trans* und Drag unterscheidet, warum es nicht „Umwandlung“ sondern „Angleichung“ heißt, warum die Selbstmordrate unter Transpersonen so hoch ist und warum geschlechtsangleichende Operationen kein überflüssiger Luxus, sondern lebensrettend sind. Hat sie aber nicht.

Frau Jenner wählt die Republikaner und macht auch ansonsten einige Dinge, wo man sich fragt, ob ihr im früheren Leben als Olympionikin vielleicht doch mal ein Hammer zu viel an den Kopf geflogen ist.
Aber dass sie vielleicht nicht die hellste Kerze am Baum ist, ist dann auch schon das Einzige, was man ihr vorwerfen kann.

Nun setzt aber aus der LGBTIDingens-Community (ehrlich, ich komme bei den Buchstaben auch nicht mehr mit) das Gebrüll an: „Als Transfrau darf sie … muss sie … darf sie nicht.“ „Ich bin lesbisch, aber das ist für mich keine Transperson, sondern nur ein Mann im Kleid!“ „Wäre sie wirklich trans*, würde er(sic!) nicht …“, „Als Transperson kann sie sich diese Haltung nicht erlauben!“

— Ganz ehrlich? Da denke ich, dass einige der olympischen Hämmer wohl sehr weit gefolgen sind. Frau Jenner muss gar nichts! Kein Mensch ist verpflichtet, auf Grund seiner persönlichen Geschichte, seiner Identität oder Orientierung eine bestimmte politische Haltung, einen bestimmten Charakter oder einen bestimmten Lebenslauf zu haben.
Meine Identität und meine Liebe sind kein Politikum, und ich bin es Leid, ungefragt von der Community dazu gemacht zu werden! Ich muss nicht auf dem CSD für Leute in der ersten Reihe herumturnen, die mich außerhalb der Pride Season mit dem Arsch nicht angucken, nur damit sie ihre Buchstabensuppe voll kriegen; für Leute, welche nach außen politisch superkorrekt sind, indem sie auf jedes Gruppenbild mindestens eine Frau, eine Person of Color, eine Transperson und einen Menschen im Rollstuhl zerren und ab dem dritten Wodka dann doch nur „der sieht nicht aus wie eine Frau, also ist das für mich auch keine!“ über eine Transfrau lästern, um sich weiter auf den üppig gepuderten Sofas ihrer VIP-Bereiche in Selbstherrlichkeit zu aalen.
Ich muss mich nicht erklären, warum ich mit Leuten befreundet bin, die in der Szene polarisieren, und wer mir nur wegen dieser Freundschaft die eigene kündigt, hat offenbar sehr wenig sonst an mir geschätzt: Ja, ich spiele auch mit „Schmuddelkindern“, solange sie mich so gut behandeln, wie ich es mir von etlichen anderen wünschte! Und ich muss mich nicht rechtfertigen, wenn ich an dem ganzen Zirkus überhaupt nicht mehr teilnehmen, sondern einfach nur ein unbescholtenes, „langweiliges“, unauffälliges Leben auf einer Insel führen möchte, vom ganzen LGBTIDingens-Zirkus unbehelligt, oder sogar komplett ungeoutet.

Kein Mensch ist verpflichtet, anderen überhaupt Auskunft über Orientierung oder Identität zu erteilen. Und doch leben wir in einer Welt, in der Sparkassenberater Transpersonen für die Namensänderung auf der Bankkarte noch laut fragen: „Und wie ist das bei Ihnen jetzt untenrum?“, Taxifahrer Lesben verhören, ob frau so sei, weil „der letzte Typ so scheiße gef*** hat“, schwule Paare die Frage, wer denn von beiden „die Frau“ sei, mittlerweile hoch- und runterkotzen können oder der Partner eines schwulen Transmannes von einem anderen Schwulen gefragt wird, ob er jetzt hetero sei. Und wenn man dann unfreundlich wird oder sich wehrt, heißt es: „Gerade von DIR hätte ich aber mehr Toleranz erwartet.“
Noch Fragen?

Es geht uns hier gut. Wir werden nicht hingerichtet und kommen nicht mehr in den Knast oder zur Elektroschocktherapie, und das Schlimmste, was mir persönlich passiert ist, waren verbale Übergriffigkeiten, angewidert verzogene Mundwinkel, das Ende einer 20jährigen Freundschaft und ein paar Mal Vor-die-Füße-Spucken. Wir werden nicht exkommuniziert und die meisten von uns nicht enterbt. Meine Eltern würden meinen Freund ebenso gern zum Familienessen einladen wie meine Freundin, und alles, was sie dabei interessieren würde, wäre, ob dieser Mensch einen passablen Charakter hat und mich gut behandelt.
Auch auf der Insel gibt es offen schwul und lesbisch lebende Personen, die mehr als gut integriert sind, und der nette Inseldoktor hebt bei „Hormonersatztherapie“ oder „HIV“ nicht einmal die Braue.

Aber böte nicht gerade das die Chance, dieses Toleranz-Gefasel endlich mal zu lassen, sondern Minderheiten einfach nur als ebenso „normal“, nur eben seltener, zu behandeln? Wir sind nichts Besonderes. Wir können genauso dumm, intelligent, schön, hässlich, empathisch, egomanisch, versoffen und abstinent, evangelisch, katholisch, links, rechts, atheistisch, jüdisch, muslimisch, arm, reich, versnobt, verkommen und was-weiß-ich-nicht-alles sein — eben wie alle anderen auch. Niemand sucht sich seine sexuelle Orientierung aus. Niemand hat sich bewusst dafür entscheiden, dass bei der Chromosomenverteilung Herz und Seele XY bekamen und der Rest XX oder umgekehrt.
Natürlich prägt es jeden Menschen auf die ein oder andere Weise, mit dem Wissen aufzuwachsen, dass man „irgendwie anders ist“ — aber man kann damit klarkommen, zumindest in einem so schönen und freien Land wie unserem, wo (von kleineren Baustellen abgesehen) sogar Behörden und Gesetzgebung uns unsere Existenz nicht aberkennen, sondern diese, im Falle des TSG und der Krankenkassen, oft sogar erst ermöglichen — selbst wenn wir weder reich noch berühmt sind.

Man kann als queerer* (*hier im Sinne von: Sucht euch einen Buchstaben aus) Mensch in Deutschland für vieles dankbar sein. Man kann sich auch noch über vieles aufregen. Aber was die vielbeschworene „Toleranz“ angeht, so gilt wohl tatsächlich mal: „Danke für nix!“

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