Eigentlich machen bei mir vorm Haus am meisten die Elstern Rabbatz, aber heute schreien sich Möwen an auf dem Dach des Nachbarhauses, behacken sich mit den Schnäbeln, ich weiß nicht warum. Es sind zwei Männchen. Natürlich, möchte man meinen, ist doch allen Tierarten ein Maß an Aggression eigen, wobei jedoch der männliche Teil gemeinhin eher zur offenen Aggression und der weibliche zum leisen Giftmord (und sei es nur mit Worten) neigt, Ausnahmen die Regel bestätigend. Manche können beides.

Mit schnellem Flügelschlag jagen Schwalben vorbei.

Der hellgraue Himmel lässt Kälte vermuten, tatsächlich ist es aber schwülwarm und immer noch Sommer; auf den Straßen der übliche Lärm aus Fahrradgeklapper, Gekreisch und Gelächter, die bunte Kleidung der Touristen mit den aufblasbaren Tieren, Brettern und Sandspielzeugen unterm Arm ein hilfloser bis grotesker Farbtupfer in der Tristesse der gegenwärtigen Nachrichtenlage.

In München wohnte ich am Candidplatz in Untergiesing. Wunderbar war das, kein Vergleich zu Berlin in punkto Entfernungen. U-Bahn vor der Tür, 10 Minuten zur Arbeit und zum Hbf, 5 Minuten zu den schönen, grünen Isarauen mit dem glasklaren Fluss, und auch ein Supermarkt war gleich am Haus. Selbst das Glockenbachviertel mit den lauschigen schwullesbischen Cafés, die sonntäglich „geilen Kuchen“ auf liebevoll von schönen Männern beschriebenen Tafeln offerierten, war fußläufig erreichbar. Dort machte ich meine ersten offen-queeren Gehversuche. Dort hatte ich, nach Ende des Volontariates und Antritt der ersten Stelle im Verlag, meine erste eigene Wohnung, die kein möbliertes Übergangsquartier war. Rückblickend denke ich, dass es eine schöne Zeit war, aus der ich wesentlich mehr hätte machen können, wäre ich nicht noch so absorbiert gewesen von inneren Kämpfen und amourösen Desastern; von zu spätem Erwachsenwerden und zu vielen Resten jugendlich-akademischer Überheblichkeit. Rückblickend denke ich, ich hätte München mehr würdigen können. Denn heute liegt über meinem Bild von München ein Trauerflor.

Die U-Bahn vorm Haus fuhr durch zum Olympia-Einkaufszentrum, und also war ich dort sehr oft, allein schon, weil ich vor den Einkäufen gern noch im Olympiapark spazieren ging oder im dortigen Bad schwamm.

Oft kehrte ich zurück mit einem Bügelbrett unter dem Arm, Töpfen, Pfannen, also all dem, was man zur Ersteinrichtung einer Wohnung so braucht, und verschwendete keinen Gedanken daran, dass man den Weg mit seinen Tüten zur U-Bahn nicht überleben könnte. Auch mit meinen Eltern war ich dort, sicher haben wir dort ein Eis gegessen, wir essen in Einkaufszentren immer gern Eis und beobachten das Treiben. Gestern wurden neun Menschen, die dort ein Eis essen oder ein Bügelbrett kaufen wollten, erschossen.

Natürlich gab es 1972 schon ein furchtbares Attentat in München, und man könnte sich fragen: Wieso nimmt mich das eine mit, aber das andere nicht so? Vermutlich, weil ich 1972 nicht einmal geboren war. Weil ich das München von 1972 nicht kenne. Natürlich ist auch 2007 schon eine Weile her, ich war seither nie wieder dort, aber ich erinnere das Einkaufszentrum. Ich erinnere den Fußboden, von dem man gestern Blut wischte. Ich erinnere, dass auch München auf seine Weise schön war.
Und ich möchte mich nie wieder fragen müssen, ob meine Münchner Freundinnen und Freunde noch am Leben sind.
Heute gab es von allen Entwarnung, ich erinnere Tränen der Erleichterung und ich ahnte den Schmerz jener, die auf diese Entwarnung vergeblich hofften. Mehr als ahnen kann man ihn nicht.
Ich hatte gehofft, wir würden eine Generation ohne Krieg. Wir wären eine sorglose Generation junger Menschen, deren Eltern und Großeltern zwar die Erinnerung an das Grauen noch mahnend wachhielten, aber uns zugleich ein schönes Nest bereiteten, damit wir das Leben leichter nehmen konnten, als sie es kannten. Der es wirtschaftlich und gesundheitlich gut geht, damit sie ― fernab existenzieller Nöte ― genügend Raum zum Träumen hat.
Der Traum ist vorbei. Kein Tag vergeht ohne Schreckensnachrichten; kein Tag ohne irgendwelche Radikalisierungen aus allen Richtungen, kein Tag ohne Angst vor Altersarmut, kein Tag, an dem nicht immer noch ein Mensch viel zu früh an Krebs stirbt, für den es immer noch keine Heilung gab, obwohl wir zugleich Fahrzeuge auf dem Mars aussetzen, und dazwischen all diese zermürbenden Kleinkriege. Wundert es da, dass man sein Heil auf einer Insel sucht?

Aber auch hier ist die schützende Blase dünn. Heute ist Dorffest. Ich möchte nicht hin, weil ich laute, wuselnde Menschenansammlungen immer weniger ertrage, aber ich habe einer Freundin versprochen, ihr ein Stück Charity-Kuchen abzukaufen, also schleiche ich mich durch die Nebenstraßen und an den Rückseiten der Buden vorbei zum Epizentrum des Tumults. Das Gift kalter Panik kriecht durch meine Venen, der Magen ein eisiger, fester Klumpen Lehm, der sich schon beim Gedanken an Essen dreht. Vielleicht, denke ich, lasse ich den Kuchen einpacken.
Vor dem Stand der Freundin spähe ich durch die Büsche. Sie ist nicht da. Vor dem Kuchenbuffet steht ein großer, dünner Mann und lacht laut mit zurückgeworfenem Kopf. Sein Kehlkopf hüft in dem sonnenverbrannten, überlangen Hals, und ich muss an ein Krokodil denken, das gerade eine Gazelle verschlingt, obwohl ich weiß, dass das neurotisch ist. Es ist ja einfach nur ein Mann, der lacht.

Heute ist kein Tag zum Ausgehen.

Zuhause schickt mir ein lieber Freund Bilder aus seinem Urlaub in Namibia. Der Anblick all der wunderschönen Tiere und Landschaften rührt mich, und ich bin ihm dankbar dafür. Hätte es denn all das Schöne auf der Welt verdient, vergessen zu werden angesichts all des Schreckens? Sollte Schönheit nicht immer über das Hässliche siegen, die Liebe über den Hass? Will ich zulassen, dass das von irgendwelchen Fehlgeleiteten (oder auch einfach nur sadistisch Gestörten) vergossene Blut meine Erinnerungen beschmutzt, an schöne Tage in Paris, in Brüssel, in München? Will ich die Erinnerung an den wunderbaren Kindergeburtstag bei den türkischen Nachbarn (ich gewann damals zwei Mark beim Vortanzen, die anderen 50 Pfennig) wirklich von Terroristen besudeln lassen, die zufällig auch Moslems sind? Auch in der Wohnung des Nachbarn lag ein Gebetsteppich, aber wir hörten Musik, und der Familienvater spielte und tanzte mit uns, auch mit den Mädchen, und half seiner Frau beim Kochen. Will ich beim Gedanken an Dresden nicht mehr den schönen Theaterabend vor Augen haben, an dem wir Oscar Wilde’s „The Importance of being Ernest“ sahen, und uns vor Lachen krümmten, nicht mehr die Sonnenaufgänge über der Kreuzkirche, sondern nur noch tumbe, fackelschwingende Rassisten? Nein. Ich möchte die schönen Dinge in meinem Herzen tragen, nicht das Gift.
Ich möchte die Möwe erinnern, die in der Salzwiese ihr fast erwachsenes Jungtier fütterte, nicht die Elster, welche die kleinen Schwalben aus den Nestern fraß. Man mag das naiv nennen. Romantisch. Ich nenne es Überleben.

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