Letztlich wurde es doch noch Hochsommer auf Langeoog. An den Strandübergängen gleißen Dutzende abgestellter Fahrräder in der Sonne, und schon von Weitem hört man das sommerliche Treiben ihrer Besitzer_innen, die sich am Strand Bälle zuwerfen, Burgen bauen, in den bunt gestreiften Strandkörben dösen oder sich von der sanften Brandung der Nordsee kühlen lassen. Auch die Straßencafés sind zum Bersten voll: Im Dorfkern, der im Winter oft einem verwaisten Freilichtmuseum gleicht, tobt das Leben. Auch die Natur zieht zum Endspurt an: Meine Balkonblumen, welche die Tage nur noch bräunlich vor sich  hinkümmerten, zeigen sich wieder in voller Pracht. In den Dünen konkurriert der leuchtende Fuchsiaton der Heckenrosen mit dem Signalrot ihrer reifenden Früchte.

Dazwischen Felder wogenden Strandhafers, durchsetzt mit gelb leuchtendem Kreuzkraut und zartrosafarbenen Strandnelken.

Es macht Freude, sich eine Weile durch all das treiben zu lassen, durch all das Tosen, durch all die Ablenkungen vom Einheitsgrau des Alltags.

Doch irgendwann kommt die Sehnsucht nach Stille. Nach Innehalten. Irgendwann wird es alles schnell, zu bunt, zu laut. Ein bisschen ratlos stehe ich da, dem flirrenden Treiben plötzlich nur noch wie ein Zuschauer beiwohnend. Das Verlangen nach der Natur, fernab der für die Menschen zurechtgemachten Strandabschnitte, meldet sich wie eine zarte, wohlklingende Melodie aus dem Lärm der Hochsaison und legt sich sanft, aber bestimmt darüber. War es denn nicht eigentlich genau das, weswegen ich vor Jahren nach Langeoog zog?

Diese Sehnsucht stillt das Watt. Auf den ersten Blick eine unscheinbare, graubraune Fläche, ist das Watt mit der vorgelagerten Salzwiese wohl einer der spannendsten und poetischsten Lebensräume, die wir hier auf der Insel finden können. Auch im Watt geht es turbulent zu; auch im Watt entdecken wir bei genauem Hinsehen Millionen von Farben, auch im Watt wird, wie überall, geboren, gekämpft, geliebt, gestritten und gestorben. Aber das Watt erzählt uns davon leise. Und vor allem erzählt uns das Watt auch von uns selbst.

Und nun stehen wir da, die Wattwandernden, mit den bloßen Füßen oder den Gummistiefeln im Schlick, und lauschen der Poesie des großen, glitzernden graubraunen Nichts. Die Hierarchien und Unterschiede, die uns im Alltag voneinander trennen mögen, sind hier im Watt so flach wie das Land.
Mag der Anfang einer Wattführung teils noch in Geschwätz untergehen, so packt einen spätestens angesichts der glitzernden Weite und der grandiosen Artenvielfalt die Ehrfurcht. Über uns spannt sich der Himmel in makelloser Bläue. Eine majestätische Formation Gänse zieht vorüber, ihre Rufe mischen sich mit dem silbrigen Gluckern der Priele, dem Rauschen der Nordsee, den unterirdischen Geschäftigkeiten der Wattwürmer und Schnecken; all das durchwoben vom Flüstern, Mahnen und Raunen des Windes.

Die Musik der Insel. Nirgends hört man sie so deutlich, wie hier draußen im Watt. Und ähnlich wie ein Opernbesucher in einer wirklich ergreifenden Vorstellung, wagt man kaum, sich zu rühren, zu husten, zu sprechen. Hier draußen, spürt man, ist der Mensch keineswegs die Krone zu Schöpfung. Klein sind wir vor der Natur, und doch so unfassbar reich von ihr beschenkt. Fast möchte ich sagen: geliebt, wenn man qua seiner Vernunft nicht wüsste, dass die Natur nicht lieben kann, aber vielleicht ist auch das von Vorteil: Denn sie bevorzugt auch niemanden. Im Watt sind wir gleich.

Und so stehen wir dort als eine wunderbare, sterbliche  Kreatur unter vielen. Wir sehen das Watt, wir riechen, schmecken und hören es. Und wenn wir uns wirklich einlassen auf das Watt und die Natur, dann fühlen wir sie nicht nur unter unseren Füßen, sondern auch in uns: Dort, wo wir sie lieben können.

Es ist nicht meine erste Wattwanderung heute, und mit Sicherheit nicht die letzte. Aber immer verlasse ich das Watt in einer wohltuenden, demütigen Dankbarkeit — Ausgestattet mit neuer Kraft für den Lärm der Saison.

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