Und dann steht man am Meer wie auf einer großen, leeren Bühne, und die untergehende Sonne taucht einen in goldenes Licht wie ein Scheinwerfer, den der Techniker auszustellen vergessen hat, obwohl die Show längst vorbei ist und niemand mehr hinsieht.
Das goldene Licht schmeichelt, die Schatten sind lang und machen einen größer, als man ist. Man selbst aber hockt längst am Bühnenrand und wischt sich Schweiß und Schminke vom Gesicht, noch immer unfreiwillig im Zentrum des Geschehens, während Staubflocken in den Lichtstrahlen tanzen.

Es ist dunkel in dem Theater, und wahrscheinlich ist auch niemand mehr da, aber man sieht das nicht, weil dieser verdammte Spot einem eben ins Gesicht leuchtet, und da liegt das Problem: Man kann immer nur ahnen, was die anderen sehen. Man kann nicht wissen, was einem gelingt. Denn für das eigene Leben gibt es keine Generalprobe und keine Zweitbesetzung, die man sich in Ruhe anschauen könnte und dann sagen: Die Szene mit ihm, das machen wir neu, und die Szene mit ihr, die streichen wir ganz, das ist irrelevant. Und diese Episode, spiel das aufrechter, tritt ab in Würde.

Ich schminkte mich das letzte Mal, dann würde ich mich nie wieder für irgendjemanden schminken. Dann wäre es vorbei, und ich träte ins Licht des Tages, während sich der Staub auf die erloschenen Scheinwerfer legte. Ich mochte die Bühne nie. Ich weiß nicht, warum ich jemanden liebte, der dafür lebte. Vielleicht, weil ich wissen wollte, wie er ist, wenn die Lichter ausgehen. Er war so klein, wenn er nicht da oben stand. Und auf so viele Arten so viel größer. Es ist doch schöner draußen.
Langsam weichen die Wände, die Bretter, der Staub meiner Vorstellung. Ich bin nicht mehr am Theater. Ich bin am Strand, wo sich alles gut anfühlt, frei und richtig. Jetzt ist das Meer mein Freund, auch wenn es nicht so schön singt. Ein Schwarm Seevögel rast durch die Sonnenglut über der Brandung.

Es ist so schwer, denke ich, diese elende Projeziererei. Dass Leute einen zwei  Tage lang sehen und dann meinen, einen von Grund auf verstanden zu haben, all das Gute, Schöne, Wahre. Und man wehrt sich und strampelt, weil man diese Rolle nicht will, dieses kitschige, kratzende Kostüm, man hat es doch schon tausend Mal durch, diese Scheiße, aber es ist aussichtslos, und so bleibt nur einmal mehr die Flucht, aus dem Theater ins Leben. Menschen sind schwierig. Am Meer ist vieles leicht.

„Wie hältst du das bloß aus, es muss doch furchtbar sein als Single“, fabuliert die Bekannte in honigklebrigem Mitleid, um dann gleich triumphierend ein „also, ich war ja nie länger als einen Monat Single, es muss doch schlimm sein, nicht geliebt zu werden!“ hinterherzuschieben. Meine Mundwinkel verziehen sich in latentem Ekel. „Meine Beziehungen waren eigentlich alle schlimmer als das Alleinsein“, sage ich, mich zugleich ärgernd, dass ich überhaupt auf das Thema eingehe, aber man will ja noch höflich sein, irgendwie. Und außerdem ist das die Wahrheit: Sie waren schlimmer ― Entweder für mich oder für den anderen. Ich bin ein beschissener Partner, aber auch das ist okay: Es eignet sich nunmal nicht jeder für Zweisamkeit.

„Man ist auch allein ein vollwertiger Mensch“ sage ich der Frau streng, „und ich habe es satt, dass man als Alleinstehender immer für irgendwie defizitär gehalten wird und sich dafür rechtfertigen soll ― für eine miese Ehe muss sich schließlich auch keiner entschuldigen!“
Mir fehlt emotional nichts, denke ich, und auch das ist die Wahrheit, seit ich auf Langeoog bin, aber ich habe keine Lust, mich weiter vor dieser selbstgefälligen Person zu verteidigen, also hake ich die Sache vorerst ab.
Später frage ich mich, ob dem wirklich so ist, ob ich mir nicht doch etwas vormache, und rühre im Fass meiner Erinnerungen an dich herum, aber: Es ist so. Es war schön, deine Stimme zu hören. Es war schön, dich in den Armen zu halten. Es war schön, wenn ich nach der Vorstellung an deiner Schulter lehnte und du mir durchs Haar strichst. Es war schön, deine Hand zu halten, die so klein war wie meine. Aber es geht mir nicht schlechter ohne das.
Und Liebe, jenseits der erotischen, findet man auch anderswo: In guten Freunden. In unerschütterlich treuen, lieben Eltern. In Büchern. In Schönheit, Musik und Kunst. In der Hoffnung. In einem Haustier. Im Garten. in Gott. Und vor allem: In sich selbst.

Ich bin heilfroh, als ich aufs Rad steige und wieder allein bin. So schön friedlich, denke ich. Ich will nur hier sein. Nirgendwo sonst. Das irdische Dasein ist so schnell zuende. Was hat man von einem Leben, das zwischen A und B pendelt wie ein verirrter Zug? Was hat man von einem Leben, das man nur über andere definiert? Klare Verhältnisse sind wichtig, überall. Allzulange mäanderte auch ich nur herum, aufgerieben zwischen Schablonen, Erwartungen, Vorstellungen, Stereotypen. Nichts passte. Nichts blieb. Nichts hielt ich aus.

Aber das hier, denke ich, ist Ewigkeit, während mein Blick über die silbern schäumenden Wellenkämme gleitet: Das hier ist Ruhe. Wunderbare, balsamische Ruhe. Aber dennoch herrscht kein Stillstand, denn mit den Gezeiten verändert der Priel seine Form, mit den Jahreszeiten der Dünenbewuchs seine Farben, und die Wolken türmen und glätten sich oder ziehen vorbei. Wir altern. Besucher kommen und reisen ab. Ich lernte dich kennen, liebte, ging.

Hier werde ich bleiben.

sonnenuntergang 177

 

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