Wenn man den Sommer auf Langeoog sucht, findet man ihn am Flinthörn. Auf dem gleichnamigen Naturlehrpfad im Westen der Insel, von dessen Ende aus man nach Baltrum hinübersehen kann, birst die Natur vor Blüten, Gräsern, Sträuchern. Weiches, kurzblättriges Gras wechselt sich als Bodendecker mit flachen Sandmulden ab, sodass man den Weg am besten (und sinnlichsten) barfuß erkundet. Und fast immer ist man hier nahezu allein, von den regelmäßig stattfindenden Naturführungen einmal abgesehen. Es ist schön, wieder hier zu sein. Ich bin nicht oft am Flinthörn, weil es von meinem Wohnort im Ostteil der Insel doch recht weit entfernt ist und die schönste Strecke dorthin über die Deiche führt: Mit meinem alten Fahrrad bei Gegenwind kein uneingeschränktes Vergnügen. Die Alternativstrecken durch Wald und Hafenstraße indes sind landschaftlich eher langweilig. Heute jedoch sind die Bedingungen ideal, es herrscht kaum Wind und die Luft ist mild.

Die Deiche wurden lange nicht gemäht, und so bahne ich mir meinen Weg durch unzählige Schmetterlinge, Kornblumen, Kleeblüten, Kreuzkraut und Strandnelken. Ab und zu halte ich an, um meine Beine nach Zecken abzusuchen: Die kurze Hose anzuziehen, wenn man durch hohes Gras streift, war eine saublöde Idee, aber ich verdränge eben gern, dass in Schönheit auch oftmals Hässliches lauert.
Am Naturpfad angekommen ist der Weg breiter und man kann sich, statt auf die Zecken, auf das Naturspektakel links und rechts des Weges konzentrieren, bis man nach einem kurzen Anstieg auf die Dünenkrone die Vogelbeobachtungshütte erreicht. Hier öffnet sich der Blick auf die Nordsee, die Nachbarinsel Baltrum und Felder glänzend wogenden Strandhafers. Der Strand scheint hier weißer als anderswo auf der Insel, was diesen Strandübergang zu einem besonders beliebten Fotomotiv macht.
In der Hütte nisten im Frühjahr Schwalben. Dieses Jahr bin ich zu spät dran und finde nur noch ihr verwaistes Nest. Dafür gibt sich aber fast jeder andere Vogel Langeoogs auf dem Weg am Flinthörn die Ehre. Ein Wiesenpieper sitzt wenig scheu auf dem zum Dünenschutz angebrachten Draht; auch als ich mich nähere, hüpft er gerade mal einen Strauch weiter, sodass ich immer noch sein hübsches, braun gezeichnetes Federkleid durch die Zweige sehen und das niedliche Piepen hören kann. Eine Singdrossel  inszeniert sich noch weniger schüchtern: Hoch oben auf einem Strauch sitzend, erfreut sie Ohr und Seele mit ihrer schönen, klaren Melodie.

Es tut so gut, allein durch all diese Schönheit zu wandern. Diese wunderbare Natur, die einen mit allem Reichtum des Sommers überschüttet, ohne dafür irgendetwas zurückhaben zu wollen, außer vielleicht ein bisschen Respekt, die ihr leider nicht jeder Wanderer zollt: Müll am Wegesrand erzählt davon. Auf jeden Fall ist der Natur egal, wie man aussieht, wie alt man ist, ob man Geld hat oder Flecken auf der Landkarte seiner Vergangenheit; man könnte sogar nackt herumlaufen, mit all seinen Defiziten oder dem, was die Gesellschaft für defizitär hält, und trotzdem würde sich keine Lerche, keine Dünenrose angewidert abwenden. Sie wären da, wie eh und je.

Wenn es doch auch mit den Menschen so einfach wäre, denke ich betrübt, aber oft genug überlebt man dort einfach nicht ohne Fassade. Menschen haben nunmal nicht die einfach gestrickte Unschuld der kleinen hübschen Kreatur da oben, denke ich weiter, während ich der Drossel lausche und an die Nachtigall denke. Menschen haben Erwartungen. Menschen enttäuschen oder sind enttäuscht. Menschen urteilen. Und so kann ich mich eben nicht einfach auf einen Strauch setzen und singen, wie mir das Herz befiehlt; man muss seine Töne wählen: Mit Bedacht.

Du bist so etwas Besonderes, schreibt eine neue Bekannte, und ich weiß, dass das nett gemeint ist, aber zugleich denke ich: Wenn du wüsstest. Wenn du wüsstest, wie sehr ich mir als Kind, als Jugendlicher gewünscht hätte, einfach nur so zu sein wie alle anderen. Aber immer war da diese Wand. Immer war da niemand, der sah, was ich sah. Immer schaute ich durch eine Glasscheibe den anderen beim Spielen zu, irgendwie dabei, aber irgendwie keiner von ihnen. Ich wusste nur, dass ich da, wo ich sein sollte, nicht hinpasste: Und die anderen wussten das auch. Immer war man fremd. Und dann irgendwann halt einfach gleich lieber allein, mit dem Fremden in sich.

Letztens kam das Kind von Bekannten freudestrahlend mit seinem Zeugnis: Eine Eins in Sport, der Rest so Naja. Ein hübscher Junge, beliebt. Reicht doch, denke ich. Wenn man in der Schule nicht so mies ist, dass man sich quält, aber auch nicht so gut, dass die anderen einen quälen (außer in Sport, da wird man fürs Gutsein nie geqält), und dazu noch gut aussieht, ist das doch die halbe Miete. Wenn man so ist als Kind, denke ich, bekommt man sicher genug Selbstwertgefühl mit, um später auch mit einem Dreier-Abitur noch Jobs in einer Gehaltsklasse einzuheimsen, bei der man sich nicht zwischen neuem Fahrrad oder Urlaub entscheiden muss. Als Kind wäre ich gern so gewesen — selbst wenn ich heute durchaus zufrieden und versöhnt mit dem bin, was ich trotz allem erreicht habe.

Schließlich führen bekanntlich viele Wege nach Langeoog, und so habe ich es ja doch noch hinbekommen, das gute Leben. Trotzdem steckt in diesem Wort „Besonders“ für mich auch heute noch nichts Positives, sondern der Außenseiter, der Freak, der Andere. Und dann gibt es da diese ekligen Blasen all der kleinen Demütigungen in der Vergangenheit, die durch ein einziges Wort aus dem Schlamm des Vergessens an die Oberfläche gespült werden, wo sie stinkend platzen. Dagegen kommt auch der Duft der Dünenrosen nicht an; ich habe keinen Sinn mehr für die Natur, als ich mir den Weg zurück bahne, ich, das einzige Stück, das in diesem Puzzle heteronormativer Bilderbuchwelten irgendwie immer draußen bleiben musste: Fehlproduktion. Ausgesondert.

Und plötzlich werde ich auch wütend. Auf den Berufsberater, dem ich in der 9, Klasse strahlend erzählte, dass ich Ethnologe werden wollte, um irgendwann für GEO zu schreiben. Der aber stieß nur ein bösartiges, meckerndes Lachen aus und meinte: Das schaffst du nie. Auf den Typen auf dem Arbeitsamt, der meinte: „Heiraten Sie doch einen reichen Mann“ und mich kurzerhand zu „ungelernt und unvermittelbar“ erklärte, weil er meinen Studiengang im Computer nicht finden konnte. Auf all die Leute, die beim Anblick meines Diploms nur den Mund verzogen und meinten „was willst du denn damit“. Als dürfe es einfach keine Menschen geben, die Lebensläufe haben, die sich nicht mit einem Wort beschreiben lassen; von körperlichen Abweichungen vom Mainstream gar nicht zu reden.
Und dann immer dieses Abwägen, in wie weit man sich in seiner Abweichung öffnen darf. Und vor wem. Manchmal fasst man Vertrauen und ist kurz davor, damit sich die Leute nicht verennen in irgendeine Idee von einem, sondern begreifen können, was einen wirklich umtreibt, aber dann ist da irgendein Wort, irgendeine Geste, und das Vertrauen sickert wieder durch die Ritzen der Mauer, in die man gerade ein winziges Loch graben wollte.
Manchmal ist halt einfach nicht der richtige Zeitpunkt, denke ich. Manchmal ist es einfach zu früh. Und manchmal hätte es auch einfach keinen Sinn.

Ich lasse den Gedanken fallen. Auf dem Rückweg mache ich, innerlich sortierter, noch einmal halt im Pirolatal. Der Strand ist menschenleer. Ich öffne das Hemd und fühle den Seewind auf der Haut, weich und schmeichelnd. Goldenes Licht ergießt sich über die Dünen, über meinen Körper. Der Natur sind Narben egal. Wie oft sieht man gerade aus Rissen im Boden die schönsten Blumen wachsen? Wie oft findet man zwar im Schönen das Hässliche, aber eben auch im vermeintlich Hässlichen das Schöne? Gestärkt fahre ich heim.
Ein Nachbar klingelt: Ihm sei das Spielzeug seiner Tochter auf meinen Balkon gefallen. Ich habe gerade geduscht und nur ein Handtuch um die Hüften. Ich überlege, ob ich überhaupt aufmachen soll, ihm meinen Anblick zumuten, oder ob ich nicht besser sage: Kommen Sie später wieder. Aber dann denke ich: Scheiß drauf. Ich habe nichts zu verstecken. Gott, denke ich weiter, hat sich bei allem etwas gedacht. Sogar bei Narben, seien sie auf der Seele oder sonstwo. Mich stört so etwas bei anderen schließlich auch nicht. Der Nachbar indes sieht mich an wie alle heterosexuellen Männer andere Männer ansehen, auch wenn sie halbnackt sind: Nahezu gar nicht. Er nimmt das Spielzeug entgegen, entschuldigt sich für die Störung und dankt. Ich schließe erleichtert die Tür.
Vielleicht, denke ich, gehe ich diesen Sommer sogar einmal baden. Als einer von vielen. Als niemand, der anders ist. Als niemand Besonderes.

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