Die Fähre in Richtung Kiel ist am nächsten Morgen so voll, dass nicht einmal alle Wartenden mitgenommen werden können. Umso erstaunlicher, dass der junge Schiffsmechaniker an Bord gar keinen gestressten Eindruck macht. Zu fast jedem Gast hat er einen netten Spruch auf den Lippen und ist dabei nicht bemüht-witzig, sondern sehr charmant. Auch mich spricht er an, als ich ihm interessiert beim routinierten Verstauen der Tampen zusehe. Ob ich auch zur See führe, möchte er wissen, und deutet auf den Anstecker der Langeooger Schifffahrt an meiner Jacke. Leider nicht, antworte ich, das sei nur das Geschenk eines Seemanns. „Aber bei der Marine gewesen sind Sie doch sicher, oder?“ Ich bedauere: Seeuntauglich. „Aber wo haben Sie denn dann gedient? Heer, Luftwaffe?“ Kurz sehe ich mich, kurzsichtig wie ein Maulwurf, im grauen Fliegeroverall und muss lachen. „Nirgends“, sage ich, „ich durfte nicht.“ Er sieht mich etwas verständnislos aus vereinnahmend tiefseeblauen Augen an, und so setze ich schnell ein „Ganz untauglich“ hinterher, „Leider“.
Der Mechaniker hat ein jungenhaftes, zarthäutiges Gesicht, das ihn wahrscheinlich jünger macht, als er ist, und schöne, dichte Haare. Ich finde ihn niedlich und es fällt schwer, ihn über meine Vergangenheit anzulügen. Aber jedes bessere Leben hat seinen Preis: Das hier ist meiner.
Ich lenke ab, indem ich ihn nach seinem eigenen Werdegang frage, und so plaudern wir, bis er sich auf das nächste Anlegemanöver vorbereiten muss.

In Möltenort steige ich ab. Auch hier bleiben Menschen, die eigentlich nach Kiel wollten, am Kai zurück. Ich aber bin am Ziel meines Ausfluges: Dem 1930 eingeweihten U-Boot-Ehrenmal in Heikendorf, das an der engsten Stelle der Kieler Förde auf der Möltenorter Schanze errichtet wurde. Von 40.000 Deutschen Soldaten überlebten mehr als 30.000 den Zweiten Weltkrieg unter Wasser nicht; auch Zehntausende alliierter Seeleute starben. Der Erste Weltkrieg kostete fast 4.800 U-Boot-Fahrer das Leben; insgesamt gingen 939 Schiffe auf deutscher Seite verloren. Dieser Seemänner wird hier in Möltenort auf 115 bronzenen Namenstafeln gedacht. Einer davon war das einzige Kind von meinem Urgroßonkel Max und seiner Frau Hanni: Arnold.

Mir schwant, dass das Unternehmen, seinen Namen hier im Ehrenmal zu finden, etwas schwieriger wird als das Aufspüren seines ebenfalls auf See gebliebenen Vaters, und große Hoffnungen habe ich nicht. Die einzige Verwandte, die Arnold noch lebend kannte, erinnert sich nämlich leider weder an dessen Geburtsjahr, noch an Schiff oder Todesdatum. Da Max 1914 starb, kann ich das Geburtsjahr auf „spätestens 1915“ eingrenzen, aber sonst habe ich absolut nichts.
Über der Gedenkstätte ragt eine Säule mit einem Adler in den wolkenverhangenen  Himmel. Unter dem Adler ist das Abzeichen der U-Boot-Fahrer angebracht und seine Flügel strecken sich für mich nicht stolz, sondern in anklagender Verzweiflung in den Himmel. Leider war unter dem Abzeichen früher ein Hakenkreuz: Die Reste erkennt man bei genauem Hinsehen bis heute; ein leichtes Schaudern befällt mich.

Ansonsten erinnert das U-Boot-Ehrenmal in seiner expressionistischen Architektur an das Ehrenmal in Laboe: Es ist schlicht, aber in seiner Schlichtheit ergreifend. Die Gedenktafeln sind an den Wänden einer halbkreisförmigen Schlucht angebracht, an deren Enden jeweils eine kleine Trauerhalle mit Kränzen, Kerzen, Informationen zur Angehörigensuche und Gedenkbüchern liegt. Um dorthin zu gelangen, muss man automatisch eine demütige Haltung einnehmen, denn es geht erst einmal treppab durch eine niedrige, eisenbeschlagene Tür. Ich sichte umgehend die Informationstafel, dann schreite ich das erste Mal die Schlucht mit den Tafeln ab. Die U-Boot-Nummern reichen von U1 bis U1007: 30.003 Namen. 30.003 Lebensgeschichten. Keine U-Boot-Nummer, kein Arnold, dämmert es mir und ich plane, das Vorhaben aufzugeben. Dann aber packt mich der Ehrgeiz. Egal, sage ich mir: Ich habe Urlaub. Ich habe Zeit. Ich finde den jetzt!

Immerhin stehen die Namen mit B kurz hinter der U-Boot-Nummer. Ich sichte sie alle. 115 Mal gehe ich in die Knie, um auch am Tafelrand nichts zu übersehen, 115 Mal drücke ich vorsichtig Blumen zur Seite, um die dahinter liegenden Namen lesen zu können. Es beginnt zu regnen; kurz darauf scheint wieder die Sonne. Die Bronzebuchstaben gleißen im Licht, was ein Entziffern zusätzlich schwierig macht. Ich gebe nicht auf. Bohn, Böhmke, Brinkmann. Kein Brandt. Bauer, Bruns, Burmester. Viele Zeilen B auf den Besatzungslisten der größeren Schiffe. Aber kein Brandt. Arnold als Nachname, gefolgt von Berger, Cohrs, Ehlert auf den kleinen Schiffen mit nur wenigen Mann Besatzung. Davor die Kürzel ihrer Dienstgrade. Kein Brandt. Doch da! — Behrend, Benthin, Brandt: Endlich. Aber der falsche Vorname. Ich finde noch weitere Brandts. Erich Brandt, Christian Brandt, Arno Brandt. Vielleicht nur falsch geschrieben? Aber das Geburtsjahr, 1922, von Arno haut nicht hin. Hans Brandt, Herrmann Brandt. Vielleicht war Arnold nur ein Zweitname? Viele hießen doch damals Heinz-, Hans- oder Herrmann-Irgendwas, und der zweite Vorname war dann der Rufname. Ich rufe meinen Vater an, der übrigens Hans-Joachim heißt. „Nein“, sagt dieser, „meines Wissens hieß er einfach nur Arnold“. Es ist heiß geworden; die Sonne brennt jetzt richtig.

Irgendwelche Insekten fallen mir in den Nacken, meine Knie schmerzen. Ich muss elendig dringend aufs Klo. Ich merke mir U876 und hechte nach oben: 130 Schiffe noch, gleich suche ich weiter. Kein Busch nirgends, aber direkt hinters Ehrenmal pieseln, das geht aus Pietätsgründen beim besten Willen nicht. Also Einhalten und wieder runter. Ich quäle mich frustriert durch die letzten Tafeln. Arnold Brandt finde ich nicht, auch nicht auf den Tafeln mit den Nachträgen: Die letzte wurde 2012 angebracht. Ich bin enttäuscht. Gerne hätte ich Vater und Sohn gefunden auf meiner Reise, aber so bleibt wohl zumindest der Sohn für immer verschollen in den Tiefen einer mir unbekannten See. Nach 3 Stunden erfolgloser Suche breche ich das Projekt ab.

Am wirklich hübschen, gepflegten Strand von Heikendorf planschen Menschen in der fast karibisch türkis schimmernden Förde. Ich renne zum nächsten Klohäuschen, danach geselle ich mich dazu. Es ist wunderbar idyllisch: Sonne, Seegelboote, Sand. Nur mein Seelenfrieden wird wechselhaft wie das Wetter.

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