Blaues Licht liegt über der Kieler Bucht, als ich am Morgen viel zu früh erwache und die Vorhänge in meinem Hotelzimmer aufziehe. Die Hornveilchen im liebevoll bepflanzten Balkonkasten wiegen ihre Köpfchen im Wind. Noch ist der Eingang zum Marine-Ehrenmal verwaist; erst in zwei Stunden wird eine uniformierte Angestellte das Tor aufschließen und in dem kleinen Museumslädchen, in dem man auch die Eintrittskarten kaufen kann, ihren Posten beziehen.

Aufregung macht sich breit. Im Marine-Ehrenmal sind die Namen aller auf See gebliebenen deutschen Soldaten beider Weltkriege in Gedenkbüchern verzeichnet; aber auch den Verstorbenen der zivilen Seefahrt und der Seeleute anderer Nationen wird dort in Ehren gedacht.
Ich gehe heute auf die Suche nach meinem Urgroßonkel Max; untergegangen mit der SMS Scharnhorst, am 8. Dezember 1914 vor den Falkand-Inseln.

Ein Foto, aufgenommen 1914 in Flensburg, zeigt ihn in der kaiserlichen Marine-Uniform eines Obermaaten: Neben ihm seine aus dem Kieler Raum stammende Frau Hanni, die nicht nur ihren Mann, sondern einen Krieg später auch ihr einziges Kind an die See verlieren sollte. Das Schicksal dieser — meiner — Familie berührt mich, seit ich davon erfuhr, und nun suche ich nach Bestätigung unserer Geschichte.

Im Frühstücksraum des Restaurants hebe ich meinen Blick zum Turm: Gleich ist es soweit. Werde ich Onkel Max finden? Und, vor allem: Werde ich mich da rauf trauen? Ich leide unter erbärmlicher Höhenangst.
Wenigstens 45 Meter nehme ich mir vor; mindestens 45 Höhenmeter Turm muss ich schaffen. 45 Meter misst der Großmast der Gorch Fock, meines Lieblingsschiffes. Wenn da junge Kadetten bei Seegang und Dunkelheit raufkönnen, werde ich es doch wohl eine unbewegliche Betontreppe hinaufschaffen, Angst hin oder her: Das ist ja nun das Mindeste!
Irgendwie nagt es ja doch, dass ich mich selbst nie bei der Marine beweisen durfte. Vielleicht wäre ich dann früher autark geworden. Und weniger verletzlich. Und immerhin ist so ein Schiff auch einer der wenigen Plätze, wo es von Vorteil ist, als Mann klein zu sein — Wäre da nicht die Sache mit der Höhenangst.

Nun also der Turm: Komm, sage ich mir. Für Onkel Max. Ich schaffe das.
In Wirklichkeit scheiße ich mich jetzt schon ein vor Angst.

Die androgyne, junge Frau hinter dem Kassentresen des Ehrenmals ist auf liebenswürdige Weise schüchtern, aber sofort sehr hilfsbereit, was mir erleichtert, meinen Wunsch nach Einblick in die Gedenkbücher vorzutragen: Schließlich geniere ich mich immer fürchterlich dabei, andere Menschen um Gefallen zu bitten — da ist es schon tröstlich, wenn auch die anderen nicht immer geborene Kommunikationskanonen sind. Sie selbst könne den Eingangsbereich leider nicht verlassen, sagt die Frau mit den mandelförmigen Augen und dem hübschen dunklen Kurzhaarschnitt, aber sie würde einen Kollegen informieren. Ich könne mich derweil ja schon einmal umsehen.

Das tue ich sehr gern, wenn auch mit zunehmend klopfendem Herzen.
Der Turm rückt näher. Zunächst aber lasse ich mich von der Wirkung der Außenanlage des Ehrenmals vereinnahmen. Exponate internationaler Marinegeschichte und Gedenktafeln zu Ehren Gefallener anderer Nationen unterstreichen die Bedeutung des Areals für Aussöhnung und Völkerverständigung. Der säulenumkränzte, 7000m2 große, runde Innenhof aus Wesersandsteinplatten stimmt mit seiner Leere demütig: Ich fühle mich klein angesichts der beeindruckenden Weite des Platzes und der Weite der zwischen den Säulen hervorschimmernden Ostsee. Von der Historischen Halle gegenüber des Turmes aus nehme ich mein Projekt in Angriff. Erst Turm, denke ich, dann Onkel Max. Als Belohnung quasi — erst das Grauen, dann die Bücher. Aber so kommt es nicht.

Als ich die Klinke zur Eingangshalle schon in der Hand halte, spricht mich ein weiterer Angestellter an: Ihm sei meine Bitte um Einsicht in die Bücher ausgerichtet worden, der er gerne nachkäme.
Auch er ist recht jung, aber mit tadellosen Manieren und ebensolcher Uniform. Er stellt sich namentlich vor und begrüßt mich sogar mit Handschlag, was ich nicht erwartet hätte, mich aber freut. Sein ganzes Auftreten ist so respektvoll und höflich, als hätte ich den frischen Verlust eines Angehörigen zu betrauern anstelle des Ertrinkens eines Verwandten  vor 102 Jahren, den ich aus naheliegenden Gründen nicht einmal persönlich kannte: Es beeindruckt mich sehr und stimmt mich in gewisser Weise feierlich.
Das hier ist ein besonderer Moment, ahne ich, und schärfe meine Sinne. Ich nenne dem freundlichen blonden Archivar die Namen von Schiff und Onkel, und er begibt sich auf die Suche, während ich in der Ehrenhalle warte.

In der Halle riecht es nach Steinen, erloschenen Kerzen und Blumen. In zwei goldenen Vitrinen liegen die Gedenkbücher für die 35.000 auf See gebliebenen Soldaten des Ersten Weltkrieges. Darüber ein schlichtes Eisernes Kreuz. In die anderen Wände sind die Reliefs und Zahlen aller in den Weltkriegen verlorenen Schiffe und U-Boote eingelassen. Die gigantische Zahl schnürt mir schon jetzt die Kehle zu.

Wenige Augenblicke später kehrt der Angestellte zurück, schließt eine der Vitrinen auf und beginnt, weiß behandschuht, zu blättern. „Hier ist das Schiff“ sagt, er. Nun suchen wir den Onkel. Ich kann dank der Geburtstagskarten meiner Oma auch noch Sütterlin lesen und entdecke meinen Urgroßonkel zuerst: Ganz unten steht er, in der mittleren Spalte zwischen seinen toten Kameraden. Maximilian Brandt. Keiner der 860 Männer an Bord des Großen Kreuzers SMS Scharnhorst überlebte.
„Da ist er! Da ist Onkel Max!“ rufe ich aufgeregt aus. Es ist bewegend. Dort steht sein Name, handgeschrieben auf vergilbendem Papier. Er hat kein Grab, denke ich. Aber er hat einen Namen: Dort steht er. Und er hat immer noch Familie. Er hat mich. Es macht mich traurig, ehrfürchtig, und auch ein bisschen Stolz zugleich, nun ein Teil dieses wunderbaren Ehrenmals zu sein, mit irgendeinem Atom meines Obermaat-Brandt-Nachfahren-Blutes.

Der hilfreiche Archivar tritt empathievoll einen Schritt zurück. Ich sammele mich einen Moment und bedanke mich herzlich. „Ich lasse das Buch jetzt auch an dieser Stelle aufgeschlagen“ sagt der Mann und ich könnte heulen vor Rührung. Jetzt wird also nicht nur der klägliche Rest meines eigenen Clans wissen, dass es einmal einen Maximilian Brandt an Bord der Scharnhorst gegeben hat, sondern auch jeder künftige Besucher des Ehrenmals — bis jemand anderes nach einem Familienmitglied sucht. Und ein bisschen mildert das tatsächlich auch den Gedanken an seinen schrecklichen Tod.

Kurz darauf bin ich wieder allein in der Ehrenhalle; so früh am Morgen gibt es nicht viele Besucher. Ich bin noch zu bewegt für die Turmbesteigung und steige darum als erstes in die Tiefe: In die Gedenkhalle, in der auch heute noch Kranzniederlegungen an marinehistorisch bedeutsamen Tagen sowie Trauerfeiern für im Dienst verstorbene Angehörige der Deutschen Marine stattfinden.

Die meisten Kränze stammen von Marinekameradschaften oder anderen Organisationen, aber dann entdecke ich auch frische Zeugnisse privater Trauer. Ein gerahmtes Foto zeigt einen jungen Kapitänleutnant, lächelnd in seiner schönen Uniform. Wir vermissen dich, steht auf einem Trauerband daneben. Der junge Soldat hieß wie du. Deinen Namen auf solch einem Band zu lesen, spült mir den zweiten salzigen Frosch des Tages in den Hals. Es ist so schwer, jemanden zu verlieren, den man liebt. Der noch so viel zu erleben hatte. Dessen Eltern nun das eigene Kind zu Grabe tragen mussten. Es ist so unvorstellbar traurig, dass auch in Friedenszeiten immer noch Menschen so jung sterben müssen, denke ich. Aber Seefahrt ist und bleibt halt auch in Friedenszeiten ein gefährlicher Job, und Arbeitsunfälle passieren.
Im meinem Inneren türmt sich schwere See. Drei begutachtete Trauerstätten später gibt mir eine Kinderzeichnung mit krakeligen Herzchen und dem Wort „Papa“ den Rest. Meine Augen melden Land unter. Hinter der Bank, auf die ich mich setzen will, hängt ein Relief der Scharnhorst 2, welche ihrem Vorgängerschiff sehr ähnlich sieht. Die mühsam in Schach gehaltenen Tränen fallen.

Durch ein Kirchenfensterartig gestaltetes, rundes Oberlicht aus buntem Glas fällt diffus-weiches Licht in die Gedenkhalle; von irgendwoher dringt leise Orgelmusik, wahrscheinlich Bach. Die Trauer ist überall. Ich ziehe mich gesenkten Hauptes zurück.

Nun also, der Turm. Was sollte mich schon noch erschüttern?
Ich erklimme die ersten Treppen und recke den Kopf. Durch die Scharten des gewaltigen Hohlraums im Inneren des Turmes strahlt Sonnenlicht, das Gurren und Flügelschlagen der auf den Simsen nistenden Tauben hallt vielfach verstärkt von den Wänden wider; auch das Heulen des Windes und die nahe Brandung sind überdeutlich zu hören. Fast erwartet man, auch Gefechtsfeuer und die Stimmen der Sterbenden zu vernehmen: Erneut ein ergreifender Moment. Eine Möwe schreit.

„Unsere Flügel sind die Seelen der Matrosen“. Wie oft bat ich dich, mir das schöne Lied vorzusingen, aus dem diese Zeile stammt; geradezu süchtig war ich nach dem Lied. Und nie war ich an einem Ort, an dem ich das Lied „Die großen weißen Vögel“ lieber gehört hätte als jetzt, und sei es nur als Motivationsmarsch auf dem Weg nach oben, meiner Angst entgegen. Es war das letzte Lied, das du mir sangst.

Ich kapituliere auf ungefähr der Hälfte des Weges. Ein, zwei Treppen hätte ich noch hoch geschafft, aber der Gedanke daran, auch wieder runter zu müssen, zwingt mich dazu, irgendwann umzudrehen und in den Hohlraum hinabzublicken. Mir wird auf der Stelle übel und ich schwanke, als befände ich mich tatsächlich in den Wanten der Gorch Fock anstelle des Treppenhauses im Marine-Ehrenmal. Das hätte Onkel Max nun wirklich nicht verdient, denke ich, und ich beschließe, lieber abzusteigen, als auf sein Andenken und das seiner Kameraden zu speien. Am Fuße des Turms wartet ein Aufzug. Ich mache drei Kreuze, dass dieser leer ist, denn sobald die enge Kabine nach oben ruckelt, befällt mich auch hier wieder Panik: Die digitale Anzeige der eroberten Höhenmeter an der Fahrstuhlwand tut ihr Übriges. Sieh nicht hin, sage ich mir, aber letztlich starre ich die Zahl dann doch die ganze endlose Fahrt lang an wie ein Reh den Scheinwerfer.
Die Türen öffnen sich. Zum höheren Turm ginge es nun nur per Treppe weiter, aber ich weiß, dass ich das nicht schaffe. Also muss die niedrigere Plattform reichen. Ich bin dankbar für die hohe Brüstung und das übermannshoch angebrachte Gitter. Nur die Wand entlang nach oben oder gerade nach unten sehen darf ich nicht. Der Blick in die Weite indes ist spektakulär: Sie ist so schön, die See, trotz all des Leids und all der Seelen auf ihrem Grund. Westlich der Förde blüht die Probstei mit ihren Wäldern, Wiesen und Seen. Irgendwo im Nordosten liegt Flensburg. Von dort aus stach Onkel Max ein letztes Mal in See. Von dort stammt der Mensch, den ich liebte.

Also fließt hier in der Ostsee wieder alles zusammen, denke ich. Seine Geschichte, meine, und auch ein bisschen deine.

Ich mache Fotos und besichtige die Ausstellung in der Historischen Halle. Die Konzentration fällt schwer. Vor dem Verlassen des Geländes stecke ich einen Geldschein in eine als Sammeldose konstruierte Nachbildung des Turms, für den Erhalt des Ehrenmals und seiner Bücher.

Ich hatte noch Pläne für diesen Tag. Aber ich weiß nicht, wo ich ansetzen soll, um nach diesem Vormittag in den Urlaubsmodus zurückzufinden. Ich kann jetzt kein Eis kaufen, denke ich, oder bunte Souvernirs ansehen. Also treibe ich ziellos durch den Ort, bis ich an einer Kirche lande. „Anker Gottes“ heißt sie, ein schöner Name. An ihrer Backsteinmauer blühen Rosen.

Drinnen entzünde ich Kerzen: Für meine Eltern, Max, dich.
Und für die Seelen der Matrosen.

 

 

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