Eigentlich wollte ich da nie hin. Natürlich hatte ich als Marine- und Geschichtsinteressierter oft Bilder des 1927 in Laboe errichteten Marine-Ehrenmals gesehen, aber ich fand es doch eher unattraktiv, und den Strand — nun, Strand haben wir auf Langeoog auch. Dann aber las ich, dass auch der GröFaZ, der es in seiner eigenen Militärkarriere übrigens gerade einmal zum Obergefreiten gebracht hatte, das Bauwerk hässlich fand, was mir wiederum Argumente lieferte, das Ehrenmal doch noch einmal wohlwollenderer Betrachtung zu unterziehen. Schließlich musste ein Denkmal, das Hitler hässlich fand (und das deswegen auch in weiten Teilen von ideologischer Vereinnahmung verschont blieb), doch unbedingt schön sein, oder? — Und sei es alleine deswegen! Ein günstiges Urlaubsangebot in einem benachbarten Hotel sowie die parallel stattfindene Kieler Woche taten zur Entscheidungsfindung ein Übriges. Und nun war ich also hier: In Laboe.

Man sollte ja meinen, dass sich, mit Ausnahme der Abwesenheit von Gezeiten, Nord- und Ostsee einigermaßen ähneln, aber sie tun es nicht. Oft lässt sich gar nicht sagen, warum: Beide Meere umgeben flache, grüne Landschaften mit Windräderparks und kleinen Ansiedlungen von niedrigen, roten, manchmal noch reetdachgedeckten Häuschen, an denen die Regionalbahn mit enervierender Langsamkeit vorbeizuckelt. An den Ortsausgängen ALDI, mittendrin die Sparkasse und eine Apotheke. Blonde Menschen sagen „Moin“ und fahren Rad. Und dennoch ist das eine mir Heimat, das andere Urlaub, auch wenn ich einst jemanden von der Ostsee liebte: Das hier ist seine Heimat. Ich bin zu Gast. Ich kann den Unterschied nicht wirklich erklären; es ist, wie so vieles in Bezug auf das Wort „Heimat“: Ein Gefühl.

Aber es tut gut, mal wieder selbst Tourist zu sein anstelle von Dienstleister im Tourismus, selbst wenn man wohl für immer einen anderen Blick für gewisse Dinge entwickelt, sobald man auf der anderen Seite des Urlaubsglücks gearbeitet hat.

In Kiel Hbf verlasse ich den Zug. Der Bahnhof ist schwarz vor Menschen, die beliebte Kieler Woche hat schon begonnnen. Reiseveranstalter lotsen Gruppen mit bunten Armbändern zu ihren Kreuzfahrtschiffen. Als ich vor die Tür zum Fähranleger trete, leuchtet der riesige Bug der AIDAvita schneeweiß auf; direkt gegenüber ein weiterer Kreuzfahrtgigant der Colour Lines. Dazwischen mein Fährschiff der SFK Reederei, ein robuster Schlepper, der zwischen den beiden Riesen jedoch so winzig wirkt wie das Badewannenschiffchen, mit dem ich als Kind gern spielte. Er heißt LABOE wie mein Reiseziel, und die Reling ist mit einem Banner geschmückt, auf dem „Laboe ist schö’“ steht. Na dann, denke ich: Warten wir’s ab.

Durch die Schluchten der Kreuzfahrtschiffe begeben wir uns hinaus auf die Kieler Förde — der kleine Schlepper macht beachtlich viel Fahrt.

Ich erinnere noch gut den Moment, als ich mein erstes Kreuzfahrtschiff sah, in Warnemünde. Auch dort liegen die schwimmenden Riesen gleich hinter dem Bahnhof. Ich erwartete von Warnemünde ein kleines Küstenstädtchen, umso erstaunter war ich über das seltsame Hochhaus, das ich beim Verlassen des Zuges erblickte. Bis das Hochhaus ein markerschütterndes, tiefes Horn erklingen ließ und sich zitternd in Bewegung setzte. Da erst begriff ich: Das ist ein Schiff. Es sind schon beachtliche Dimensionen, auch wenn mich dieser Schiffstyp sonst eigentlich nicht besonders interessiert.

Während der Kieler Woche wird einem jedoch so ziemlich jeder Schiffstyp geboten; man kann gar nicht so schnell gucken, wie wirklich alles, was schwimmen kann, an einem vorbeifährt und -segelt, es ist ganz fabelhaft. Ich klebe an der Reling und werde mit dem Begeistertsein gar nicht fertig. Majestätische Grauschiffe jeder Nation und Ausführung: Zerstörer, Fregatten, Tender, Minensuchboote. Windjammer, Segelboote, Yachten, Tanker, Containerschiffe. Arbeitsschiffe für alles Mögliche, dazwischen die grünen Schnellboote der Küstenwache. Kreisende Hubschrauber der Deutschen Marine. Ein alter Museumsdampfer lässt mit rauchendem Schornstein sein beeindruckendes Horn ertönen, ein entgegenkommender Schubfrachter, der lange Rohre geladen hat, antwortet. An den Ufern Hafenanlagen und mondäne Villen; in Möltenort kommt das Denkmal für die auf See gebliebenen U-Boot-Fahrer in Sicht: 30.000 von 40.000 deutschen Soldaten überlebten den Krieg unter Wasser nicht. Dann endlich entdecke ich auch die Türme des Marine-Ehrenmals als Außenposten zur Kieler Bucht.

Von „Hässlich“ finde ich keine Spur mehr, im Gegenteil: Hier, vom Wasser aus, erliege ich dem Bauwerk schon vom Weiten. Wie imposant es wirkt. Wie majestätisch. Wie würdevoll. Man möchte sich automatisch verneigen, und ich denke, dass man all der toten Seeleute nicht ehrenvoller gedenken könnte.  Kriegsschiffe aller Nationen bieten dem Denkmal bis heute mit einem besonderen Manöver („Front“) im Vorbeifahren eine Ehrerweisung. Ich liebe das Marine-Ehrenmal auf den ersten Blick, und dass Hitler von Kunst keine Ahnung hatte, ist ja auch wirklich kein Geheimnis.
Gleich Morgen, nehme ich mir vor, werde ich es besichtigen. Ein Rechercheauftrag in Familiengeschichte liegt vor mir; heute aber, denke ich, ist erstmal Urlaub.

Das Ostseebad Laboe empfängt mich mit seinem hübschen Wappen an der Seebrücke; einem Schwan auf blauem Grund. Das Wappentier fußt auf dem ersten, aus dem Ostseeslawischen überlieferten Namen „Lubodne“ — Schwanenort. Aus diesem überaus idyllischen Namen für ein kleines Fischerdorf am Westrand der Probstei entwickelte sich später „Laboe“. „Laboe, das klingt aber elegant“, sagt eine ältere Dame zu ihrer Begleitung, „wie eine Oper“. „Du meinst La Bohème“, ewidert diese, und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Aber elegant klingt er schon, der Schwanenort: In welcher Sprache auch immer.

Im Hafen liegt der Rettungkreuzer „Berlin“, dessen aktueller Vormann genauso heißt wie der derzeit Regierende Bürgermeister von Berlin.
Von dort aus fällt der Blick gleich auf den weißen Sandstrand mit den Strandkörben, ein paar Restaurants, Fischbuden und helle Gebäude, von denen einige sogar einen gewissen Bäderarchitektur-Anklang haben: Hier ahnt man sie, die Ostsee. Denn elegante Seebäder, wie man sie noch auf Rügen oder Usedom findet, haben wir in Ostfriesland nun wirklich nicht.

Unter der niedrigen Mauer, welche den Strand von der Promenade trennt, türmen sich duftende Rosen. Schön hier, denke ich, während ich mit meinem Rollkoffer Richtung Ehrenmal poltere, wirklich schön hier.
Am Ehrenmal angekommen, hebe ich den Kopf: Die Türme ragen in das einzige Fleckchen Blau zwischen dramatischen Wolken, während sich erstes Abendrot mit weichgoldenem Schein über die glitzernde Förde breitet.
Auch mein Hotel bietet diese imposante Aussicht.

Ich hatte erwartet, das ich mich von der Gegenwart des riesigen Denkmals in irgendeiner Form bedrückt fühlen würde, aber das Gegenteil ist der Fall: Ich fühle mich von dem 85 Meter über Ostseeniveau in den Himmel aufragenden Bauwerk auf eigenartige Weise sogar beschützt und getröstet — Hoch aufstrebend in die Wolken und doch fest verbunden mit der Erde.
Doch, denke ich. Ich wollte hier hin. Wahrscheinlich wusste ich es einfach nur nicht.

Am Horizont schiebt sich ein Frachter in den verglimmenden Sonnenrest.

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