Wenigstens ist es warmer Regen, denke ich, als ich frühmorgens in das trübe, nasse Grau vor meinem Fenster sehe, noch müde die Dinge für den Arbeitstag zusammensuchend. Aber eigentlich ist es ja besser so, denke ich, nach so einem Tag, wie könnte man da strahlenden Sonnenschein nicht als Zynismus empfinden? Es sei denn, er brächte einen Regenbogen für all die armen Seelen.

Ich erinnere meine Freunde in Berlin, es hätte jeder von ihnen sein können, du hättest es sein können, so viele Menschen, die ich kenne. Orlando hätte Berlin sein können.

Es ist schön, in Bars und auf Parties zu gehen, die sich an queeres Publikum richten. Man kann da betrunken (oder auch nicht) endlich den Menschen anschmachten, den man liebt, ohne sich den gewissen Blick fürs Schlafzimmer aufsparen zu müssen, aus Angst vor blöden Bemerkungen.  Man muss auf dem Herrenklo keine Angst haben, dass sich Typen am Pissbecken verschämt wegdrehen, weil man ihnen was weggucken könnte oder gleich nur noch mit dem Arsch die Wand entlang schubbern. Frauen können sich küssen, ohne schlüpfrige Dreieranfragen zu bekommen oder eindeutige Angebote in Richtung ‚Dich muss doch nur mal einer so richtig …‘   und so weiter. Transpersonen müssen keine Angst haben, aufs Maul zu bekommen, auch wenn sie kein gutes Passing haben, und sich in der Regel nicht groß erklären oder dreiste Fragen zum Zustand ihres Genitaltrakts beantworten. Kurzum: LGBT*-Lokalitäten sind ein Schutzraum, und es ist wunderbar, wenn man so etwas hat; die durchaus unangenehmen szeneinternen Streitereien und Eitelkeiten und Kleinkriege jetzt einmal außen vor gelassen.

Nun also dieser Gayclub in Orlando, Florida. Und dieser Wahnsinnige, religiös und/oder homophob Verblendete, der meinte, dass er der Welt und seinem Gott etwas Gutes tut, wenn er wahllos Menschen niedermetzelt, von denen jeder Einzelne ich hätte sein können, du, oder mein bester Freund.
Mindestens 50 Tote. Mindestens 50 Mal unfassbares Leid. Dieses Eindringen in einen Schutzraum, wie es pervertierter nicht sein könnte.
Auch am Morgen danach bin ich noch fassungslos.

Auf der Arbeit bin ich unkonzentriert, er fällt schwer, der Alltag, nach diesem Terror. Mittags möchte ich essen gehen, das Meer ist schön, aber ich frage mich: Kann ich wirklich die Eiswürfel im Glas betrachten, während es anderswo gerade eine Mutter, einen Vater, vor Schmerz um ihr Kind zerreißt, während Menschen, die ich sein könnten, du oder mein bester Freund, vor Schmerzen schreiend in Krankenhäusern ums Überleben kämpfen?
Andererseits, funkt die Ratio dazwischen, wird in jeder Sekunde irgendwo gestorben. Und in jeder Sekunde, in der du geweint und gelitten hast, hat irgendjemand auf der Welt gerade vor Freude gestrahlt und vice versa. Mitgefühl ist wichtig. Aber das Leben geht weiter, selbst wenn man oft nicht weiß, wie man nach so einer Zäsur wieder daran anknüpfen soll, an all die Routine und all den Alltag, der einem auf einmal so schal und oberflächlich erscheint und wie abgeriegelt hinter Milchglas.

Nun sind die Pietätsmomente des Schocks vorbei. Auf den Nachrichtenseiten und in den Kommentarspalten kommen die ersten Verschwörungen, Schuldzuweisungen, Besserwissereien. Und natürlich der blanke Hass. ‚Endlich hat es mal Perverse getroffen statt Unschuldiger‘, ‚Gott macht keine Fehler‘, und so weiter. ‚Ich hoffe, Trump wird Präsident“, schreibt allen Ernstes ein Mensch auf einem queeren Nachrichtenportal, und‚ ‚wenn jeder eine Waffe hätte, wäre das nicht passiert‘, auch die AfD plädiere ja für mehr Waffen. Ich tobe innerlich vor Wut. Es fühlt sich so falsch an, einfach nur falsch. Nein, denke ich, Nein. Jeder Extremismus ist widerlich. Jeder Extremismus ist falsch. Gewalt ist falsch, selbst wenn mir als Historiker klar ist, dass auch Revolutionen, die letztlich Gutes für die Gesellschaft brachten, nicht gerade bei Kräutertee und Räucherstäbchen ausdiskutiert wurden.
Aber man kann den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben, nicht eine Unfreiheit durch die andere ersetzen. Und mir persönlich ist es wumpe, ob mich Islamisten erschießen oder Rechte tottreten, dafür, dass ich liebe, wen ich liebe, und bin, wer ich bin. Wo ist der Konsens geblieben, denke ich, der Verstand, die Menschlichkeit und die Goldene Mitte? Jeden Tag dieser Terror, irgendwo, und nun noch das. Es macht mich fertig.

Gibt denn es wirklich einen Gott, der Mord höher schätzt als Liebe? Wenn dem so ist, will ich keine Sekunde meines Lebens mehr gläubig gewesen sein, egal mit welcher Religion.
Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass es noch Menschen gibt, die an das Gute glauben. Daran, dass Liebe stärker ist als Hass. Daran, dass „Du sollst nicht töten“ immer noch ein strengeres Gebot ist als „ein Weib soll nicht Mannsgewand tragen“ oder „ein Mann soll nicht liegen bei einem anderen Mann wie beim Weibe“. Und ich glaube daran, dass es immer Menschen gibt, die helfen. Die unterstützen, obwohl sie eine Sache eigentlich nicht betrifft. Die hier und heute in Orlando für Schwule Blut spenden, weil Schwule selbst es nicht dürfen. Die heterosexuell sind und trotzdem Regenbögen als Zeichen der Anteilnahme in ihren Social-Media-Profilen posten. Die mit mir um meinen Mann weinen würden, wenn ich ihn verlöre. Und mit seiner Mutter um ihren Sohn.

Es sind grausame Zeiten. Und dann stehe ich da, inmitten dieser grandiosen Natur und denke: Er ist so wunderschön, unser Planet. Voller Wunder. Aber was tun wir ihm eigentlich an? Mit all unseren Kriegen, all unserer Gier, all diesem Leid. Aber die Erde erträgt es irgendwie. Und dreht sich weiter.

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Mein tiefes Mitgefühl geht an die Freund_innen und Familien aller Terroropfer. Möge ein guter Gott bei Euch sein, der keinen Unterscheid zwischen den Menschen macht. Ich kann nur an einen solchen glauben. R.I.P.

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