Es herrscht sportlicher Gegenwind, aber der Motor des Pedelecs schnurrt wie ein braves Hauskätzchen und drei volle Balken in der Akkuanzeige schüren Hoffnung, dass dies auch bis zum Ende der zwölf Kilometer langen Strecke so bleibt. Mit meinem eigenen Fahrrad pfiffe ich jetzt bereits aus dem letzten Loch, denke ich, während ich glückselig lächelnd auf dem gemieteten Wunderfahrzeug einen unmotorisiert radfahrenden Menschen nach dem anderen überhole. Ich komme vom Ostende, dem, wie der Name vermuten lässt, östlichen Ende der Insel Langeoog. Es ist eine wunderbare Strecke: Mitten durchs UNESCO-Weltnaturerbe, vorbei an kobaltblau leuchtenden Seen, von hohen Gräsern umschatteten Tümpeln, auf denen Gänseküken tapsige Schwimmübungen absolvieren; vorbei an der Brutkolonie der Sturmmöwen bis hin zur Beobachtungshütte am Osterhook, von wo aus man Hunderte Seehunde vor Spiekeroog liegen sieht. Dazu, am Ufersaum und auf den sattgrünen Wiesen der Ruhezone, Bekassinen, Knutts, Pfuhlschnepfen, Austernfischer in gewaltigen Schwärmen, Strandläufer und Kormorane. Seeschwalben, denen man über der glitzernden Brandung bei ihren tollkühnen Flugmanövern zusehen kann, wie sie sich wenden, schweben, verharren, um dann pfeilschnell im senkrechten Tauchflug ins Wasser zu stürzen: Beim Wiederauftauchen funkelnde Wassertropfen vom Gefieder sprühend wie ein vom Wahnsinn befallener Juwelier, der seine Diamanten um sich wirft. Und Möwen natürlich: Möwen über Möwen.

Es ist, wie so viele Flecken auf Langeoog, ein Ort, der im positiven Sinne demütig macht. Der einen sich einerseits klein fühlen lässt angesichts dieser majestätischen Natur und ihrer wunderbaren Geschöpfe — und andererseits groß und stolz, ein Teil davon zu sein. Fast irr vor Sehnsucht steht man dann da und möchte all das einfach nur in sich aufsaugen, wie eine Pflanze, die wochenlang Wasser und Sonnenlicht entbehrte. All diese Schönheit. All diese Stille. Und all die Musik, welche mit zartem, silbrigen Klang aus dieser wunderbaren Ruhe ans Ohr dringt: Das Trillern der Austernfischer, die Schreie der Möwen, der melodische Gesang der Lerchen, das Plätschern und Glucksen des Seewassers in den Prielen. Und ab und zu: Das Nebelhorn der Fähren.

Doch dazu kommt es heute nicht. Es sind viel zu viele Menschen unterwegs — oder ich zur falschen Uhrzeit. So ziemlich jeder Dialekt dringt mir ans Ohr und übertönt die Sprache der Insel. Trivialitäten, Streit, Urlaubs- und Essenspläne. Ab und zu natürlich auch mal etwas Kluges. Kindergekreische, Beziehungskrach.
„Guck mal, lauter Enten!“ Das sind Gänse, du Gans, denke ich schnaubend, GÄNSE. Aber ich sage nichts; niemand mag Streber, auch wenn dieses Kind dadurch zumindest heute dumm bleiben wird, weil seine Mutter allen Ernstes eine ausgewachsene Graugans als Ente bezeichnet. „Nein, Heiner, das ist FALSCH“ zetert eine andere Frau, während ihr Mann ihr irgendetwas aus dem Rucksack reicht und dabei offenbar nicht das Richtige zu Tage gefördert hat. Ich passiere die beiden, als die Frau dem bedauernswerten Mann gerade den Sack aus den Armen reißt, um ihm triumphierend den Wunschartikel unter die Nase zu halten. Zum Glück trage ich meine Sonnenbrille, denke ich, so kann ich Mitleid und Abscheu wenigstens gekonnt verbergen, und bin angesichts solcher Szenen wieder einmal heilfroh, an so einem schönen Tag allein unterwegs zu sein.
Auch das einzige Ausflugslokal an der Strecke, die Meierei, ist zum Bersten voll, sogar drinnen sitzen die Leute, und die Luft ist zum Schneiden dick: Würstchen, Atem, Kuchen und Schweiß. Ich gehe nur zügig auf die Toilette und kaufe zum Mitnehmen ein Eis.

Wenn man zu irgendeiner umöglichen Uhrzeit hier ist, mitten in der Woche dazu, kann man unter geduckten Nadelbäumen auf der Terrasse in aller Ruhe ein wunderbar rustikales Schinkenbrot essen oder Dickmilch mit Sanddornsaft trinken und dabei den Lerchen zuhören, aber heute wird das wohl nichts: Es sind einfach zu viele Menschen.

Manchmal stimmt mich das traurig. Vor allem, wenn man das Gefühl bekommt, dass den Leuten die Insel egal ist oder sie diese nur als eine Art Nordsee-Disneyland begreifen anstelle eines hochsensiblen Ökosystems. Wo  Der-tut-doch-nix direkt neben einer Wiese abgeleint wird, aus der Kiebitzjunge in ihren Nestern piepen. Wo Menschen Lenkdrachen inmitten der Ruhezone durch die Lüfte sausen lassen und Vogelschwärme vor Schreck auseinanderstieben. Wo laut schwatzende Radfahrer_innen durch Felder pesen, in denen schrill pfeifende Austernfischereltern panisch von ihren Brutstätten abzulenken versuchen. Wo Luftballons bei Strandhochzeiten in den Himmel über dem Meer geschickt werden, obwohl in nur wenigen Tagen Seevögel qualvoll daran verenden werden.
Es fällt hier nicht immer leicht, Menschen zu mögen.

Auch in der Hütte am Strand bin ich nicht allein. Ein Mann nutzt den in der Hüttenwand installierten Globus, um mit seiner Weitgereistheit zu prahlen: „Neuseeland waren wir ja auch schon, und hier, und da, und dann O’ahu letztes Jahr, also Hawaii, und da sind wir dann upgegraded worden in die First class, ja, da haben wir ja auch dieses First class upgrade bekommen, da sind wir ja erste Klasse geflogen, und überhaupt, Hawaii.“
Sag’s doch noch mal, denke ich genervt, bis es hier jedes Lebewesen bis hin zur letzten Kegelrobbe begriffen hat: First Class. Upgrade. Hawaii.
„Hmm, Hawaii also“, sagt die Frau, der die Strunztirade offenbar galt, in ebenso unbeeindrucktem wie feierlichem Ernst, „uns hat es auf Spiekerook eigentlich auch ganz gut gefallen letztes Jahr. Da kommt man sogar mit dem Schiff hin.“
Ich drehe mich weg, damit mich niemand grinsen sieht, und mache einen Strich für die schlagfertige Frau auf meiner inneren „Menschen, die ich mag“-Liste: Auch dort tummeln sich durchaus einige.

Ich überlege, auf welche Seite der Liste du mittlerweile gehörst, aber dann denke ich, dass ich eigentlich gar keine Lust mehr habe, an dich zu denken; ich weiß nicht, wozu. Es ist zu lange her, denke ich, und sehe aufs Meer.

„Die einzige Konstante ist doch die stete Veränderung“, schrieb mir heute ein kluger, sensibler Freund, eine Künstlerseele wie du und ich. „Und dennoch finden wir auch in dieser Konstante Geborgenheit und Frieden: Wir müssen sie nur zulassen und uns ihr anvertrauen.“
Wie Recht er hat, denke ich, und bewundere einmal mehr, wie viel Trost und Wärme bloße Worte spenden können. Und wie sehr mich die Existenz von Kunst und Philosophie wieder mit meiner Spezies versöhnt: Denn das, denke ich, kann wirklich nur der Mensch. Keine Möwe wird über der Brandung schweben und ‚Mein Gott, ist das schön‘ denken. Keine Lerche wird singen um des Singens willen, der Freude an der Musik wegen, und kein Ganther schreibt seiner Gans einen Liebesbrief. Sie gehorchen Instinkten.
Wir indes können uns zumindest über einige unserer Instinkte erheben: Das ist nicht immer gut. Aber es bringt auch viel Schönheit hervor.

Ich mache diese Tour zum Ostende nicht zum ersten Mal, und doch erlebe ich sie jedes Mal neu. Das Wattenmeer verändert sich. Die Tiere nähren ihre Jungen, Menschen kommen und gehen. In einem Kanal liegt ein totes Gänschen; die See lässt Quallen und Krebse am Strand zurück, und viele der Zugvögel, die hier im Wattenmeer Rast machen, werden ihr Ziel nie erreichen: Auch das Sterben gehört hier zum Leben. Das ist bitter, natürlich. Aber vielleicht versöhnt es uns auch ein wenig mit unserer eigenen Endlichkeit.

Der Himmel hat sich in wenig vertrauenerweckender Weise zugezogen. Ich schalte den Elektroantrieb höher und rausche mit 25 km/h leise surrend durchs Paradies. Ein Paar Brandenten fliegt so dicht über meinen Kopf hinweg, dass ich den Windhauch ihres Flügelschlags in den Haaren spüre; dunkel glänzende Rauchschwalben begleiten mich auf der Fahrt zum Deich. Hoch auf den Dünen schnäbeln Brachvögel im Gegenlicht. Menschen bleiben stehen und machen Fotos: Im Pirolatal sind Brachvögel selten; ihre Silhouetten mit den langen, gebogenen Schnäbeln im Gegenlicht jedoch höchst fotogen. Auch ich halte an. „Entschuldigen Sie, wissen Sie wie diese Vögel heißen?“ fragt mich jemand, nachdem wir die Tiere eine geraume Weile in respektvollem Schweigen betrachtet hatten. „Ja“, sage ich: „Das sind Große Brachvögel. Die sieht man eigentlich eher am Flinthörn als hier auf den Dünen.“ Die Leute bedanken sich herzlich und wir plaudern noch ein wenig über die beeindruckende Vogelwelt Langeoogs. Nette Menschen, denke ich glücklich: Und Streber mögen sie offenbar auch.

Advertisements