Nachdem die Eisheiligen ihrem Namen alle Ehre gemacht hatten, kehrt der Frühling zurück auf die Insel. Die ersten Heckenrosen öffnen sich; in wenigen Wochen wird ihr Duft über dem Pirolatal liegen und ihre fuchsiafarbenen Blütenköpfe die Dünen zum Leuchten bringen.

Die Menschen sind hungrig nach Wärme. Auf dem Sockel der ehemaligen Seenotrettungsstation liegen Insulanerkinder: Auch sie haben die Sonne vermisst.

Auf Tjard-sin-Utkiek, der Aussichtsdüne, die ich meinen Hausberg nenne, weil sie gleich gegenüber meiner Wohnung liegt, öffnet sich der Blick aufs Meer hinter wogendem, silbergrünem Strandhafer. Es ist ein majestätischer, erhabener Anblick. Irgendwo leuchtet das kupferfarben glänzende Gefieder eines Fasans aus den Halmen wie ein verlorengegangenes Schmuckstück. Abends sieht man hier oft Rehe.

Solange sich keine Menschen blicken lassen, ist es wunderbar still. Man kann nach Nordwesten aufs Wasser schauen und hören, was die Natur zu erzählen hat: Der Wind, die Wellen. das Rauschen der Blätter und Halme. Das charakteristische Meckern der Fasanenhähne, das Trillern der Austernfischereltern, die ihre Nester bewachen. Die Rufe der in faszinierenden Formationen über den Himmel ziehenden Gänse. Wenn man nach Südosten blickt, sieht man von Tjard-sin-Utkiek aus das glitzernde Watt mit den Salzwiesen. Eine Wolke von Vögeln stiebt auf: Wahrscheinlich Pfuhlschnepfen, sattgefressen an Wattwürmern und Herzmuscheln für ihren langen Flug. Bald ziehen die Vögel weiter.

Die Bienenstöcke des Imkers am Fuße der Düne sind abgebaut und die Hütte verwaist. Ich weiß nicht, warum der Imker — oder die Imkerin — nicht mehr da ist, aber ich finde es schade, dass ich keinen Langeooger Honig mehr kaufen kann. Ich Berlin sammelten sie Honig in der Königlich-Preußischen Gartenakademie, ich kaufte ihn dort oft. Ich wische den Gedanken an mein Honigglas in deinem Küchenschrank beiseite: Das Bienenvolk, das ihn einst produzierte, haben wir doch schon längst überlebt. Und so einiges anderes auch. Die Bienen sind tot. Aber der Honig war gut.
Wie absurd es doch ist, an welche Details wir uns erinnern. Ich brauchte zwei Jahre, um meine Telefonnummer auswendig zu können, aber ich weiß noch, wie es in der Wohnung meiner Großmutter roch — obwohl ich heute nicht einmal mehr weiß, wie lange sie eigentlich tot ist. Und wer heute dort wohnt.
Genauso erinnert sich mein Vater noch an das schöne Wetter an einem Geburtstag seines Vaters, den sie auf einem Schießstand der Briten mit alten Wehrmachtspanzern feierten: Mein Großvater starb, als mein Vater 15 war.

Vielleicht sind Zahlen ja doch nicht das Wichtigste im Leben, denke ich. Vielleicht sind die Sinne doch stärker als der Geist. „Nichts kann die Seele heilen wie die Sinne“ schrieb Oscar Wilde, und so spenden Erinnerungen an Gerüche, Omas Zitronenkuchen, den sie mit Orangensaft durchtränkte, von der Sonne beschienene Panzerwracks, das Lachen des Vaters und in geliebte Hände überreichte Honiggläser wohl mehr Trost und Wärme, als es Statistiken je könnten. Und doch sind Zahlen oft das Einzige, was auch für Fremde sichtbar bleibt, denke ich wehmütig, während ich zu den dunkelgrünen Wipfeln der Nadelbäume auf dem Dünenfriedhof hinübersehe: Geboren am. Gestorben am. Hier ruht. Unvergessen.

Ich verlasse den Hausberg in Richtung Pirolatal. Auf dem Fahrradweg kommt eine lärmende Gruppe notlos klingelnder Menschen heran, und die Musik der Insel verstummt. Ich versuche mich nicht über diese unnötige Störung im Naturschutzgebiet aufzuregen, und begebe mich zügig an den Strand.

Am Strand angelangt, stolpere ich fast über ein merkwürdiges, schwarzes Gebilde. Zunächst halte ich es für festen Schlick, aber es ist eine Art Gummi oder sehr festes Textilgewebe. Als ich mich umsehe, stelle ich fest, dass es über viele Meter immer wieder aus dem Sand ragt: Es sieht aus wie ein halb verbuddelter Wal. Am anderen Ende des Gebildes stehen zwei halbwüchsige Jungs und hauen abwechselnd mit einer blauen Schaufel auf dem Ding herum, ohne es zerstören zu können. Ich überlege, sie fragen, ob sie wissen, was es ist, aber wahrscheinlich wissen die es auch nicht, also lasse ich es.

Auf jeden Fall ist es hässlich, und eigentlich will ich das nicht an meinem Strand. Aber interessant ist das Gebilde allemal.

Am Hauptstrand kaufe ich ein Crêpe. Zwei Buden weiter entdecke ich den Wattführer, der zu meiner großen Freude auf meine plattdeutsche Begrüßung „Moin, wie geiht di dat?“ auch immer brav op Platt antwortet: Viel mehr Sätze kann ich schließlich nicht. Immerhin habe ich jetzt jemanden, den ich wegen des Gebildes löchern kann, und so setze ich das Gespräch auf Ruhrdeutsch fort: „Samma, Ossi, wat isn dat fürn Wal da in’t Pirolatal?“ Als Insel-Urgestein und ehemaliger Seemann weiß der polyglotte Fuchs auch gleich, was ich meine: Ja, das. Das seien Reste einer Anlage zur Sandaufspülung von 1972 0der 1973, etwas unglücklich konstruiert und daher jetzt wieder von Wind und Gezeiten freigelegt. Und das sähe nicht aus, da gäbe er Recht. Ich lecke die Reste des Crêpes von meinen zimtzuckerverklebten Fingern und bedanke mich bei der lebenden Langeoog-Enzyklopädie, schon wieder gedankenverloren meiner Wege ziehend.

So ist das also, denke ich. So oft ändert die Insel ihre Gestalt. Und so viele Anstrengungen sind nötig, um sie nicht den Naturgewalten zu opfern. Es ist eigentlich paradox, wie oft man die Natur bezwingen muss, um im Einklang mit ihr leben zu können. Und oft genug gilt das auch für die menschliche Natur: Vom Zügeln uns schadender Leidenschaften bis hin zur Heilung und Gesunderhaltung unseres Körpers. Manchmal, denke ich, braucht es einfach Eingriffe, um die wahre Schönheit einer Person oder einer Sache zu enthüllen. Manchmal muss man sich erst ändern, um ganz man selbst zu sein. Ich habe mich freigespült, denke ich rückblickend. Frei. Und ich bin stolz darauf, wo ich jetzt bin.

Ich erinnere die Goldschmiedin, die bei mir zu Besuch war, an die geschwärzten Fingerchen, die sie vor mir zu verstecken suchte — es seien halt die Hände eines Goldschmieds. Mich rührte das. Die harte Arbeit dieser winzigen Finger, mit Schwefel und Asche, um schließlich diese filigranen, wunderschönen Schmuckstücke hervorzuzaubern, die ich staunend aus einer weich ausgeschlagenen Schachtel nahm. Winzige Seemannsknoten und Taue aus Gold. Edelsteine in allen Farben des Meeres. Geflochtene Kordeln in der Anmutung von Dünengras, andere, die mich an die Binsen erinnerten, die wir als Kinder flochten, um dann Gänseblümchen hineinzustecken und sie als Kränze auf dem Kopf zu tragen oder unserer Mutter umzuhängen. Heute weiß ich nicht einmal mehr, wo Binsen eigentlich wachsen.

Du bist so ein Glück, schreibt mir die Freundin, und mir ist es unbegreiflich, wie ich jemandem so viel bedeuten kann, obwohl sie weiß, dass ich nicht reich bin oder wichtig. Und dann steht man fassungslos vor der Erkenntnis, dass es Menschen gibt, die den Kern deiner ganz persönlichen Insel mit nur einem liebevollen Blick erfassen, die den hilflos aufgetürmten Sand abspülen und dann trotzdem alles schön finden, was sie dort finden. Und gerade das. Die einem helfen, einen neuen Deich zu bauen. Einen schöneren. Die den Blick ablenken vom Hafen, vom Warten auf dich. Und dann schaut man auf den hübschen, wippenden rotblonden Zopf der Frau mit dem St.-James-Shirt vor einem, wie sie leichtfüßig mit ihrer schönen Figur den Strandübergang herunterläuft, und denkt: Es könnte so einfach sein, das Leben.

Aber das ist es nicht. Das Leben der Frau ist nicht einfach. Meines auch nicht. Und auch das Leben des vor unserer Decke im Sand tollenden Mädchens wird nicht immer einfach sein, egal, was für eine tolle Mutter da neben mir sitzt. Dennoch ist sie plötzlich da: Diese Leichtigkeit. Dieses: Es könnte einfach sein.
Diese Erinnerung an Liebe.

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