Die Sonne zerschmilzt als glutroter Ball im Meer; ihre warme Farbe ein atemberaubender Kontrast zur eisblau schimmernden Oberfläche der Priele und der silberfarbenen Wellenkämme. Falls sich jetzt noch irgendjemand fragt, warum ich diese Insel abgöttisch liebe, denke ich, der sollte sich jetzt einfach nur hier hin stellen. Stellen, schauen, atmen.
Kurz darauf ist der Ball fort, und mit einem letzten Glimmen am bereits dunkelviolett verfärbten Horizont verabschiedet sich dieser Tag für immer. „Schön, nicht?“ höre ich eine Stimme hinter mir; eine Insulanerin ist herangetreten, und ich weiß gar nicht, wie ich das, was ich in diesem Augenblick sehe, in Worte fassen soll. Ja, sage ich, man wohnt schon so lange hier und sieht sich einfach nicht satt, es ist unbegreiflich. Ihr Mann macht Fotos vom Sonnenrest.

Hinter uns liegen die ersten beiden Tage Sommerauftakt. Es ist warm für Anfang Mai, und wo vor zwei Wochen noch Hagel und Schneeregen auf leere Straßen schlugen, flanieren jetzt eisessende Menschen in kurzen Hosen. Überall setzt bereits die Geschäftigkeit der nahenden Saison ein, und auch bei den Tieren ist allerhand im Gange.

Eigentlich bin ich müde, als ich von der Arbeit komme, aber mir wurde ein gutes Fahrrad geliehen, das ich ausnutzen möchte, und so mache ich noch eine Tour damit zum Schloppsee. Hinter mir kriecht die Sonne bereits hinter die Dünenkette, deren Kuppen sich im letzten Tageslicht immer schärfer abzeichnen, umkränzt von goldfarbenen Strahlen wie mit einem Heiligenschein. Vor mir, Richtung Ostende, taucht die Sonne die Insel in weiches, magisches Licht. Zu beiden Seiten der Straße sehe ich Gänsefamilien in den Wiesen, die schon recht großen Küken mit ihren Stummelflügelchen hinter den Elterntieren hertapsend. Die schimmernden, langen Hälse der ausgewachsenen Graugänse ragen als elegant beleuchtete Figurinen aus den Grashalmen hervor. Möwen treiben lautlos im Aufwind, eine Formation Nonnengänse zieht zu ihren Stammplätzen auf den Weiden westlich des Seedeichs. Zwischen Rinderbeinen zerren Austernfischer an Würmern im Erdreich, darüber tanzt mit lerchenhaftem Zwitschern ein kleiner Schwarm Steinschmätzer.

Am See mache ich Halt, um die Gänschen vom Straßenrand aus zu beobachten. Sie sind niedlich, aber ihr vorsichtiges Zurückweichen, ihr ängstliches Fiepen und das misstrauische Beäugen der Eltern machen mir ein schlechtes Gewissen. Irgendwann haben sie sich an mich gewöhnt, zumindest glaube ich das, denn sie wagen sich aus dem Schutze der Salzwiesen wieder weiter in meine Richtung. Der Gänsevater allerdings etwas zu weit. Und dann: Angriff. Mit wütendem Flügelschlagen und aufgesperrtem Rachen, sodass ich die kleinen, spitzen Zähne sehen kann, rennt Papa Gans auf mich zu, und ich trete in die Pedale, bevor er abheben kann und mir im Genick landet.
Hast ja Recht, denke ich insgeheim, Entschuldigung. Dabei hatte ich mich kaum bewegt, aber mir erzählte einst ein Wattführer, dass die Vögel in den Salzwiesen tatsächlich mehr Angst vor Einzelpersonen haben als vor Menschengruppen: Die kennen sie von den Wanderungen. Ich fahre noch etwas weiter in Richtung des Kleinen Schloppsees, aber als ich dort eine noch viel größere Schar Gänse mit ihren Küken entdecke, mache ich kehrt. Ich habe hier um diese Uhrzeit nichts mehr verloren, gestehe ich mir ein, so sehr ich die Natur auch liebe. Ich bin ein Mensch. Ich störe. Also sehe ich zu, dass ich Land gewinne, bevor ich noch mehr Gänse verärgere.

Nun passiere ich auf dem Rückweg notgedrungen aber erneut den erzürnten Vogelvater, und der hat mich jetzt auf dem Kieker: Ich sehe den aufgesperrten Schnabel mit der kurzen, dicken Zunge und den Zähnen schon von Weitem, vor dem Hören des Fauchens schützt mich gnädig der Wind.
Meine Mutter hatte als Vierzehnjährige auf dem Weg zum Konfirmandenunterricht in ihrem Dorf ständig so einen gefiederten Wegelagerer, den sie letztendlich einmal am Hals packen und von sich schleudern musste, bevor er sich ganz in ihrem Sonntagskleid, der Bibel oder irgendwelchen Körperteilen verbiss. Über das weitere Schicksal des geschleuderten Ganters wissen wir nichts, und also ist meine Mutter vom Vorwurf des Gänsemordens — in dubio pro reo — freizusprechen, aber natürlich ist diese Geschichte in unserer Familie ein running gag. Meine Mutter mag also Gänse nicht besonders, und ich verstehe seit heute durchaus, warum. Auch wenn hier letzlich nur ein Vater seine Kinder verteidigt, was ja an sich eine heroische Sache ist.

Auf dem Weg durch die majestätischen Dünen des Pirolatals zum Strand ist der Gänseterror bald vergessen. Auf jedem Quadratmeter so unendlich viele Farben, denke ich. Millionen Grüntöne, und immer sind es andere, nie wird das Auge satt von diesem Grün. Und dann das Blau des Himmel darüber, all die Farben des Meeres, der Sand und das letzte Gleißen der Sonne. Ich werde nicht satt. Ich werde nicht satt und ich werde nicht leer von dieser Liebe zu Langeoog. Die Schönheit der Insel ist grenzenlos, und jeder Frühling entfaltet sie aufs Neue. Es ist auf Langeoog mein dritter.
Es tut so gut, hier zu sein. Immer noch hier zu sein und sich zu erden in dem, was man liebt.

„Diese Stimme umarmt einen so richtig“ sagt eine befreundete Künstlerin; wir haben Champagner und hören deine Musik zwischen meinen Blumen. Sie ist eine zarte, skandinavisch wirkende Schönheit, und der milde Abendwind weht eine Strähne weizenblonden Haars vor tiefseeblaue Augen. „Ja, sage ich. Er hat wirklich eine schöne Stimme.“ „Aber tut dir das nicht weh, ihn noch zu hören? Erträgst du das?“ In ihren Augen liegt aufrichtige Empathie. „Doch“, sage ich, und ich muss nicht lügen. „Ich ertrage das. Es ist einfach nur schöne Musik.“

Die Zeit heilt wirklich viel, und ich denke dankbar an all die wunderbaren Menschen und Ereignisse, die meine innere Tränenflut deinetwegen in mein Leben gespült hat. Und wie sich die Kreise ja doch immer schließen; wie Dinge, die auf den ersten Blick so grob und völlig deplatziert erscheinen, plötzlich ineinandergleiten wie die Verschlussstücke an einer filigranen Goldschmiedearbeit. Ich bin dankbar für dich. Ich bin dankbar dafür, dass ich dich liebte. Ich bin dankbar für die Musik. Ich danke dir nicht für mein Leid, so gut bin ich nicht. Und ich würde auch nicht sagen: Es hat sich gelohnt. Schmerz bleibt Schmerz, und gerade Liebeskummer ist und bleibt eine eklige, kalte und einsame Angelegenheit. Aber es war nicht umsonst. Du bist schon so lange her. Wie viele Jahrhundertereignisse liegen bereits zwischen jetzt und deinem letzten Kuss! Eine Sonnenfinsternis in Flensburg, ein Blutmond auf Tjard-sin-Utkiek. Und heute kreuzte Merkur die Sonne, ein Ereignis, noch viel seltener als die totale Eklipse, selbst wenn der Planet heute Mittag nur als winzige Erbse auf dem großen, goldenen Platzteller der Sonnenscheibe zu erahnen war. Und wir? Sind ja im Grunde auch nicht mehr. Nur kurz im Licht des Lebens, und ansonsten? Geschichte, Asche, und, im romantischsten Falle, noch irgendwessen Erinnerung.
Ich beschließe zufrieden den Tag. An Weihnachten, denke ich, gibt es Gans.

gänse schlopp

 

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