Und plötzlich hat man Sehnsucht nach dem Deich. Danach, dort frei und unbesorgt im Wind zu stehen, die Arme ausgebreitet, und sich von der Sonne wärmen zu lassen, während Zugvogelschwärme in majestätischer Formation über die glitzernden Salzwiesen gleiten. Dorthin, wo man sich schon sah, noch bevor der Zug ins neue Leben aus dem Bahnhof in die dunkle Berliner Nacht hinausgerollt war. Dort, wo alles neu anfangen sollte.

Ich wohne jetzt nah am Deich; so nah, dass ich nur früh genug vors Haus treten müsste, um täglich die ersten Sonnenstrahlen über seine grüne Deichkrone kriechen zu sehen, bevor sich das weiche Licht des Morgens die ganze Straße hinuntergießt wie ein Strom flüssigen Golds.

Jetzt aber ist der Deich fern, während ich unter drei Decken vor Kälte zusammengekrümmt liege wie eine zitternde Nordseekrabbe. Ich muss das Fenster zumachen, denke ich, das verdammte Fenster. Und die Heizung an. Ich muss beides vergessen haben, das wundert mich. Als meine Zähne vor Kälte aneinanderschlagen, zwinge ich mich endlich aus dem Bett: Es sind doch keine drei Meter!
Aber das Fenster ist zu. Und die Heizung an. Und dann dämmert mir: Ich fiebere. Schicksalsergeben krieche ich zurück unter die Decken, wissend, dass das Frösteln bald enden und die Decke auf meinem Bauch zu kochen beginnen wird, dazwischen unruhiges Wälzen, Grübeln, Fieberträume, Wachträume — Ich werde selten krank.

Es gibt auch Tage, an denen ich gesund bin, und trotzdem nicht zum Deich gehe, aber mit dem Deich ist es wohl wie mit vielen Dingen im Leben: Das Begehren wächst mit der Unerreichbarkeit. Und der Bewegungsdrang mit der erzwungenen Inaktivität. Und so liege ich da und will zum Deich.

„Ob der Krankheit gräme ich mich nicht, denn sie bringt mir Muße“ übersetzte ich vor fast zwei Jahrzehnten mal einen Text des chinesischen Essayisten Zhou Zuoren, in dem es um Glück ging. Ich erinnere diesen Text noch oft, denn er brachte doch recht treffend zum Ausdruck, dass Glück kein immerwährender Zustand sein könne, weil wir es sonst nicht mehr als solches wahrnähmen. Dass Glück eine Frage der Perspektive sei. Dass an sich wunderbare Dinge an Unglück gekoppelt sein können, wie z.B. das Festessen auf einer Beerdigung, oder man eben auch das Gute im Schlechten finden könne, hier: Die Muße in der Krankheit. Freilich wusste der 1885 geborene Zhou noch nichts von Smartphones, die man mit ins Bett nehmen kann, um sich trefflich vom Mußehaben abzuhalten; zur Not sogar einhändig, während man versucht, das Thermometer in irgendwelche Körperhöhlen zu bugsieren.
Und so höre ich mir, anstatt auch im metaphysischen Sinne in mich zu gehen, im Internet auf dem Smartphone royale schwedische Hochzeitsreden an. Keine Ahnung, wie ich da hingelangt bin, und was ich eigentlich statt dessen anschauen wollte, aber ich höre die Sprache sehr gerne, und so bleibe ich dort hängen. Dann klicke ich zu den dänischen royalen Hochzeitsvideos, weil der Prinz von Dänemark so wahnsinnig hübsch ist, und rege mich innerlich einmal mehr auf, dass du die Sprache nicht mochtest, obwohl du sie sogar beherrschst. „Dänisch klingt doch wie besoffenes Plattdüütsch“ höre ich dich noch meckern, aber wie ich dem schönen Prinzen zuhöre, muss ich zugeben, dass du leider nicht völlig Unrecht damit hattest. Aber gesungen klingt Dänisch schön. „Under stjernerne på himlen“ … wie sehr habe ich mir immer gewünscht, dass du dieses Lied eines Tages für mich singst, auch wenn es eigentlich ein Schlaflied für Kinder ist.

Hvor du end er i fantasien,
vil jeg altid være
her hos dig, min kære.

Irgendwann fällt mir das Telefon aus der Hand. Ich schlafe ein.

Nach dem dritten Aufwachen in nasskalter Wäsche, dem Neubeziehen der Kissen und Decken und dem Entledigen des dritten durchtränkten T-Shirts, werde auch ich langsam wehleidig. Wie schön war es, als man mit Fieber von der Mutter aufs Sofa gelegt wurde, in trockenen Decken, während sie das Bett frisch bezog und die Wärmflasche und den Tee für die nächste Zitterpartie bereitete. Heute mache ich jeden Scheiß selbst, und frage mich, ob in solchen Situationen eine neue Partnerschaft nicht doch ihre Vorteile hätte. Andererseits: Will ich mich wirklich noch einmal so vor jemandem entblößen, in dieser Verletzlichkeit zeigen, in dieser Hilfsbedürftigkeit? Mir fällt sowas fürchterlich schwer. Und wie groß war dann immer die Furcht vor einem erneuten „Stell dich nicht so an, den Scheißtee kannst du dir ja wohl noch selbst kochen!“ — Es fühlte sich schließlich nicht jeder meiner bisherigen Lebensabschnittsgefährten zum Krankenpfleger berufen. Der hier Zitierte ist zwar sehr lange her, aber gewisse Dinge lassen Spuren. Und so bin ich heute eben selbst das Arschloch, das mir das „Stell dich nicht so an!“ entgegenbrüllt: Schließlich sind meine Vorfahren noch bei Minus 30 Grad übers Haff gekrochen und lagen vor Stalingrad im Schlamm, das waren echte Probleme, und da werde ich mir diesen „Scheißtee“ ja wohl wirklich noch selbst kochen können!

Also dillettiere ich in der Küche herum, bis ich, mit der Teetasse auf dem Nachttisch, wieder ins Bett falle, zu kraftlos, um noch daraus zu trinken.
Beim nächsten Aufwachen ist der Scheißtee kalt, Sonnenlicht sickert bereits durch die Rolläden. Meine Hortensien wiegen auf dem Balkon ihre blütenschweren Köpfchen. Was ist eigentlich so schlimm an Schwäche, denke ich. Sogar meinen Fahrradreifen geht ja manchmal die Luft aus. Solange man sich wieder erholt, ist doch alles gut. Und stört mich die Schwäche an anderen? Niemals. Warum also diese Strenge mit mir selbst? Ich lüfte und mache Kaffee. Ich muss heute eigentlich nicht wachwerden, aber ohne den Geschmack von Kaffee versteht mein Körper gar nicht erst, dass ein neuer Tag angebrochen ist: Ergo, Kaffee muss sein.

Das Fieber sinkt, ich schlafe jetzt weniger, liege dafür aber länger wach, was bedauerlicherweise mehr Raum für Sentimentalität lässt. Ich denke wieder an den Deich. Und an dich. Und plötzlich sind da wieder all diese Szenen und Gefühle, zu denen eigentlich das ganz große Orchester spielen müsste. Ich würde dich gerne noch einmal sehen. Auf den letzten Fotos, die ich von dir sah, sahst du nicht gut aus. Vielleicht sehe ich dich einfach nicht mehr so sehr im Licht der Liebe. Oder du hast dich tatsächlich verändert.
Zwei Jahre, denke ich, zwei Jahre. Es ist lange her, aber ich sähe dich gern noch einmal so, wie du warst, als ich dich liebte. Als du für mich am schönsten warst.
Was für eine kitschige Filmszene sich vor meinen Augen breitet, wir beide auf dem Deich, eine Begegnung im Gegenlicht. Aber dann wären wir ja doch nur wieder zwei norddeutsche Stockfische, mit einem noch höheren Deich um die Herzen, und hätten uns nichts mehr zu sagen.
Und so stündest du wohl nur stumm neben mir, dein Blick verloren zwischen den Nordseewellen, die sich im Farbenspiel deiner Augen brächen.

Einmal hast du geweint. Du weintest vollkommen lautlos neben mir; da waren nur diese beiden Bäche auf deinen Wangen. Ich sah schnell weg. So weint wohl ein Soldatenkind, dachte ich. Immer Haltung wahrend. So würdevoll. Irgendwann dann doch meine Hand auf deinem Arm, die du abschütteltest wie eine Fliege. Ich war dir deswegen nicht böse.
Auch ich bin nicht gern sichtbar in meiner Verletzlichkeit.
Und so versuche ich wieder an den Text Zhou Zuorens zu denken, an die Passage über das Innehalten, die mußebringende Krankheit.
Ich verdränge Gedanken an Pflichterfüllung, Nützlichkeit und Produktivität. Man muss diese Zustände wohl annehmen; ändern kann man sie ja ohnehin nicht, zumindest solange nicht, wie der liebreizende Inseldoktor einem nicht die passenden Drogen dazu verpasst hat.

Die Nacht senkt sich über die Dünenkette im Osten der Insel; das Deichtor wirft schon lange Schatten. Auf den Feldern schlafen die Gänse mit dem Kopf im Gefieder. Aus dem Wäldchen am Dünenfriedhof schreit der Kauz.

Vielleicht sind Krankheiten, sofern sie nichts Lebensbedrohliches sind, einfach nur nötige Pausentöne im Leben, denke ich. Zum Innehalten. Zum Wachsen, wie bei einem sich häutenden Insekt. Man wird sich seiner Fragilität bewusst und zugleich seiner Stärke. Und man wird ehrfuchtsvoll, wenn nicht gar demütig dabei, den Körper bei seiner Selbstreparatur zu betrachten: Er ist schon ein rechtes Wunderwerk, der Mensch.

Um mich herum ruht jetzt der ganze Rest der wunderbaren Schöpfung, während ich noch längst im inneren Dialog versunken bin.
Bald ist ein neuer Tag. Bald bin ich wieder gesund. Und dann, denke ich, dann fahre ich zum Deich und sehe mir den Sternenhimmel an. Die Musik dazu macht das Meer.

Der Ruf des ersten Austernfischers zerschneidet um kurz nach Fünf die Nacht.

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