Ostersamstag. Der erste warme Tag in diesem Jahr. Seit den frühen Morgenstunden herrscht auf meiner Wohnstraße reges Treiben. Touristen lachen, streiten, diskutieren über den richtigen Weg zum Ausflugsziel. Kinder bolzen im Nachbarhof, ein Ball trifft donnernd meine Balkonbrüstung.
Ich bin müde, aber das fantastische Wetter lockt mich hinaus. Funkelten gestern noch Regentropfen auf meinen Narzissen, so recken sie heute bereits halbgeöffnete Blüten in die Sonne. Auch mir tut die Wärme gut, als ich mich mit dem ersten Kaffee nach draußen setze und weitere Begrünungspläne schmiede: Ein Balkonteich wäre hübsch oder kaskadenförmige Blumentreppen. Ein zierlicher Kaffeetisch. Ein Liegestuhl. Es wird ein schöner Sommer.

Am Strand ist es voll. Die vor der großen ersten Anreisewelle noch verwaisten Fahrradständer sind jetzt unter zahllosen, in der Sonne glänzenden Rädern verborgen. Auch im Rasen daneben liegen welche; über all das stakst unbeeindruckt ein Fasan.

Die Flut bringt das Wasser nah an den Dünensaum, sodass die Menschen noch dichter gedrängt durch den Sand laufen. Mir kommen Familienverbände entgegen, die so groß sind, dass ich mich frage, wie man überhaupt mit so vielen Menschen verwandt sein kann.

Drachen fliegen. Hunde sprinten mit fliegenden Ohren ins auflaufende Wasser. Möwen suchen nach ersten Leckerbissen, die sie den Gästen aus der Hand reißen können. Irgendwo pfeift ein Austernfischer.

Im Ort ist es nur wenig ruhiger. Alle sind draußen bei dem Wetter, auch die Insulaner, zumindest jene, die frei haben. Die Apothekerin ist da, der Buchhändler, der Elektriker, der nette Mann aus dem Weinladen und der Arzt. Alle grüßen, „Moin“ sage ich, und komme kaum damit hinterher. Es ist ein schönes Gefühl, angekommen zu sein in der Dorfgemeinschaft. Einen Platz zu haben.

Natürlich gibt es auch hier Menschen, die ich nicht leiden kann und vice versa. Aber man hat einen Platz. Man ist kein anonymer Zellhaufen mehr, der unbeachtet in einer Großstadt herumexistiert, bis man sein einsames Ableben vielleicht irgendwann in Form von Geruchsbelästigung registriert. Hier bin ich anwesend.
„sometimes you wanna go where everybody knows your name“ kommt mir der Titelsong einer uralten US-Sitcom in den Sinn, deren Namen ich nicht erinnere; irgendetwas von dem Zeug, das man als Kleinstadt-Teenie um 1990 herum eben so ansah.

Während ich über die verschiedenen Arten von Präsenz nachdenke, registriere ich im Inneren das Gegenteil davon: Eine Abwesenheit. Deine Abwesenheit.

Du bist weg, aber nicht in der Form, in der du seit zwei Jahren weg bist, und unter der ich litt, sondern in der Form, dass ich mich nicht mehr sehne. Dass ich dich sehe. Anders sehe.

Ich erinnere deine Worte, Dinge die du mir und anderen schriebst. Ich sehe die oftmalige Grenzwertigkeit deines Humors, die mir früher entging; deine Sucht nach Aufmerksamkeit, durchwabert von diesem omnipräsenten kalten Hauch Einsamkeit, der wohl jeden gelernten Bühnendarsteller irgendwann umgibt. Es ist halt ein Graben zwischen Bühne und Publikum, und ich bin nicht der erste, der am Brückenbau scheiterte.

Das Wasser zieht sich zurück. Bald ist der Strand wieder so breit, dass man die Brandung nur als weiß schimmerndes Band in der Ferne erahnt. Ich steige vom Promenadenweg wieder hinab zum Meer. Ein Welpe tapst mir entgegen, ich bemerke ihn erst durch den feinen, silbrigen Ton des Glöckchens an seinem roten Halsband. Sein Fell ist dunkel wie das des Hundewelpens, der mir kürzlich von einem Berliner Bekannten angeboten wurde. Arthur, denke ich. Das könntest du sein. Das hättest du sein können.
Aber mein Hund Arthur heißt jetzt anders; er ist woanders. Arthur ist jetzt dein Hund, und ich denke, dass kein Film so absurd sein kann wie das Leben. Denn tatsächlich teilen wir die Bekanntschaft mit dem Welpenbesitzer, und nun bekamst du den Hund, denn du hättest „so schnuffig danach gefragt“. Der Kerl ist schnuffig wie ein Pferdestriegel, denke ich trotzig, obwohl ich weiß, wie weich deine Arme sind. Aber von innen! schimpfe ich weiter, und überhaupt, was will der alte Sack mit einem Hund. Ob du wohl weißt, mit wem du um das Tier konkurriert hast, frage ich mich, aber eigentlich interessiert es mich nicht.
Das war’s dann wohl, denke ich, und ich sehe dem Welpen zu, wie er davontrottet.
So einem Hund ist ja auch egal, ob er durch Berliner Betonwüste marschiert oder den Strand entlang pest; was er nicht kennt, kann er schließlich nicht vermissen. Ich überlege, ob ich dich noch vermisse. Die Gespräche, das Leben mit dir. Aber da ist nichts mehr.
Ein Geschwisterwelpe wird mir angeboten, aber ich lehne ab, obwohl mir das Foto des braunäugigen Hündchens fast das Herz zerreißt. Mein Hund und dein Hund Geschwister, das geht doch nun wirklich nicht. Was für ein schlechter Film!
Kurz blitzt ein anderer Film in mir auf, von der kitschigen Sorte. Du und ich auf deinem Sofa, zu unseren Füßen zwei miteinander tollende Hunde.
Ich rufe mich zur Ordnung: Nein.

Die Welt ist so weit und so wunderbar. Jeder Blick über das Meer bestätigt mir das. Und es gibt so viel Leben darin. Ich werde Arthur schon noch finden, denke ich, wenn der Zeitpunkt gekommen ist.
Und vielleicht finde ich auch einen neuen dich.
Es gibt so viele Menschen, bei denen ein genaueres Hinsehen lohnt. Vielleicht sollte ich einfach wieder damit anfangen: Hinsehen und Zuhören.
Aber noch richte ich den Blick auf den Boden, aufs Wasser, in den Himmel, über den jetzt eine dreieckige Formation Wildgänse zieht.
Es ist Ostern.

Ich weiß nicht, ob ich noch an Gott glaube. Aber möglicherweise glaube ich an eine Art göttlichen Plan. Dass alles an seinen Platz fällt, wenn die Zeit dafür gekommen ist. Dass die Dinge in Ordnung kommen, gleich einer Schneekugel, die man nur lang genug in Ruhe lassen muss, um die Strukturen hinter dem Gestöber zu erkennen. Und ob diese ein näheres Hinsehen lohnen.

Am Flugplatz wird das Osterfeuer entzündet, aber ich mache mir nichts aus dem Brauch, also schließe ich nur das Fenster, damit der Geruch nicht in die Wohnung zieht. Im Fernsehen kommt irgendein Film, aber ich finde nicht in die Handlung, bis sich in einer Szene die Nadel auf einen Plattenteller senkt und eines meiner Lieblingslieder ertönt: „Into my arms“ von Nick Cave. Nicht das, denke ich, war es doch dieses Lied, zu dem ich mich quasi in dich verliebte, und welches all meine Sehnsucht nach dir in sich trug, lang bevor ich wusste, wie weich deine Arme sind. Das, und davor, mit noch zaghafter erblühendem Begehren, „Are you the one that I’ve been waiting for“, bist du der, auf den ich wartete?
Die Frage schien beantwortet. Und für damals war das auch richtig. Aber das Leben geht weiter.
Was für eine Plattitüde, möchte man meinen, aber so ist es. Und feiern wir mit der Auferstehung nicht jedes Jahr an Ostern auch die heilende Wirkung eines Neubeginns?
Ich hoffe, dass dieses Jahr das Jahr dafür ist. Das richtige Jahr.
Es ist noch Zeit.

frühlingsblütenmöwe in sonne

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