Die Fähre ist spät dran. Seit Tagen herrscht extremes Niedrigwasser; die Schiffe kriechen oder kommen überhaupt nicht aus dem Hafen; letztens blieb sogar eine Fähre vor den Nachbarinseln stecken, 600 Gäste harrten aus, bis am Abend endlich die Flut kam und sie freispülte. Da braucht es schon ein gerüttelt Maß an stoischer Gelassenheit, um durchkreuzte Reisepläne und alles andere damit verbundene Unbill in Würde auszusitzen oder zu -stehen.
So wie der junge Kutscher, der neben seinen beiden schönen Kaltblütern in der Morgenkälte ausharrt, in der Hoffnung auf eine Handvoll Fahrgäste für die tägliche Inselrundfahrt. Auch mein Vater und ich sind daran interessiert und deshalb pünktlich um 10 zur Stelle. Aber aus der Ausfahrt wird nichts, „frühestens um 11“ könne man los, erzählt der Mann, er warte noch auf die Schiffe.

Zum Glück gehört auch mein Vater zu einer eher gelassenen Sorte von Mensch, und so hat er nichts dagegen, die Stunde einfach noch durchs Dorf zu trödeln. Tatsächlich hat Langeoog, so klein und öde es an grauen, kalten Tagen in der Nebensaison auch scheinen mag, aber auch immer etwas Interessantes zu bieten, sofern man ein paar Schleichwege kennt und die Augen offenzuhalten gewillt ist. Und bei wirklichem Schietwedder lohnt allein ein Gang in die Kirchen oder die immer gut sortierte Vertrauensbibliothek.
Um 11 indes ist immer noch kein Schiff in Sicht; der Kutscher sitzt inzwischen im Planwagen und wärmt seine Hände an einem Becher Kaffee. Seine Pferde haben nach wie vor die Ruhe weg; lediglich ein Schnauben ist ab und zu zu hören.

„Schöne Tiere hast du“ sage ich, Insulaner duzen sich ja alle, und außerdem ist mir der Mann sympathisch. Wir unterhalten uns ein bisschen, und ich bewundere, dass auch von ihm kein Quäntchen an Hektik, Unruhe oder Genervtsein ausgeht.
Gelernter Forstwirt ist er, aber auch in diesem Beruf hatte er bereits mit  Kaltblütern zu tun: Pferde, die dort die Stämme aus dem Wald schafften, wo Traktoren nicht hinkamen.
„Einen Kaltblut-Schimmel hatten wir dort“, erzählt er, „bestimmt eine Tonne Lebendgewicht, und der konnte arbeiten!“
Sofort habe ich dieses mächtige, schöne Tier vor Augen mit seiner gewellten, schneeweißen Mähne und den riesigen Hufen.
„Aber wenn Feierabend war, war Feierabend“, setzt er fort, und mein Vater und ich grinsen schon, weil wir ahnen, dass eine schöne Story über die wohl elegantesten Stoiker des Tierreiches folgt.
Und so sollte während dieses Tages wohl außer Stämmen auch noch eine Fuhre Reisig ins Dorf gefahren werden ― wäre da nicht dieses Pferd gewesen, dass es sich zum Feierabend erst einmal auf genau diesem mühevoll aufgeschichteten Reisighaufen gemütlich machte. Wie nun also die Tonne Gaul da runter bekommen? Bekanntermaßen arbeitet ein Kaltblut, wenn es arbeitet, und liegt, wenn es liegt.
„Dann haben wir den Reisighaufen irgendwann einfach in Brand gesetzt“ erzählt der Kutscher weiter, und wir machen große Augen, weil doch Pferde in der Regel panische Angst vor Feuer haben. „Nicht dieses“, beruhigt er uns, „das stand letzten Endes zwar schon auf, als es ihm zu warm am Mors wurde. Aber nicht schnell.“

Wir lachen, und ich denke, dass mir die Geschichte doch keine Sau glaubt, wenn ich das so aufschreibe, zum einen ein Kaltblut-Schimmel, was ohnehin selten ist, und dann noch so einer. Aber sie ist einfach zu schön. Und außerdem, denke ich weiter, würde so eine Geisteshaltung auch manchen Menschen nicht schaden: Arbeiten, wenn man arbeitet, und faulenzen, wenn man faulenzt.
Es ist doch fatal, beim Ausführen einer Sache immer an die Dinge zu denken, die man gerade nicht tut. Achtsamkeit heißt diese Art von Seelenhygiene wohl, und oft muss diese  in unserer hektischen Zeit mit all ihrer Reizüberflutung erst mühsam in teuren Kursen und Therapien erlernt werden. So ein Kaltblut hingegen macht das offenkundig von Natur aus richtig; aber natürlich mag es auch unter diesen Tieren Ausnahmen geben.

Nun bin ich in antiker europäischer Philosophie nicht allzu bewandert, aber ich weiß durchaus, dass die Lehre der Stoa mehr ist als ein Sich-Ergeben in ein vorherbestimmtes Schicksal; es ist kein passives Erdulden, vielmehr ein aktives Annehmen dieses Schicksals unter Einübung emotionaler Selbstbeherrschung. Das Ziel: Die Erlangung von Weisheit durch Seelenruhe und Gelassenheit. Allerdings geht es hier immer noch um das eigene Seelenheil, wie bei den Epikurern, die jedoch wesentlich genuss- und sinnesfreudigere Wege zum individuellen Glück beschrieben. Das Erlernen emotionaler Selbstbeherrschung mit dem Ziel der Negierung individueller Bedürfnisse findet sich eher im Konfuzianismus, in dem der Einzelne durch lebenslange Selbstoptimierung und -disziplinierung einfach nur ein perfekt funktionierendes (und damit stabilisierendes) Rädchen im Staat werden  soll: Diese, über Jahrhunderte die Gesellschaft prägende Staatsphilosophie war wohl mit ein Grund, warum die kommunistische Lehre in China fruchten konnte, obwohl Mao und Konsorten auch die Schriften des Meister Kung verboten und verbannten.

Aber kehren wir zurück ins demokratische Ostfriesland und erzählen noch einen vom Pferd, genauer: Den schönen Stoikern vom Inselbahnhof.
Inzwischen ist es fast Zwölf, aber wir haben kein Glück, die Kutschfahrt fällt aus: Von den neu Angereisten hat niemand daran Interesse. Und so brechen mein Vater und ich unverrichteter Dinge wieder auf, nicht aber ohne einen Sack neuer Geschichten und Erkenntnisse im Gepäck.

Auf Langeoog, denke ich, gibt es einfach keine vertrödelte Zeit. Mein Gott, ist dir da im Winter nicht langweilig, fragen meine Freunde aus Berlin noch oft, aber nein: Es wird einfach nicht langweilig.
Und ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass tatsächlich etwas passiert, oder dass man es nur nicht mehr wahrnimmt, wenn nichts passiert, weil die Insel einen längst gelehrt hat, die Dinge aus ganz neuer Perspektive zu betrachten. Weil auf der Insel plötzlich Dinge wichtig werden, denen man in der Stadt kaum eine Bedeutung beimisst: dem Wind zum Beispiel, dem Jahreszeitenwechsel, oder dem Mond mit seinem Einfluss auf die Gezeiten.
Auch die sprichwörtliche stoische Gelassenheit lernt man auf der Insel von ganz allein:
Und dann steht man eines Tages auf dem Deich und hat aufgehört, auf dich zu warten.

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