Wenige Minuten vor meinem vierzigsten Geburtstag scrolle ich durch die Zeitung, um zu sehen, mit welchen historischen Ereignissen mich das verbinden wird.
Ein 13jähriger wurde ermordet, die Frisur von Donald Trump ist beschissen, ein Kutter sank vor Fehmarn, irgendeine Sportlerin hat gedopt, der BER macht auch 2017 nicht auf, Dörfer im Osten verwaisen, die Rechten erreichen abartige Umfragewerte, in Syrien ist Krieg, Menschen flüchten, das Wetter bliebt wechselhaft, das Tier des Tages ist ein niedlicher Polarfuchs. Nicht viel Neues also; beruhigend indes die Gewissheit, dass ich über die Nicht-Eröffnung des BER auch in 10 Jahren noch Witze machen kann, also zu meinem Fünfzigsten.

Irgendwann kaufte ich meinem Vater in einem Archiv mal eine Zeitung vom Tag seiner Geburt; 1942 war das natürlich noch arg kontrollierte Presse, es gab dennoch einige Nachrichten vom Krieg, das Ende zwischen den Zeilen, daneben Haushaltsauflösungen, Vermisstenanzeigen und natürlich das Wetter, obwohl ich mich frage, ob es 1942 tatsächlich Menschen gab, die sich trotz Bombenhagel auch noch für meteorologischen Hagel interessierten.

„Als ich 40 wurde, hatte ich schon keine Eltern mehr“, erzählt mein Vater beim Essen. Meine Mutter war 7, als ihr Vater starb, und ich weiß, dass es ein Privileg ist, wenn man noch Vertreter_innen mehrerer Generationen an einen Tisch bekommt; vielen ist das nicht gegeben, und auch ich werde die Linie nicht fortsetzen.
„Erinnerst du dich noch an deinen Vater“, frage ich meine Mutter, „wie er redete, oder ging?“ „Nein“, sagt sie, „aber ich erinnere die Musik“.
Mein Großvater war Berufsmusiker; er spielte Akkordeon. Damals konnte man in Norddeutschland noch eine Familie ernähren, indem man von Hafen zu Hafen tingelte und dort die Menschen mit seiner Musik bewegte, unterhielt und erfreute. Bis hoch nach Flensburg habe er gespielt, „so ziemlich überall an der Küste“. Ach, denke ich, und frage mich, welche deiner Vorfahren sich wohl zur Musik meines Opas gefunden, versöhnt oder zerstritten haben, klein, wie die Welt bekanntlich ist. Ich frage mich, zu welchen Seereisen tags später aufgebrochen wurde, als die Musik verklungen war und in der Hafenkneipe bereits die Hocker auf den Tischen standen, und von welchen man zurückkehrte, als der Wirt sie wieder herunternahm. Wen man beweinte. Wen man willkommen hieß. Wer nicht mehr heimkam.
Vielleicht gab es dann traurige Lieder, zu denen jemand sang, so schön wie du.
Und mein Opa spielte Akkordeon.

Mein Telefon fiept und klingelt, erste Glückwünsche trudeln wohl ein, aber mir ist nicht danach, also schaue ich nicht hin. Nie ist mir danach, dabei ist sie doch eigentlich wirklich irrelevant, diese Zäsur im Jahr. Eigentlich erinnere ich auch nur wenige Geburtstage. Es gibt ein Kinderbild von meinem Fünften. Ich sitze allein an einer leeren Tafel und sehe sehr verheult aus, weil meine Mutter einen sehr niedlichen Biene-Maja-Kuchen gebacken und verziert hatte, und ich nicht wollte, dass man den anschnitt. Auf dem Bild indes war es aber schon geschehen; der Maja war ein Fuß amputiert und ich gucke grau und traurig; die geschundene Biene aber lacht immer noch mit ihrem Zuckerschriftgesicht und den Haaren aus Himbeerbonbons. Später sollten noch andere Kinder dazukommen, welche meine Maja dann zur Gänze auffraßen und anschließend in den Garten kotzten, wo sie zuvor durch meine Schneeglöcken getrampelt waren. Ich glaube, ich mochte Geburtstage nie besonders.

Dieser hier bringt mir immerhin die Eltern noch einmal her, und so soll er mir Recht sein, selbst wenn mir die Zahl nicht behagt. Geht es denn mit Vierzig nicht schon viel zu sehr ums Sein und Haben? Solange Jugend und Schönheit als Währung reichen und die Zukunft noch vor einem liegt wie eine frisch geteerte Urwaldpiste, ist den Leuten ja relativ egal, was man an Geld oder Bekannten oder Herkunft oder Beruf hat.
Später allerdings steigt der gesellschaftliche Erwartungsdruck in Bezug auf die anderen Dinge. Mich selbst interessiert das nicht; ich kann auch ältere Menschen sehr schön finden und stelle Stil grundsätzlich über Geld und Anstand über Status, aber irgendwie erwische ich mich ja doch dabei, an jedem Geburtstag zu bilanzieren, was ich haben sollte und was tatsächlich da ist: Rein materiell betrachtet, ein ziemliches Desaster.

Ich bin gesund und ich habe mich, beschwichtige ich. Ich lebe an einem Ort, von dem ich nicht fliehen will, in einem Körper, den ich ertrage. Ich leide nicht. Und auch du bist nur noch in meinem Herzen wie der Duft eines lange vergessenen Frühlings: Süß, mit einem Anklang von Schwermut.
Es geht weiter.
Immer werden Träume auf der Strecke bleiben. Immer werden andere dafür entstehen. Aber manchmal, denke ich, manchmal ist es auch gut und richtig, es einfach nur beim Träumen zu belassen.

Bildschirmfoto 2016-03-09 um 00.29.16

IMG_20150309_073154

Advertisements