Die Nordsee ist ein Teich. Nicht das kleinste Wellenspiel ist auf der grauen, glatten Wasseroberfläche zu erkennen, als die Fähre sich ihren Weg hinüber zum Festland bahnt. Widerstandslos teilt ihr Bug das Wasser; selbst die durch die Fahrt erzeugte Dünung legt sich sofort wieder. Es ist eine sagenhaft langweilige Überfahrt. Ich erinnere, dass ein Freund mir die Tage schrieb, dass er mich gern besuchen würde, ihn aber die Angst vor Übelkeit auf dem Schiff davon abhielte. Lieber Freund, schrieb ich zurück: Langeoog ist nicht Helgoland. Und mir selbst wird von jeder Busfahrt schlechter.
Die Busfahrt wiederum blüht mir als nächstes, dann eine Stunde Nordwestbahn, dann: Wilhelmshaven. Auch diese Strecke ist inzwischen vertraut, die Reise zur Stadt an der Jade, die nicht hübsch ist, aber Herz hat — so ähnlich wie die Städte im Ruhrgebiet, aus dem ein Teil meiner Familie stammt.
Vor allem aber ist Wilhelmshaven, wie Flensburg, eine Stadt mit Marinestützpunkt und daher für mich von besonderem Interesse.

Die Gorch Fock fehlt mir sehr, als ich über die Deichbrücke zum gewohnten Hotel laufe; beim letzten Besuch lag sie hier noch am Bontekai. Die Museumsschiffe, die immer dort liegen, wirken ohne das prachtvolles Segelschulschiff dazwischen heute so glamourös wie ein Plastikteller voll Erbseneintopf neben einer Silberplatte voll Hummer; und auch der immer wieder elegante Anblick der Kaiser-Wilhelm-Brücke mit dem eindrucksvollen Zerstörer „Mölders“ dahinter tröstet mich nicht darüber hinweg, dass die berühmten drei Masten der Gorch Fock nicht mehr in den Wilhelmshavener Himmel ragen.

Im Hotel angekommen, recherchiere ich gleich bei marinetraffic.com, wo sich mein Lieblingsschiff wohl gerade herumtreibt, und bin überrascht, dass sich tatsächlich auch ein Schiff der Deutschen Marine darüber orten lässt —schließlich hat die Gorch Fock zwar keine Geschütze, aber doch einen Haufen Soldat_innen an Bord.
Im Moment sind es aber ohnehin wohl eher Schiffsmechaniker_innen, denn laut des Online-Tracking-Tools liegt sie noch in der Elsflether Werft; umgeben von Orten mit so wenig glanzvollen Namen wie „Käseburg“, „Oberhammelwarden“ und „Ranzenbüttel“.
Das Hafenbecken des Jade-Weser-Ports liegt ebenso grau, glatt und unbewegt vor mir wie die heimatliche Nordsee, als ich mir abends meinen Weg zum Marinemuseum bahne. Nur die Möwen sind unruhig und ihre Schreie hallen weit durch die Dunkelheit. Irgendwo am Kai ist Aufruhr; vermutlich füttert dort jemand, was man bei Möwen aber ebenso unterlassen sollte wie bei Wölfen, weil man so nur aggressives und aufdringliches Verhalten bei den Tieren heranzüchtet.
Auf Langeoog ist das Sommers (bei den Möwen) gut zu beobachten: Heulende Kinder, aus den Händen gerissene Eishörnchen und Fischbrötchen sowie blutende Hände und Kopfhäute von den scharfen Vogelkrallen sind die Folge. Auch ich musste einmal dergestalt dran glauben, in Warnemünde: Aber immerhin verteidigte ich damals mein Krabbenbrötchen erfolgreich um den Preis eines aufgerissenen Ohrläppchens.
Auf meiner Seite des Hafenbeckens, am Südstrand, begegnet mir bis zur Ankunft auf dem Museumsareal keine Menschenseele. Ich bin beeindruckt, wie gut die graue Tarnfarbe der als Kriegsschiff längt pensionierten Fregatte Mölders und des davor verankerten Museums-Minenjagdbootes Weilheim bei Nacht funktioniert: Ich weiß, dass diese gigantischen Kampfeisen dort liegen, aber ich sehe sie nicht. Hinter der Kontur des ebenfalls zu Besichtigungszwecken a.D. gestellten U-Bootes scheint das Hafenbecken ohne genaueres Hinsehen leer: Beeindruckend und furchteinflößend zugleich.

Der kleine Vortragssaal des Museums füllt sich. Wie zu erwarten war, kommen fast nur ältere Männer; jünger als ich scheint lediglich der einzige Uniformierte zu sein: Den Ärmelabzeichen nach ein Fregattenkapitän. Immerhin der hat seine Ehefrau im Schlepptau, so wie auch ein, zwei andere Gäste. Die in Zivil gekleideten Männer tragen alle Sakko und Hemd; die Frauen haben sich in hanseatischer Eleganz zurechtgemacht. Auch ich habe vorausschauend einen  Anzug angezogen; am Revers die schöne, neue Mitgliedsnadel des Deutschen Marinebundes, dessen Geldmangel zu Folge hat, dass dort seit einigen Jahren auch seeuntaugliche Landratten wie ich eintreten dürfen, zu meinem Wohlgefallen.

Durch den Marinebund erfuhr ich wiederum von der heutigen Veranstaltung: „Als Marinemaler an Bord der Gorch Fock“ — Für so ein tolles Thema, dachte ich, kann man schonmal seine Insel verlassen. Ich sollte Recht behalten.

Die Mobiltelefone werden ausgeschaltet. Der Fregattenkapitän sitzt schräg vor mir, deshalb kann ich seines sehen. Auf dem Display seines Telefons hat er ein Foto von seinem Kind. Auf meinem ist ein Bild der Gorch Fock.
Nun betritt der Maler das Podest. Ein kleiner Mann, der trotz seiner ergrauenden Haare jungenhaft wirkt und ebenso lebhaft wie unterhaltsam erzählt. Seine während einer Ausbildungsfahrt der Gorch Fock entstandenen Skizzen, welche er, zusammen mit Fotos des Schiffes und der angelaufenen Häfen, auf einer Leinwand zeigt, sind fabelhaft. Angesichts seines sensationellen Auges für Perspektive, Farben und technische Details schwöre ich mir, nie wieder einen Zeichenstift anzufassen  — oder mich zumindest niemals am Sujet „Schiff“ zu versuchen.
Das Publikum raunt; viele der älteren Herren um mich herum fuhren offenkundig selbst zur See, und ebenso offenkundig können sie mit ihren eigenen Anekdoten nicht bis zum Ende der Vortrages warten. Trotz aller Nachsicht bezügliches des fortgeschrittenen Alters der Herrschaften und der wahrscheinlich damit einhergehenden Schwerhörigkeit finde ich dieses laute Getuschel unhöflich und bemühe mich, dem Maler deswegen besonders gut zuzuhören.
Auch das lohnt sich: Ich verlasse das Museum mit einem signierten Buch und allerhand neuem seemännischem Vokabular.

Die ebenerdige Hotelbar ist gut gefüllt, als ich zurückkehre. Vor dem großen Panoramafenster spiegeln sich die Lichter des Hafens im Wasser. Ich ziehe mich in eine der Polsterecken zurück und bestelle einen Gin Fizz mit dem Gin, der so ähnlich heißt wie du. Ich sollte das nicht, denke ich, andere Gin-Destillerien haben auch leckere Erzeugnisse, aber er schmeckt mir mit seinem dezenten Rosenduft nunmal am besten und außerdem habe ich so einen Grund, noch einmal deinen Namen zu sagen, wenigstens einen.
Mit dem Getränk blättere ich in meinem neuen Buch und lasse den inspirierenden Abend Revue passieren.
Schräg gegenüber sitzt ein Mann mit Modelfigur und schönen Haaren und mustert mich. Ich sehe rüber und er lächelt in sehr unmissverständlicher Weise. Aha, denke ich: Willkommen im Club, nicht ungeschmeichelt angesichts dieses wirklich nicht unattraktiven Herrn.
Als ich gehe, muss ich an ihm vorbei. Er hat große graue Augen und dichtes, dunkelblondes Haar. „Schönen Abend“ wünscht er mir mit einem strahlenden Lächeln, und ich murmele irgendwas Verschüchtertes, bevor ich verschwinde.
Bereits im Aufzug beiße ich mir dafür in den Arsch. Wie blöd bin ich eigentlich? Ein Mann, der gut aussieht und offenkundig Kultur besitzt. Der so offensichtlich auf Männer steht, dass man dafür seinen Gaydar nicht einmal einzuschalten braucht. Der mich kleinen, spießigen, alten Sack obendrein attraktiv findet. Warum kann ich nicht einfach mit so jemandem flirten? Als ob du etwas anderes tätest!
„Das ist der Grund, wofür Gott Matrosen erschaffen hat!“ würde Georgette Dee in ihrem Lied „Wenn Deine Küsse“ jetzt schimpfen, und zwar zu Recht.

Vorbei: Ein Strich mehr auf der Liste verpasster Annäherungs-Gelegenheiten, die, mit einem Senkblei beschwert, bei mir schon bis zum Grunde des Marianengrabens reichen müsste.

Ich lege mich in die Wanne und träume in duftenden Schaumbergen von sternenklaren Nächten und weißen Segeln.
Aus schaum- und ginseligem Dösen weckt mich die berühmte „Harfe“, der Nachrichteneingangston eines berüchtigten Datingportals, in Fachkreisen auch „schwules Einwohnermeldeamt“ genannt. Man kann dort außer Nachrichten auch Symbole mit Attraktivitätsbekundungen oder diversem Schweinkram verschicken, die sogenannten „Tappsen“. Ich erhalte den Tapps „Geile Sau“. Absender ist der Herr aus der Bar, der, wie zu erwarten war, in der Nähe nächtigt.
Ich tappse ein „Hübsches Gesicht“ zurück. Die folgende Nachricht ist der traditionelle Ausbund schwuler Online-Dating-Romantik: „Bock?“

Männer unter sich sind in Liebesdingen ja gern einmal etwas rustikaler (oder, sagen wir: zeitökonomischer) unterwegs, übersetzt für heterosexuelle Leser_innen ginge die Konversation also in etwa so: „Hey, coole Jacke. Öfter hier? Und sonst so? (Stunden später) Sollen wir noch einen Kaffee zusammen trinken?“
Was für eine Zeitverschwendung, denke ich rückblickend, und muss lachen.
Tatsächlich liege ich alter Mann zu diesem Zeitpunkt aber schon im Halbschlaf ohne nennenswerte erotische Ambitionen im Bett und sage dem interessierten Herrn deshalb so Ego-schonend wie möglich ab.
Beim Frühstück sehe ich ihn wieder. Er sieht wirklich fatal gut aus, selbst wenn sein Online-Alter von 28 vermutlich seit einigen Jahren nicht aktualisiert wurde. Wir grinsen uns vielsagend über dem warmen Buffet (ausgerechnet) an und wenden uns dann errötend wieder dem Tagesgeschäft zu: Der Bock eines Handelsreisenden.

Ich frage mich, ob ich etwas bedauern sollte, aber manchmal ist es schon gut genug fürs Ego, nur zu wissen, dass man könnte. Dass man auch mit fast 40 noch nicht tot für den Markt ist. Und dass es noch Männer gibt, die mich wahrnehmen. Dass es Männer gibt außer dir.
Es wird besser.

Über den Häusern am Südstrand verlaufen die farbenprächtigen Reste eines imposanten Sonnenaufgangs. Ich breche auf zum letzten Stadtspaziergang. Es weht auch heute kein Wind, aber noch immer ist es empfindlich kalt.
„Es ist so ein wunderschönes Blau“ denke ich, als ich die farbig gestrichenen Streben der K.W.-Brücke betrachte, und frage mich, warum bei Brücken eigentlich immer Rot als jene Farbe gilt, die am ehesten Menschen vom Suizid abhält. Liegt denn nicht in so einem beruhigenden, Hoffnung schürenden Blau wie dem der Kaiser-Wilhelm-Brücke viel mehr Antidepressivum als in einem aggressivem, schlimmstenfalls noch aktivierenden, Rot?
Ich lasse das Thema fallen. Mit dem Tod haben sich schließlich auch die Besatzungen der Grauschiffe unter mir zur Genüge befassen müssen, und ich will nicht an diese Schiffe als Waffen denken müssen, als etwas Leidbringendes, selbst wenn die Fregatten der Deutschen Marine aktuell im Mittelmeer sehr viel zur Rettung von Menschenleben beitragen. Dennoch sind und bleiben es Kriegsschiffe.
„Das sind ja keine romantischen Schiffe“ höre ich dich noch sagen, und einmal mehr wundere ich mich, mit welchen Sätzen sich Menschen in unserer Erinnerung so verewigen. Du hast viele schöne Sätze gesagt; zweifelsohne bist du ja ein kluger, belesener Mann, mit dem sich meistens gut reden ließ. Warum also, frage ich mich, während ich meine klammen Finger an einem Becher Kaffee im Museumscafé auf der anderen Seite der Brücke wärme, bleibt mir von dir ausgerechnet dieser Satz? Vermutlich, weil er eine Weichheit beinhaltet, die du ansonsten gut zu verbergen wusstest — als Sohn eines Kapitäns, der auf ebensolchen Schiffen fuhr. Ich erinnere das Kinderbild, welches ich gestern auf dem Display des Mobiltelefons in der Hand des jungen Fregattenkapitäns sah, und stelle mir vor, wie er auf See das Bild ansieht und sein Kind vermisst.
Es hat zu regnen begonnen. Mölders und Weilheim werden wegen der Rutschgefahr für Besucher gesperrt; ein Angestellter spannt ein Absperrseil vor die Stelling. Einsam liegen die grauen Kriegsschiffrenter nun vor Anker, während das Regenwasser von Ketten und Tampen tropft.
Möglicherweise, denke ich, sind diese Schiffe wirklich nicht sehr romantisch.
Möglicherweise ist es das ganze Leben auf See nicht, ebenso wenig wie das an Land.
Aber es lohnt sich.

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