Neumondnächte sind auf Langeoog wirklich stockfinster. Nichts erkennt man, wenn man dann draußen ohne Taschenlampe unterwegs ist; vielleicht gerade einmal den Umriss eines kleinen Strauches, der aber genauso gut eine sitzende Katze sein könnte oder ein Maulwurfshügel. Vielleicht huscht beim Passieren einer der wenigen Straßenlaternen der eigene Schatten an einem vorbei.
Aber jenseits der Straßenlaternen ist nichts mehr. Zumindest nicht, wenn man den Blick zu Boden richtet. Denn hebt man den Kopf, sieht man die Sterne.

In Neumondnächten stiehlt niemand den Sternen die Show. Und so sieht man gefühlt jeden einzelnen von ihnen, obwohl es Allgemeinbildung ist, dass niemals jemand alle Sterne zählen können wird. Dennoch scheinen die Sterne in solchen Nächten fast alle zum Greifen nah, ganz so, als könne man mit einem Korb herumgehen, um sie einzusammeln, und mit ihnen die Unendlichkeit.
Es ist atemberaubend schön.

Die Straße vor meinem Haus ist nicht eben, und wenn man darauf läuft und gleichzeitig nach den Sternen schaut, ist es fast, als sei man betrunken, weil man mit jedem Schritt in eine Bodenwelle ein bisschen schwankt, und die Sterne sich dann bewegen, aber es ist egal, weil man weiß, dass man so oder so berauscht heimkehren wird: Berauscht von all dieser Pracht.

Als erstes entdecke ich den Oriongürtel, den großen und den kleinen Wagen, dann die Venus. Dazwischen blinkt ein Flugzeug. Ich kenne nicht viele Sternbilder, obwohl mich Sterne interessieren, aber irgendwie sind Sterne für mich wie mathematische Gleichungen, Konzertnoten oder die Baupläne von komplexen Maschinen: Sie faszinieren mich und verwirren mich zugleich. Ich ahne all die Ordnung hinter dem Chaos, das nur scheinbar Zufällige, die große Bedeutung kleinster Details für die Stabilität und Harmonie des Gesamtgefüges ― aber ich wäre nie in der Lage, sie zu entschlüsseln. Dennoch komme ich nicht umhin, sie anzustarren, die schönen Unbekannten.

Ich erinnere, dass mir mein Vater als Kind ein paar Sternbilder erklärte; er wusste ja auch viel über Mythologie und die Legenden hinter ihren Namen. Ich sog das auf wie ein Schwamm. Wir waren auch ein paar Mal im Planetarium, ich liebe das Planetarium, aber besonders gern erinnere ich doch die paar Momente mit meinem Vater und seinem alten, grün-schwarzen Fernglas in der Dachluke meines Elternhauses. Das Fernglas, das schon mit ihm in Afrika war und an anderen Orten, die ich nur aus meinen Bilderbüchern kannte. Manchmal, wenn ich damit spielte, meinte ich, noch immer die Giraffen, Nilpferde und Löwen dadurch sehen zu können, wie sie sich aalen unter mächtigen Schirmakazien und baden in schlammigen Wasserlöchern. „Das sind faule Viecher“, sagte mein Vater über die Löwen, und ich fand das immer lustig, weil ich so keine Angst vor Löwen zu haben brauchte, außer während der einzigen Stunde am Tag vielleicht, in der selbst die „faulen Viecher“ den Arsch hochkriegten, um zu jagen: Und dann sind es meist nur die Löwinnen. Die männlichen Tiere lenzen weiter.
Ach, Afrika. Wie gerne würde ich auch einmal dort hin und all diese Tiere sehen, wenn nur nicht mittlerweile überall Krieg dort wäre oder Diktatur.

Reisen ist generell wichtig, denke ich. Davon hat man sein Leben lang was. Die Erde ist winzig; das weiß man, wenn man einmal im Planetarium war, ein winziger Stern von unfassbar vielen. Und man selbst? Marginalie. Der Nachhall einer Marginalie. Und noch viel weniger. Dennoch lohnt auch er sich, der blaue Planet.

Zunächst einmal aber reise ich weiter mit Blicken durch das nächtliche Universum, und ich wünschte, ich hätte wieder jemanden bei mir, der mir mit ausgestrecktem Arm all das Unbekannte vertraut macht: Schau, das da ist der Oriongürtel und dort ist der Abendstern, die Venus. Und wenn ich als Kind den Stern dann trotzdem nicht fand, nahm mein Vater meinen Arm und zeigte mit meiner eigenen Hand darauf, bis auch ich ihn sah und sich das Leuchten des Sternes in meinen Augen spiegelte. Wie könnte ich das vergessen?
Es gab eine Zeit, als Lernen schön war. Als Lernen bedeutete, klug zu werden. Als Lernen bedeutete, Dinge zu verstehen, die einen interessierten. Als Lernen noch nicht Schule bedeutete und frühes Aufstehen und Zwang und Quälereien. Schön wurde das Lernen erst wieder auf der Universität: Als man da lernen konnte, wo man wollte und mit wem man wollte. Als sich das Lernen wieder lohnte. Als einem gute Noten wieder Respekt einbrachten statt Klassenkeile.
Ich scheuche die Erinnerungsfetzen an die verhasste Schulzeit aus meinen Gedanken wie eine eklige Stubenfliege: Der Himmel ist zu schön dafür heute Nacht.

Der Fokus richtet sich auf die Ewigkeit: Immer weiter navigiere ich meine Blicke durch den Ozean in mir und über mir und bin stolz auf all die umschifften Klippen, die Untiefen, die überhörten Gesänge der Sirenen. Es gab so viele Stürme und Flauten. Aber niemals brauchte ich Angst haben, denn im Grunde hatte ich immer das Richtige dabei: Hammer, Nägel, Planken. Ohropax und Landkarten. Sextanten, Bücher und Matrosen. Humor, Hoffnung und Gott. Die Sterne, natürlich. Und irgendwann auch einen Seemannssohn.
Du bist weit weg heute Nacht.

Nicht noch einmal zu früh jubilieren möchte ich und behaupten, dass ich dich nicht mehr liebte. Aber es tut nicht mehr weh, dass du fort bist. Man sagt, es sei ein biochemischer Prozess: Nach eineinhalb Jahren ohne jeden Kontakt zu einem geliebten Menschen höre das Begehren auf. Immer. Irgendeine hormonelle Sache sei das, eben Biochemie: Pure Romantik also.
Die eineinhalb Jahre sind jetzt um. Fast zwei sind es sogar, im April. Ich sah dich nie wieder. Diese Ewigkeit fühlt sich seltsam an.
Manchmal sehe ich noch Fotos von dir, bei Freunden. Ich sehe dich an und weiß, dass ich dieses Gesicht einst berührte, aber es berührt mich nicht mehr. Nicht so wie früher. Vielleicht ist das jetzt endlich die Heilung, denke ich.
Vielleicht bin ich jetzt wirklich frei auf meiner Insel.

Ich sehe ein letztes Mal zum Himmel und stelle mir vor, dass du einer von diesen Sternen bist. Ich picke mir einen heraus, der klein ist und trotzdem heller strahlt als viele andere. Er steht allein vor einer Gruppe anderer Sterne, als seien diese sein Publikum, und liegt im Nordosten wie das Meer, an dem du geboren wurdest.
Du bist auch als Stern schön, denke ich, und ich sehe gerne hin. Aber ich weiß, dass der Stern kalt ist und in irgendeiner fernen Galaxie. Ich spreche seine Sprache nicht und könnte nicht leben in seiner Welt. Ich könnte nicht atmen in seiner Luft und er könnte nicht schwimmen in meinen Meeren. Und außerdem, denke ich, während ich mich, der Nachtkälte geschuldet, noch enger in meinen Marinemantel wickele, gibt es ja noch so viele andere: Das ist das Wunderbare an der Unendlichkeit.

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