Endlich ist es wieder da. Das lang ersehnte Blau des Frühlings löst alle Schwere in Leichtigkeit. Wärmende Sonne im Gesicht, radele ich in der Mittagspause zum Tjard-sin-Utkiek und blicke hinab auf ein Land, wie es schöner nicht sein könnte.
Der Mensch erwacht. Verfluchte ich auch am Morgen noch das Aufstehen ebenso wie die Erfindung des Snooze-Buttons, so fließt nun alle Müdigkeit mit dem milden Strom der Brise davon, hinaus auf die See, hinaus ins All.
Es tut gut, hier zu sein: Die Insel wird langsam meins.

Abends stehe ich vor dem Spiegel und untersuche Bart und Haare auf Grau. Vierzig Jahre, denke ich, meine Güte. Einen Monat noch.
Ich überlege, ob man das sieht. Zweiunddreißig, denke ich. Das haut noch hin. Ja, denke ich, Zweiundreißig ist gut. Acht Jahre immerhin, die man mir nicht ansieht.
Aber was zählt, ist sowieso das Innere. Nicht, dass mir Schönheit auf einmal nicht mehr wichtig wäre. Im Gegenteil: Schönheit wird immer mein Elixier sein. Aber nicht nur die Schönheit des Äußeren. Auch Schönheit der Sprache. Schönheit des Handelns. Die Schönheit der Menschlichkeit. Die Schönheit von Wahrheit. Und, natürlich: Die Schönheit der Liebe.
Ich kann zufrieden sein, denke ich.

Natürlich gab es da mal diese Träume, was man erreicht haben wollte mit Vierzig. Wer man sein sollte und wo.
Mir ist das nicht mehr wichtig. Baum pflanzen, Sohn zeugen, Haus bauen — Setzt nicht jeder seine Wegmarken anders?
Und doch habe ich auch davon viel erreicht. Ich bin, wer ich bin und immer war. Ich bin da, wo ich immer sein wollte, zumindest geografisch. Die neue Arbeit ist schön: Man hat etwas erreicht, Bleibendes produziert, und mit Menschen gesprochen, die diese Arbeit ernst nehmen und würdigen. Abends komme ich jetzt endlich zu festen Zeiten heim und schließe die Tür meines Eigenheims auf.
Mein Zuhause. Was für ein schönes „Für immer“!
Gefühle, die sich vorgestern noch wie klebriges Sediment durch meine Herzgänge schoben, sind nun balsamisch fließender Honig in einem Meer von Ruhe. Auch die Eltern kommen bald zu Besuch, und ich bin so unendlich froh, dass ich ihnen mein Zuhause noch zeigen kann. Die Insel ist wunderbar im Frühling. Und ich wünsche ihnen noch so viele Frühlinge.
Es ist nicht abbezahlt!, mahnt eine Stimme im Inneren. Sie sind über 70 und irgendwann tot!, eine andere. Ich verjage die unkenden Geister. Jetzt nicht!, rufe ich aus, Langeoog ist viel zu schön zum Sterben!
Die Stimmen verstummen. 2016, nehme ich mir vor, werde ich nicht trauern. Und wenn es doch einen Gott gibt, so stehe er mir bei.

Auf dem Gras in meinem Garten ruht ein letzter Streifen Sonne. In der Ecke des Rasens, so der Beschluss der Eigentümerversammlung, wird im Frühjahr ein Baum gepflanzt.
Ich meldete mich fürs Pflanzen freiwillig. Dann ist es nämlich mein Baum, und wir können uns gegenseitig beim Altern zusehen. Dann werden Jahr um Jahr seine Blätter welk und meine Haare grau, dann werden wir gemeinsam im Schnee frieren und uns freuen, wenn im Frühjahr die Zugvögel zurückkehren. Es wird ein Apfelbaum, und ich werde ihn pflegen und er mich nähren: Das ist der Deal. Fast kann ich es schon schmecken, das selbstgemachte Apfelkompott mit Rum und Rosinen im Herbst; der Rum aus dem hübschen Spirituosenladen lieb gewonnener Insulaner-Freunde stammend, die dann auch schon alt sein werden, wenn mein Baum das erste Mal Früchte trägt. Und wir sind dann genau das, im Wortsinne: Alte Freunde. Was wäre das schön.
„Old friends. Sat on their parkbench like bookends. A newspaper, blown through the grass …“ summe ich diesen wunderschönen Titel von Simon&Garfunkel, während das Bild in meinem Kopf dazu lebendig wird, und bewundere einmal mehr die zeitlose Poesie ihrer Texte und Lieder: Die Schönheit von Kunst.
Und, ach, Musik. Lohnt sich das Leben nicht allein dafür?

Preserve your memories. They’re all that’s left you. 

Und der Sohn? Nun, irgendwann gibt es sicher einen Hund. Oscar soll er heißen, nach Oscar Wilde, oder Artur, weil das ein schöner königlicher Name ist: Für einen schönen, eleganten Jagdhund.
Ich verliere mich in Träumen über die zukünftigen Freuden meines Lebens und bewundere einmal mehr, wie der Lauf der Jahreszeiten, das Wunder des Frühlings, jedes Jahr aufs Neue Hoffnung schürt, egal wie viel Grauen die Welt da draußen gerade gebiert, mit ihren Kriegen und Katastrophen. Wenn das Aufbäumen der sturmgepeitschten See plötzlich singt, anstatt grollend zu drohen. Wenn vom Untergang des alten Jahres nichts mehr zu spüren ist. Wenn Neues sich Bahn bricht, buten und binnen.

Ja dann, stelle ich erleichtert fest, während mein Blick zu den persilweißen, kreisenden Möwen über den Dächern schweift, ja dann …
denke ich nicht einmal mehr an dich.

Bildschirmfoto 2016-02-11 um 13.36.13

Bildschirmfoto 2015-10-14 um 15.18.39

Advertisements