Dann also erstmal nach Hannover. Am Zugfenster zieht Landschaft vorbei: Kiefernwäldchen. Wiesen mit Maulwurfshügeln. Ein grauer Himmel, der sich in tauwassergefüllten Traktorreifenspuren auf den Feldern spiegelt. Auf einer Lichtung thront, umringt von entlaubten Buchen, ein Hochsitz.
Das Meer ist noch weit. Doch die See in mir tost.

Es ist nicht leicht, so ein ‚für immer‘.
Und ich frage mich, ob es falsch war, dich nicht zu sehen; es nicht einmal zu versuchen, dich um ein Wiedersehen zu bitten. Vielleicht wäre es gar nicht so schlimm geworden, denke ich. Vielleicht hätte er mir ja noch ein Bier verkauft. Vielleicht wäre er wenigstens höflich gewesen. Vielleicht aber auch nicht, denke ich, und diese Option ist mir unerträglich. Und was nützt mir eine Buddel Flens auf deinem Tresen, wenn du dein Heineken nicht mehr daneben stellst? 
Es wäre erbärmlich.

Ich sehe wieder hinaus. Der Wald vorm Fenster wird jetzt dichter. Der Himmel klart auf. Sonnenlicht fällt auf weichbemooste Hügel zwischen Bäumen. Über den laubgepolsterten Waldweg jagt ein Eichhörnchen. Es ist ein wunderbarer Anblick, und dennoch sehe ich immer noch nur deine Straße, regennass und dunkel. Werde ich dich wirklich niemals
wieder sehen?
Ich will nicht eines Tages über facebook erfahren, dass du tot bist, denke ich, und Panik befällt mich. Es ist zu groß, dieses ‚für immer‘. Überlebensgroß. Und ich weiß nicht, wie ich aus jemandem, den ich liebte, einen Fremden machen soll, ungeachtet dessen, was gut
für mich wäre. Ich denke an die Bilder, die ich beim Ausräumen der Wohnung fand, die Postkarten und Briefe: Andere Menschen, die ich mal liebte. Es schmerzte nicht mehr. Es gab noch Wut in einigen Fällen, etwas Wehmut bei anderen, ein leises „Es tut mir Leid“, bei jenen, denen ich das Herz brach. Aber keine Schmerzen.
Ich schaffe das auch bei dir, denke ich, den Blick starr in die Natur
geheftet, ich schaffe das. Und dann bist du nur noch eine schöne Stimme auf meinem iPod. Es scheint mir noch so weit weg wie meine Insel.

Krampfhaft versuche ich, Vorfreude zu empfinden, an Langeoog zu denken, das jetzt mein richtiges und einziges Zuhause ist. An den Ort, der mich glücklich machte. Es gelingt nicht.
Als mich ein lieber Freund zum Bahnhof brachte, kreisten Lachmöwen über der Spree. Von Pfeilern spähten Kormorane. Schau mal, das Meer begrüßt dich schon
hier, sagte der Freund, und ich war dankbar dafür.
Früher habe ich so etwas geliebt. Ständig streifte ich an Berliner Gewässern entlang auf der Suche nach Küstenvögeln: Waren sie mir doch ein Stück meiner Herzensheimat. Schau, schienen sie mir heute zu sagen: Berlin hat auch ein Meer.
Ja, denke ich. Und du warst mein Hafen.

Kurz vor Hannover weicht der Wald trostlosen Orten von ausnehmender Hässlichkeit. Es hat zu regnen begonnen. Von Hannover aus geht es weiter nach Ostfriesland.
 Der Anblick der Schiffe im Bremer Binnenhafen macht mich traurig. Ein französischer Chanson kommt mir in den Sinn, in dem es (übersetzt)  heißt:

Jedes Schiff trägt deine
Flagge
Ich weiß nicht mehr, wo ich hingehen soll
Du bist überall

Es gibt wohl nur wenige Liedzeilen, die ich stärker
nachempfinden könnte.
Dann Leer. Ein Freund von mir war hier jahrelang Pfarrer. In seinem hübschen Pfarrhäuschen hingen weiße Scheibengardinen in den Fenstern, und im Vorgarten blühten im Frühjahr Tulpen und Krokusse, durch die eine Katze schlich. Seine Gemeinde liebte ihn. Er aber liebte Männer und das wiederum liebte die Kirche nicht. Ihm blieb Berlin.
Ich sende Grüße an den Pfarrer, während der mit Schulkindern überfüllte Bus nach Aurich an pittoresken Klinkerhäuschen vorbeischaukelt.

Die letzte Etappe nach Bensersiel. Und hier endlich weitet sich mein Herz. Die Sehnsucht nach dir verflacht in gleichem Maße wie die Landschaft. Der Himmel klart auf, und mit ihm mein Gemüt. Zwischen Wolkenfetzen kreisen Möwen, ihre Schreie ein Lied von Heimat. Das Meer in mir wird ruhig.

Die Nacht bricht an, als wir am Anleger Halt machen. Auf der Überfahrt mit der kleinsten unserer Fähren genehmige ich mir ein Bier, während ich auf die dunkel schäumende See hinabblicke. Es ist kein Flensburger.

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