Die See schlägt mächtige Wogen, quecksilberfarben zwischen den Dünentälern hervorleuchtend, in denen sich das Auge an schier endloser Weite und jeder nur vorstellbaren Grünnuance labt. Vereinzelte Hagelkörner liegen auf dem sattgrünen Moos wie winzige, weiße Blüten.
Der Himmel hat ausgetobt. Zwischen gigantischen Kumulusbergen zeigt sich der Himmel in kräftigem Türkis, durchwebt von ersten Streifen lachsfarbener Dämmerung.

Mein Gott, ist das schön. Man kann das nicht schweigend denken, aussprechen muss man es, wie irre zu sich selbst murmelnd, während man auf Tjard-sin-Utkiek nach irgendeinem Halt sucht, damit einen der Anblick dieser Pracht nicht vollkommen übermannt: Mein Gott, ist das schön.

Langeoog macht mir den Abschied nicht leicht. Übermorgen bin ich in Berlin.

Am Strandübergang hängen Tautropfen in perfekter Symmetrie von einem Draht, der Menschen und Tiere vom Betreten der Dünen fernhalten soll, oder, wie unser Wattführer sagt: Die Sturmflut, wenn sich Gäste wieder einmal absichtlich dumm stellen und meinen, den Draht nicht gesehen oder dessen Bedeutung nicht erahnt zu haben.
Auf jeden Fall hängen diese Tropfen dort in vollkommen regelmäßigem Abstand, wie aufgefädelt, und ich frage mich, ob es da irgendein physikalisches Gesetz für gibt. Manchmal ist die Natur so perfekt, dass es fast schon absurd ist.

Ich betrachte die schweren Tropfen und überlege, dass ich den Draht nur antippen müsste, um diese Perfektion zu zerstören. Eine winzige Berührung würde reichen, um das anzurichten, was die Schwerkraft ohnehin bald täte, und mir wird weh ums Herz bei dem Gedanken daran, wie fragil doch Schönheit ist.
Und wie wenig reicht, um etwas Vollkommenes zu zerstören: Sei es durch Taten oder Worte.

Ich tippe den Draht an. Die Tropfen fallen alle auf einmal, dann ist er nackt. Ein gewöhnlicher, grüner Draht.
Es hätte ja sowieso bald ein Ende gehabt mit der Pracht.
Dachte ich das nicht damals auch bei dir? Hatte ich ihn nicht längst bemerkt, deinen Rückzug, mein Stranden an allen Gestaden? Es brauchte auch bei dir nur noch ein Antippen, damit alles, was glänzte, fiel, und genau wie jetzt, wusste ich, was ich tat.
Schuld. So ganz werde ich das Gefühl nicht los, so wie einen Ölfilm oder einen Streifen Teer, den man nicht abzuwaschen schafft.
Vergiss es, sage ich mir. Es hätte geendet, so oder so.
Wenn Vollkommenheit ein Dauerzustand wäre, nähmen wir sie doch gar nicht als solche wahr.
Es braucht Schietwedder, um solche Kunstwerke wie die Tautropfen in die Natur zu hängen, und es braucht Leid, um die Schönheit des Lebens zu erkennen. Und seinen Wert.

Ich werde nicht in deine Nähe gehen in Berlin. Ich muss begreifen, das alles, was war, im Sand versickert ist wie diese Tropfen am Draht, an dem ich rüttelte. Es ist unrettbar, und ich muss warten, was der nächste Regen bringt. Aber dennoch vermisse ich dich noch immer, oder irgendetwas, das uns verband. Ob das noch Liebe ist, weiß ich nicht.

Auf dem Rückweg kommt mir eine Gruppe Menschen entgegen, und es ist eigenartig, im Winter so viele Menschen auf einmal auf der Insel zu sehen, wahrscheinlich eine Familienfeier oder ein Verein. Ich bin das nicht mehr gewohnt, und frage mich, wie das erst in Berlin werden soll, wo man immer und überall Menschen hat, zu jedem Zeitpunkt. Kann ich mich wieder einfädeln in das Treiben der Stadt?
Ich sehe an mir herab, die Cordhose ist toll für die Insel, ebenso wie das karierte Flanellhemd und was ich hier sonst noch gern trage, aber zugleich denke ich, dass ich doch provinziell geworden bin. Ich freue mich täglich aufs Nachhausekommen, auf Tee, den Schaukelstuhl, warme Decken und meine Bücher. Nichts zieht mich mehr in die Welt, weil meine eigene Welt um mich ist. Mein Zuhause, meine Burg.
Das in Berlin allgegenwärtige Gefühl, immer nur Zeit abzuleben und lediglich irgendein Planktonteilchen in einem aufgewühlten, schlammigen Teich zu sein, habe ich hier nicht mehr. Hier ist alles so schön klar, überschaubar und einfach.

Andererseits kann man sich in Berlin auch besser verstecken. Und alles ist greifbar; kein Verlangen, dass die Stadt nicht binnen Kurzem zu stillen wüsste.
Auf Langeoog stillt die meisten Sehnsüchte das Meer, alles darüber Hinausgehende muss man indes endlos planen. Aber sobald man alles jederzeit zur Verfügung hat, ist es ja doch nie genug. Die Insel indes lehrt Genügsamkeit, und für jemanden wie mich, der im Maßhalten mit seinen Leidenschaften nicht immer brillierte, ist das wohl optimal.
Ich öffne den Kleiderschrank. Die Skinny Jeans und engen T-Shirts aus umtriebigeren Zeiten in Berlin sind noch da. Ich werde sie wohl einpacken.
Dann bin ich halt jemand aus der Provinz, der auf Berlin macht, denke ich. Ein Tourist.

Plötzlich nagt auch hier Abschiedsschmerz: Ich werde in der Stadt kein Zuhause mehr haben, wenn ich das nächste Mal hinfahre. Ich räume die Wohnung, endgültig. Meine Sachen werden speditiert, eingelagert, verschenkt.
Und dann bin ich wirklich nur noch Tourist. Ein Tourist aus Ostfriesland. Was hätten wir in der Bar darüber gelacht! Irgendein Landei, das in Cordhosen von einer Insel kommt und womöglich nichts kennt außer Molle und Korn.

Aber vielleicht erkennt mich Berlin auch wieder.

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