Und dann der Moment, in dem mir die Erwähnung deines Namens immer noch eine Atombombe durchs Herz jagt. Eine Atombombe, deren Detonation in Nanosekunden alles zerstört, was ich mir an hübsch gestrichenen Gartenzäunen und heimelig-kuscheliger Idylle in zwei Jahren um mein verwundetes Ich herum aufgebaut habe. Selbstschutz, Seelenpflege, Achtsamkeit, Selbstliebe, all der therapeutische Schnickschnack.  Wie absurd das plötzlich scheint. Irgendein facebook-Kommentar, als Antwort auf deinen, und dann dein Name darin, den ich nicht anklicken kann, weil du mich mit aller Konsequenz auch aus deinem virtuellen Dasein gekegelt hast.
Ich möchte auch noch mit dir schreiben, denke ich, während Verzweiflung, Sehnsucht, Trauer und Eifersucht zugleich im Gedärm nagen. Und dann: Detonation.
Es tut immer noch weh. Nach zwei verdammten Jahren.
Ich erinnere all die schönen und lustigen Konversationen, die ich selbst mit dir hatte; erinnere die Zeit, in der du für mich der hübsch gestrichene Gartenzaun um mein verwundetes Ich warst; erinnere die ersten zarten Pflanzen, die sich durch deinen Zuspruch, deine Liebe aus der verbrannten Erde wagten. Die Zeit, in der wir gemeinsam die ersten Wände meiner neuen Welt hochzogen. Du hättest deinen Platz hier bekommen, denke ich. Du hättest noch immer Platz.
Aber es gibt keine Berührungspunkte mehr, außer gemeinsamen Freunden, für die sich nichts geändert hat mit dir. Für mich änderte sich alles.

Ich muss raus. Und dann stehe ich am Strand, atme kristallklare Luft, und der Blick labt sich an den sanften Hügeln verschneiter Dünen. Alles an dieser Insel ist so frei. Alles hier umarmt mich. Die Vögel singen für mich, einfach so. Und dann meine Wohnung: Manchmal kann ich mein Glück damit immer noch nicht fassen. Alles hier atmet Ankommen, Loslassen, Zuhause. Alles hier ist so verdammt wunderschön. Kein Dreck, kein Lärm. Und Berlin ist so weit weg.

Die Leuchtfeuer der Häfen geleiten mich heim. Doch dann fällt dein Name und mir ist, als gingen all diese Lichter schlagartig aus. Als würden Vögel und Meer verstummen. Als hätte deine Liebe bei ihrem Verschwinden alle Farben, alle Wärme und alle Schönheit ausgetrunken. Ex und hopp.
Übrig bleiben Nässe, Dunkelheit und Kälte. Und dann bin ich nicht mehr an Land, sondern treibe weit draußen, in feindlicher, lackschwarzer See. Aber ich bin zu stolz; ich kann dich nicht anflehen, mich zu retten. Ich würde es nicht wollen. Und so sehe ich dich daheim, ahnungslos, rauchend, auf der alten Seekiste deines Vaters sitzen, die nie wieder auf See gehen wird: Auch nicht als Fracht nach Langeoog. Vielleicht blätterst du in einem Buch. Vielleicht bist du nicht allein.
„I’m so sick of that same old love“ singt  jemand im Radio, und ich denke nur: F***, YES!

Ich will dich nicht mehr lieben. Aber ich weiß nicht, wie das gehen soll, wenn es immer noch diese Momente gibt, in denen alles in mir nur noch „komm zurück“ schreit. Diese Momente, in denen ich eine Seite meines Tisches freischaufele, damit du deine Tasse, dein Telefon und deine Kippen da hinstellen kannst. Diese Momente, in denen ich jeden Menschen beneide, der dir noch nicht so egal ist wie ich. In denen ich es nicht ertrage. Dieses Monster, das mit unablässiger, krallenbewehrter Grausamkeit in den weichen, sonnendurchfluteten Seidenvorhängen meiner Gefühle für dich herumfetzt. Dieses Monster namens Realitätssinn und Lebenserfahrung, das mir sagt: Du wirst nicht kommen.

Ich blinzele ein paar Tränen weg, die kommen von der Kälte.

Das Meer, denke ich, während ich auf die schäumende Gischt starre, ist so machtvoll. Das Meer besiegt jeden. Aber warum nimmt es mir nicht meine Liebe? Warum bringt es dich nicht zurück?
Das Meer antwortet nicht, aber ich bin trotzdem froh, dass es da ist. Dass es mir täglich Schönheit spendet, Heimat, Inspiration und Leben. Dass ich es mit Liebe überschütten darf, ohne dass es zu viel davon hat. Dass es keinen Unterschied zwischen den Menschen macht. Dass es einen nackt genauso liebt wie angezogen, lachend genauso wie weinend. Niemand muss dem Meer seine Existenz erklären oder seinen Körper. Niemand ist für das Meer ein Freak. Ich liebe das Meer dafür, dass ich es lieben darf, so wie ich bin: Dafür zuallererst. Und dafür liebte ich auch dich.

Es ist wirklich eisig, an diesem Januartag, und so mache ich mich auf den Heimweg durch die vom Blitzeis glasierten Dünengräser und Sanddornsträucher, deren eisüberzogene Beeren wie kandierte Früchte aussehen.
Wenig später sitze ich mit heißem Kaffee am Fenster meines Arbeitszimmers. Vor dem Fenster, an dessen Rahmen sich glitzernde Schneeflocken türmen, fällt der Blick auf einen weißen Gartenzaun und eine blaue Bank: Alles, was ich an friesischer Landidylle immer wollte. Ein Schwarm niedlicher, beigefarbener  Schneeammern tobt durch das Schneetreiben in meinem Vorgarten, und ich freue mich über ihr unverkennbares Zwitschern und ihre Fröhlichkeit verbreitende Energie. Würde ich das aufgeben für dich?
Hier muss ich nicht überlegen: Nein. Ich denke immer noch, dass wir in vielen Dingen gut zusammen passen, und womöglich denkst du das über einige Dinge auch noch, aber es ist mit uns wohl gerade so, als liefen zwei ähnliche Kinofilme in getrennten Sälen. In verschiedenen Kinos. Auf verschiedenen Kontinenten. Man bekommt hier und da noch etwas mit; eine Rezension, einen gelungenen Witz, ein schönes Bild. Gerne würde ich deinen Film auch sehen. Aber ich muss in meiner Vorführung bleiben, bis der Vorhang fällt. Und eigentlich mag ich ja auch keine Filme mit happy end. Aber eines weiß ich: Es liegt noch immer eine Karte an der Kasse für dich.

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