Ich vermisse das Meer.
Ich vermisse die klare, salzige Luft, den Wind, den Anblick der kreisenden Möwen und das Rufen der Nonnengänse auf den Feldern.
Und ich vermisse einen Hafen.

Ich vermisse den Hafen von Langeoog, wo sich die Lichter der Schiffe und Laternen in sanften Wellen spiegeln. Wo das Nebelhorn der Fähre mir sagt: Du bist Zuhause.
Ich vermisse den Hafen von Berlin, wo das Kneipenlicht zitternde, bunte Streifen in die Regenpfützen auf dem Asphalt malt. Wo mir ein schöner Seemannssohn von Meer und Möwen singt.
Ich vermisse einen Ort, an dem ich ruhigen Herzens festmachen kann, ankommen und mich aufwärmen. Einen Ort, an dem es Liebe gibt. Einen Ort, an dem du bist.

Dennoch verbringe ich die letzten Tage des alten Jahres weder auf der Insel noch bei dir, sondern im Nirgends zwischen Ruhrgebiet und Bergischem Land. Dort, wo ich aufwuchs. Dort, wo ich nicht tot überm Zaun hängen wöllte, wenn dort nicht noch meine Eltern lebten.

Natürlich gibt es auch dort schöne Ecken. Natürlich empfinde ich auch dort ein Gefühl von Heimat, wenn der Blick über grüne Hügel und Felder gleitet und man instinktiv noch alle Schleichwege durch den Wald findet, in dem man als Kind so oft gespielt hat: Hütten gebaut und Staudämme am Deilbach. Wenn man die Tanne sieht, in deren Krone man vom Kinderzimmerfenster aus sah, und die nun weit übers Haus ragt. Man kennt die Brücke, von der sich ein depressiver Schulkamerad mit 15 Jahren in den Tod stürzte, man weiß noch, wo das Häuschen stand, in dem man mit 13 heimlich rauchte. Man sieht das Gebäude mit den Schultoiletten und hat sofort wieder diesen Geruch in der Nase aus Urin, Desinfektionsmittel und alten Lappen. Man sieht die gehässigen Fratzen der Mädchen im Spiegel hinter sich, immer in Grüppchen, und ich: Immer anders.
Ich passiere das Haus der Schulkameradin mit dem Taubenschlag, der heute nicht mehr da ist ― ebensowenig wie das Wäldchen an der Grundschule, vor dem wir uns alle ein wenig gruselten, und als Mutprobe natürlich trotzdem dauernd drin herumtollten. Heute stehen dort schicke Neubauten.
Ich mag die schiefergedeckten, bergischen Fachwerkhäuschen und die steilen Straßen. Im Umland die Fördertürme und der idyllische Altarm der Ruhr, auf dem wir Schlittschuh liefen, wie es kein niederländischer Renaissancemeister schöner hätte malen können.

Und natürlich sind da die Eltern. Ich vermisse meinen Vater schon, als ich ihn vor der Rückfahrt noch die Treppen des Bahnhofs hinuntergehen sehe, und mit ihm gehen so viele schöne und erzählenswerte Geschichten, gehen 74 Jahre unersetzliches Leben die Treppe hinunter, und mir graut so sehr vor dem Tag, an dem ich meine Eltern für immer fortgehen lassen muss.
Das Damoklesschwert der Endlichkeit schwebt über jedem Jahreswechsel. Gut, denke ich. 2015 bin ich also noch nicht Waise geworden.
Aber niemand weiß, wie viele Jahre noch blieben ― Zeit ist kostbar, wenn geliebte Menschen altern ― und dafür kann man dann auch mal nach Velbert, ins Bergische Nirgendwo.

Zum Jahreswechsel selbst liegen wir alle schon im Bett, zu viel gegessen, und zum Feiern fehlt uns die Lust. Obwohl ich sonst gerne Feuerwerk ansehe, kann ich es dieses Jahr nicht ertragen: Zum Böllern war mir dieses Jahr zu viel echter Krieg in der Welt.
Und so freuen wir uns einfach am ersten Tag des neuen Jahres, dass wir alle noch atmen, und dann geht es auch schon zurück nach Langeoog.
In den Abschiedsschmerz wegen des Zurücklassens meines Vaters am Bahngleis mischt sich die Vorfreude auf die Insel ― nicht unbegleitet von schlechtem Gewissen. Sollte man nicht da Zuhause sein, wo man geboren wurde? Dort, wo die Menschen sind, die man liebt? Ich liebe meine Eltern. Aber ich bin diesem Ort entwachsen. Ein Zuhause fühle ich nicht. Und mit Berlin ist es nicht anders: Dort, wo du bist.

Der Zug auf dem Gleis gegenüber fährt nach Berlin, in die entgegengesetzte Richtung. Auf der nächsten Reise muss ich da mit, denke ich, und mir wird bang ums Herz.
Sicher, ich freue mich furchtbar auf die Freund_innen, die ich dort sehen werde. Ich freue mich auf meine Sachen, die ich endlich nachholen kann auf meine Insel.
Aber über all dem stehst immer noch du. Ich wünschte, ich hätte nicht an Silvester daran denken müssen, wie du jetzt all diese fremden Menschen in deiner Bar umarmst und küsst. Oder sie dich. Ich wünschte, ich säße jetzt nicht in diesem Zug mit dieser Angst vor der nächsten Reise. Was soll ich in Berlin, denke ich. In einem Berlin ohne dich. Und gleichzeitig schäme ich mich, weil es so unfair ist, den Freund_innen gegenüber. Die mich nicht aus ihrem Leben geschubst haben, die mir schreiben, zuhören, für mich kochen, Zeug schleppen und Autofahren. Die mir helfen und mich zum Lachen bringen. Aber ich denke immer noch nur an den, um den ich weinte! Komm mit mir, denke ich. Ich würde dir so gern einmal meinen Hafen zeigen. Ich nähme so gerne noch einmal deine Hand. Aber die Worte gehen unter im Lärm der Großstadt, im Schlagen meines heimatlosen Herzens.
Das Leben setzt seltsame Prioritäten.

Die Sehnsucht nach der Insel wächst mit jedem Kilometer Bahn, Bus und Schiff. Es hat zu regnen begonnen. Als die Fähre anlegt, ist es bereits Nacht.
Mein Haus schaut aus traurigen, dunklen Augen ins Tal. Im Winter wohnt außer mir niemand darin. Aber bald werde ich da sein und Lichter anzünden. Bald wird es wieder warm.

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Bild: Deilbachtal / Velbert, Website der Stadtwerke

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Bild: Altstadt Velbert-Langenberg, Website des Bürgervereins Langenberg

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