An elf Monaten im Jahr ist Alleinsein eine feine Sache. An Weihnachten ist es die Hölle. Seit Monaten terrorisieren einen Radio, Umfeld und Fernsehen damit, dass man zum Fest gefälligst seine Zeit mit Freunden, Familie und Verwandten zu verbringen hat, und ich denke, dass man als Single niemals im Jahr so sehr personifizierte Tabuzone ist wie zum harmonischsten aller Familienfeste. Man kommt in der medialen Berichterstattung einfach nicht vor. Das gibt es nicht: Alleine an Weihnachten. Und man bekommt das Gefühl, als würde einem gesellschaftlich mittlerweile so ziemlich jede Lebensbeichte verziehen, aber diese: Nicht.

Und dann die Lieder. Nach Hause fahren soll man an Weihnachten, die Kavallerie anhalten, weil man an Weihnachten doch lieber Zuhause wäre, nichts zu Weihnachten wollen außer dir und an Weihnachten sein Herz dieses Jahr nur noch jemand Besonderem schenken, auf dass es ein wundervoller Traum im Winter-Wunderland werde. Aber ich komme nicht drumherum; ich muss das Radio anschalten beim Frühstück, so ist das.
Wenigstens spielt das Wetter nicht mit bei all dem Zuckerguss, denn es ist frühlingshaft warm: Die Spinnen, die eigentlich sterben oder in Winterstarre verfallen sollten, bauen schon wieder Netze, auf dem Balkon blüht beharrlich eine letzte Chrysantheme und ich fahre ohne Handschuhe und Mütze zur Arbeit.

Dort angekommen, terrorisiert mich der Baum; ich habe ihn selbst schmücken müssen. Also, DER Baum. Er nadelt schon eifrig, obwohl ich ihn gieße, und ich frage mich, ob es nicht irgendwie obzön ist, dass man das arme Ding hier verrecken lässt, zum Fest der Liebe, obwohl es im Wald noch Jahrzehntelang ein wunderbares Leben hätte haben können. Mit Schnee und Tautropfen als Schmuck und Vögeln und Eichhörnchen statt Plastikkerzen in den Zweigen. Den Baum stehen lassen: Ja, das wäre Liebe!
Jetzt jedenfalls steht er hier in der Lobby und stirbt, rausgeputzt wie eine Hafendirne, und ich denke „Na, Arschloch?“ bevor ich mich in den Sessel an der Rezeption fallen lasse. Schließlich erinnert er mich täglich an ein Fest, das für mich wohl mal wieder ausfallen wird.

Mir ist so gar nicht weihnachtlich zumute. Außer an dem siechenden Baum erkenne ich gerade noch an den Kindern, dass Heiligabend ist: Sie sind noch einen Tick aufgedrehter als sonst, und die Erwachsenen geheimniskrämern um volle Tüten herum, die sie noch kurz vor knapp aus den Läden zurück ins Hotel hieven. Aber ansonsten? Kein Geist der Weihnacht nirgends.
Im Dienst also business as usual, und ich bemühe mich, zu verdrängen, dass heute Heiligabend ist, der Tag, auf den man als Kind ewig hinfieberte, selbst wenn das verdammte Radio von nichts anderem singt und spricht.
Wenigstens der nette Kollege hält mit die Stellung; er erzählt ein bisschen von Weihnachten in seiner Heimat Polen, und ich merke, dass auch er jetzt lieber bei seiner Mutter und den Geschwistern wäre. Aber schlussendlich muss auch er nur putzen — Ein bisschen Weihnachtswehmut ist wohl überall.

In Berlin gibt es an Weihnachten relativ viele Gestrandete; Menschen, die niemanden mehr haben, weil die Familie tot ist oder weil sie verstoßen wurden, weil sie schwul, lesbisch und/oder transsexuell sind — Dinge, die sich mit einem Fest der Liebe, Toleranz und Vergebung natürlich nur schwer vereinbaren lassen. Ich hatte diesbezüglich schon großes Glück. Dennoch weiß ich, dass auch heute in der Kirche und in vielen Familien wohl wieder der Geist der Weihnacht gepredigt werden wird, obwohl es ebenso sicher wie das Amen in der Kirche ist, dass viele der fromm darin Betenden keinen Menschen mit Trans*vergangenheit, keinen Schwulen oder keine Lesbe in ihrer Bankreihe dulden würden; zum Teil nicht einmal eine unverheiratete Mutter oder einen arbeitslosen Vater. Auflehnung gegen Gottes Schöpfung, Sünde, Schande und so weiter. Besorgte Bürgerinnen und Bürger.
Als ob Vorurteile und Verurteilungen keine Sünde wären. Aber man steckt nicht drin; mir auf jeden Fall verleidet dies weidlich den Kirchgang. Und das rettet auch kein mildtätiger Nebensatz, dass man doch auch den armen Einsamen gedenken sollte, den Fremden und den sonstigen Armen, jetzt, an Weihnachten. Amen. Danach gehen alle nach Hause, verschließen ihre Türen und feiern die Liebe.
An all diese Dinge denke ich, während ich mit der Staubsaugerdüse zwischen Tischbeinen herumfuhrwerke, und komme zu dem Schluss, dass mich der Geist der Weihnacht mal kreuzweise kann. Hier ist er jedenfalls nicht; nicht einmal unter den Stühlen und Bänken.

Endlich ist Feierabend. Aber ich komme einfach nicht in Festtagsstimmung, und so sitze ich nach der Arbeit in einem alten Bundeswehr-T-Shirt und Unterhosen herum und wünschte, ich könnte so bleiben, bis all der Budenzauber vorbei ist. Es gibt sogar ein finnisches Wort dafür, ohne Witz: Kalsarikännit. Das heißt: „Sich allein zu Hause in Unterhosen betrinken.“
Aber es nützt nichts. Ich bin zu einem Essen eingeladen und furchtbar spät dran. Irgendwas muss man ja machen, an Heiligabend, wenn man den mitleidigen Blicken und Fragen am Folgetag entgehen will. Das Hemd hängt schon gebügelt am Schrank und der Wein steht kalt. The show must go on statt Kalsarikännit.

Nach Hause komme ich mit einem Stapel Bücher und interessanten neuen Geschichten. Im Briefkasten kaum Post, es wird ja leider kaum noch analog geschrieben, aber umso mehr freue ich mich über die wenigen Karten, die da sind, und wünschte, ich hätte einen Kamin, um sie in britischer Manier auf dem Sims zu drapieren: Auf den Mistelzweig über der Tür indes verzichte ich gerne, for a reason. Vor dem Balkon rauscht das geliebte Meer.

Das Wetter ist auch nachts noch wunderbar mild, und so radele ich noch eine Weile herum, während der Weihnachtsvollmond sein sanftes Licht auf  die Dünentäler senkt. Es stimmt versöhnlich. Vielleicht muss man sich ja gar nicht so sehr an diese drei Tage klammern, um den Geist der Weihnacht hinauf zu beschwören, denke ich. Und ich denke an all die kleinen und großen Geschenke, die mir im Laufe des Jahres zuteil geworden sind. Die Liebe, die Loyalität, das Vertrauen, die Versöhnungen, Gespräche, Inspirationen, Neuanfänge und Chancen. Ich denke an die schönen Dächer in Flensburg und den majestätischen Bug der Gorch Fock, an die Sonnanufgänge im Pirolatal und sternübersääte Inselnächte.

Vielleicht, denke ich, bietet Weihnachten nicht jedem Menschen die Chance, Geschenke zu empfangen und im Kreise von Familie oder Freunden zu feiern. Vielleicht haben viele nur Brot statt Gans. Aber man bekommt so viele andere Geschenke im Jahr. Und sei es nur das Leben als solches: Auch das keine Selbstverständlichkeit.

Und vielleicht, denke ich weiter, steckt ja der Geist der Weihnacht in genau den Dingen, von denen man nicht erst umständlich ein Preisschild abfriemeln muss. Ich sollte ihm die Chance geben, sich zu zeigen: Nächstes Jahr. Vielleicht.

Frohe Weihnachten.

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