Nebel liegt über der fast gespenstisch ruhigen See. Allein auf dem Deich stehend, genieße ich den Anblick des geliebten Meeres und lausche der Musik der Stille. Die Wellen berühren die Betonbefestigung des Hafenbeckens mit einem so zarten, silbrigen Klang, dass einem das Wort „Plätschern“ dafür viel zu grobschlächtig vorkommt. Die Fähre nach Bensersiel ist vor Kurzem ausgelaufen. Fast surreal mutet der Kontrast der Stille auf dem Deich zum Lärm und Gewusel im Inneren des Schiffes an, welches nun, noch in Sichtweite, mit wieder ausgeschalteten Maschinen lautlos durch das Wasser gleitet.
Die Sicht ist heute schlecht, und also muss sich der Kapitän in der engen Fahrrinne ganz vorsichtig vorantasten; oft mit nicht einmal mehr als 20 cm Wasser unter dem Kiel. Die Strecke Bensersiel — Langeoog mag kurz sein, aber sie ist gewiss nichts für Anfänger. Ich bin froh, dass ich an Land stehe.
Bald nimmt das große Motorschiff wieder Fahrt auf und entschwindet vollends im Grau.

Ich bleibe. Und noch immer badet dieser Satz mein Herz in balsamischen Essenzen. Ich bleibe: Hier. Am Meer.
Zwei Jahre, und die Liebe ist noch immer unbegreiflich. Bevor ich nach Langeoog zog, dachte ich immer, dass ich nur einen Menschen so beharrlich und ungebrochen lieben könnte, egal, wie viele Stürme und Schietweddertage dazwischen gerieten. Aber jetzt weiß ich: Es geht auch mit einer Insel.

Ich setze die Wanderung fort zum Strand. Für Dezember ist es wunderbar mild und heute überdies windstill. Meisenknödel hängen unbeachtet in den Vorgärten; die Vögel fressen sich lieber noch an den Würmern satt, die sie sich aus der regenweichen Wiese ziehen. Auch in den Dünen haben noch keine kalten Winterfarben Einzug gehalten: Der Sanddorn leuchtet in warmem Orange zwischen all den satten Grün- und Braunnuancen der Gräser; noch kann man die saftigen Beeren ernten, unserem Nationalparkführer zufolge schmecken sie um diese Zeit sogar besonders gut.
Langsam kommt die Insel zur Ruhe; der Touristenmagnet wird wieder zum Königreich der Natur, und ich bin dankbar dafür, denn auch mich hat das Jahr geschafft und ich verspüre starke Sehnsucht nach Stille.
Nach neuer Inspiration, Innehalten, Luftholen, Wachsen.
Am Strand flitzen Sanderlinge durch den Schlick, etwas weiter entfernt ruhen Möwen. Die Krähen wagen sich am Weitesten vor, das lackschwarze Gefieder vom Wind in alle Richtungen zerzaust. Die dreisten Dohlen sind ausnahmsweise mal nirgendwo zu sehen; statt dessen flattern winzige Schneeammern mit glockenhellem Piepsen wieder in Scharen über den Strand.
Ich denke an letztes Jahr und freue mich, dass sie jetzt wieder da sind. Der Winter ist schön auf Langeoog. Und kälter muss es für mich nicht werden.

Stille, denke ich, Stille. Ich giere danach. Wenn man sie nicht nur hören und fühlen könnte, sondern auch essen, atmen, schmecken, riechen: Ich flehte darum. Stille, bitte, bis mindestens Mitte Januar — Denn das neue Jahr wird aufregend.

„Dienst am Gast ist wie Dienst an der Waffe“ schrieb einst ein Freund, gelernter Hotelfachmann und jetzt Irgendwas-mit-Gender studierend. Damals, noch gänzlich von der Branche unbefleckt, dachte ich, er schriebe das nur des Wortspiels wegen, aber heute weiß ich, dass es da durchaus Parallelen gibt.
So trägt man in beiden Berufen teilweise Uniform, muss sich zu perversen Uhrzeiten von irgendwelchen Idiot_innen anbrüllen lassen, zu noch perverseren Uhrzeiten aufstehen, merkwürdige Befehle befolgen und dabei, unter regelmäßiger Missachtung der eigenen Grenzen, körperliche Schwerstarbeit ausüben — Und all das in einem Beruf, dem überdies in der Regel (zu Unrecht) noch gesellschaftliche Ächtung widerfährt: Schade, dass mir zu „Kanonenfutter“ und „Frontschwein“ gerade kein passendes gastronomisches Pendant einfällt.
Auf jeden Fall hat all dies für mich im neuen Jahr ein Ende: Eine andere Arbeit ruft.

Irgendwas-mit-Kunst.
Dafür wird wieder mehr Zeit sein. Zeit für die Insel. Zeit für Stille. Zeit für Schönheit. Schon bald kommt die Sekunde, in der ich die Rufumleitung vom Hotel für immer ausschalte. Und dann bin ich erst einmal nur noch bei ihr: Langeoog, der Liebe meines Lebens.
Dennoch bleibt auch hier die Zeit nicht stehen: Auf der Kommode liegt eine Zugfahrkarte nach Berlin.
Dort ist ein anderer Hafen. Und Du, mit dem ich diese Liebe teilen wollte. Ich wünschte ich könnte bleiben.

Die Fähre kommt bereits zurück.
Bald muss ich wieder mit, überflutet vom Lärm im Inneren des  Schiffbauches, rudernd in den Menschenmassen, während all die wunderbare, silbrigsüße Stille der Heimatinsel im Nebelgrau verschwindet.
Bald, werde ich mich trösten, bald komme ich doch wieder. Ich bleibe ja nicht lange in Berlin. Aber ich weiß nicht, was mich in der Stadt erwartet. Du, vermute ich. Als ob das nicht reichte. Zugleich frage ich mich, warum es zwischen uns eigentlich keinen Nord-Ostsee-Kanal gibt. Noch irgendeine passierbare Straße. Und sei es nur ein Rinnsal, durch das ich ein Papierboot schicken könnte, gefaltet aus einem Liebesbrief an dich. Aber da ist nichts. Es ist zuviel Land zwischen unseren Meeren. Und ich brauche das Wasser, wie ich dich brauchte. Es gibt kein Zurück, egal, wo ich bin.

Draußen ist es Nacht. Eine erste Windböe rauscht durch die Blätter der Bäume am Straßenrand.
Das Wetter ändert sich schnell an der Küste. In Berlin, sagen meine Freunde, ist es schon kalt.

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