Um 16:17 Uhr ging die SMS Scharnhorst mit dem Bug voran unter, nachdem sie um 16:04 Uhr starke Schlagseite bekommen hatte. Alle 860 Mann Besatzung kamen dabei um.
Einer davon war mein Urgroßonkel Max. Das war Krieg, mag man denken, da rechnet man in feindlichen Überwassereinheiten und nicht in Weichzielen mit Schmerzen, Angst und Träumen. Das muss ja so sein, diese verbale Entmenschlichung, anders hält man das Sterben nicht aus.
Dennoch gibt es da ein Foto von diesem Onkel, in Marineuniform, und man sieht die Verwandtschaft mit mir so deutlich, dass es mir unmöglich ist, aus derart nüchterner Distanz an den Untergang des Schiffes, seinen Tod — und den seiner 859 Kameraden — zu denken.
Ich hätte das auch sein können, denke ich, 35jährig, man musste da ja mit, egal, ob man Lust auf das Gemetzel hatte oder nicht, ansonsten wäre man gleich erschossen worden. Auch Onkel Max war blond mit eher weichen Gesichtszügen, einer kleinen Nase und melancholischen Augen; genau wie ich nicht besonders groß obendrein, zumindest lässt es das Foto vermuten, da er seine lächelnde Ehefrau darauf nicht nennenswert überragt. Und an mir hätte ein zottiger Kaiser-Wilhelm-Bart wahrscheinlich ähnlich unvorteilhaft ausgesehen.

Auf jeden Fall ist es eigenartig, ein Ereignis in Geschichtsbüchern zu finden, bei dem ein Mensch starb, mit dem einen ganz offensichtlich noch Erbgut verbindet. Und natürlich denkt man dann an das Wie, also: Das Leid. Ich kann nur hoffen, dass er schon tot war, bevor er ertrank, weil Ertrinken kein schöner Tod ist, ganz und gar nicht. Von einer Explosion zerfetzt zu werden, ist das zwar auch nicht, aber wohl eher nur für die Außenstehenden: Für einen selbst geht das sicher schneller. Und ich hoffe, dass er keine Zeit hatte, um Angst zu haben. Angst, denke ich, ist mit Sicherheit das Schlimmste am Sterben.

Als ich starb, hatte ich keine Angst.
Als Ärztekind habe ich Vertrauen in die moderne Medizin. Und so schärfte ich — in relativ entspannter Verfassung — dem Team nur ein, gegen welches Schmerzmittel ich allergisch sei, bevor es zu einem Allerweltseingriff in den OP-Saal ging. Das wurde auch notiert, und so erinnere ich lediglich schier endloses (und schmerzhaftes) Gefriemel mit meinen Handvenen, weil man die Nadel nicht reinbekam, sowie ein genervtes „Dann wollen wir das Ganze mal beschleunigen“ der Anästhesistin. Dann also die Nadel in den Unterarm, das Anfluten des Narkosemittels. Atemnot und ein kurzes Husten. „Scheiße, Allergie!“ mein letzter Gedanke. Dann Dunkel.

„Scheiße, Allergie!“, denke ich heute, wären das wirklich mein letzten Worte gewesen, wenn auch nur gedacht? So viele geflügelte Letzte Worte von Schriftstellern auf diesem Planeten, und meine wären ein hochphilosophisches „Scheiße, Allergie!“ gewesen? Das ging natürlich nicht, und also machten die Ärzte als nächstes das, worauf sie zum Glück ebenfalls trainiert waren: Leben retten. Und ich hatte mir zum Krepieren mit einem voll ausgestatteten OP ja nun auch den denkbar günstigsten Platz gewählt.
Das nächste, woran ich mich erinnere, war das Aufwachen und die Verwunderung über fehlenden Wundschmerz. Warum hatten die nicht, wie geplant, an mir herumgeschnitten? Ich frage die Frau, die ich verschwommen neben mir wahrnehme. Sie dreht wortlos ab. Aufgeregtes Gespräch mit anderen Menschen: „Jetzt kommen natürlich die Fragen! Was sage ich denn?“ Jemand anderes kommt, wahrscheinlich ein Arzt. „Es gab da einen Zwischenfall. Dramatisch, aber regen Sie sich bitte nicht auf: Wir mussten Sie zurückholen. Eine OP wäre im Anschluss zu belastend gewesen.“
Ich bin dankbar für die Ehrlichkeit, immerhin. Nachmittags erzählt mir ein bildhübscher, junger Stationsarzt noch Details, während ich über seine tintenblauen Augen mit den langen Wimpern nachdenke und seinen Namen vom Schild ablese. Sorgen gemacht hätte ich ihnen, erst sei ich tomatenrot geworden, so wie meine Strickjacke jetzt, und dann kalkweiß. Ein Allergischer Schock; Kreislaufversagen mit Herzstillstand, und das Herzrasen jetzt, nun ja, das käme von dem Adrenalin, das sie mir gespritzt hätten.
Es ist irgendwie surreal. Da sitzt jemand an meinem Bett, schön wie ein Engel, und referiert über meinen Tod, aber: „Wir haben es ja wieder hingekriegt.“ Es nimmt ihn sichtlich mit. „Danke, dass Sie mich gerettet haben“, sage ich deswegen nur, selbst noch ungläubig ob des Ganzen, und irgendwie beruhigt mich, dass das Sterben von Patienten doch nicht für alle Ärzte Routine ist.

Natürlich könnte man sagen, was bedankt der sich, die haben ihn schließlich auch umgebracht, da ist erfolgreiche Schadensbegrenzung ja nun das Mindeste, aber letztlich wusste inklusive mir ja keiner von der zusätzlichen Allergie gegen das Narkosemittel oder was auch immer, und also gibt es in der Sache keine Schuldigen. Als Ärztekind weiß ich auch hier: Solche Dinge passieren.
Und für das OP-Team war so ein Desaster direkt bei der ersten OP des Tages, morgens um 8, wohl auch nicht auf der Wunschliste ganz oben.

Ich denke wieder an Urgroßonkel Max. Ertrunken wäre ich tatsächlich auch beinahe einmal, in einem Wellenbad in den Niederlanden. Es ist keine schöne Sache. Eigentlich konnte ich da schon ganz gut schwimmen, aber wie kleine Jungs nunmal so sind, überschätzt man sich gern einmal und bleibt dann so lange ganz hinten bei den hohen Wellen, bis auf einmal die Kraft aus den Armen fort ist. Ja, und dann denkt man: Klettere ich einfach wieder raus, aber immer rutscht man ab vom Beckenrand, an dem man sich hochzuziehen versucht, weil die Wellen ja noch in vollem Gange sind, und dann macht es irgendwann wirklich keinen Spaß mehr, man will nur noch raus und schluckt Wasser und dann ruft man ‚Hilfe’ und denkt noch, verdammt, die verstehen einen doch gar nicht, sind ja Holländer*. Und dann kommt die Angst. Immer wieder rutscht man ab, knallt mit dem Kinn auf den Beckenrand und die Arme wollen wirklich nicht mehr, man gibt auf und dann … ist da dieser Arm, der einen beherzt um die Mitte greift und in den Nichtschwimmerbereich zieht, wo man irgendwann hustend eine heulende Schwester neben sich sitzen sieht, während die gekachelte Schwimmbaddecke sich dreht. Alles andere danach erinnere ich nicht, aber es gab wohl ziemlichen Aufruhr.

Aber auch das sind Dinge, die passieren. Niemand kann alles sehen im Schwimmbad und niemand kann immer überall sein. Damals war ich ohnehin zu jung, um über das Leben oder Sterben nachzudenken; mein Ertrinken wäre also nur Scheiße für die anderen gewesen.
Ich denke aber noch oft an den Menschen, der mich rauszog.
Ich glaube, es war ein Mann, weil ich mich an einen behaarten Arm erinnere, rotblond, an dem ich hing wie ein wasserwürgender Sack, und eine dunkle Badehose, auf die ich im Runterhängen schaute, während die rettende Bojenkette zum Nichtschwimmerbereich sich näherte, die ich selbst noch vergeblich zu erreichen versucht hatte, bevor ich auf die Idee mit dem Beckenrand kam. Ich wüsste immer noch gern, wie der Mann hieß und ob er überhaupt kapiert hat, dass er damals einem deutschen Kind das Leben rettete.
Er hat nichts gesagt damals, zumindest nichts, das ich verstanden hätte, aber ich erinnere, dass ich noch „danke“ sagte, als er mich über die Kette hob.
Bis heute bin ich froh darüber: Wenigstens hatte ich mich bedankt. Und es ist ein merkwürdiges Gefühl, dass einem komplett Fremde auch 30 Jahre später noch viel bedeuten können.
Auf jeden Fall ist Ertrinken großer Mist und die Angst davor ist wohl bei jedem Menschen in den Genen verankert, bei mir naturgemäß ein wenig mehr nach dieser Erfahrung, aller Liebe zur See und jedem Matrosenfetisch zum Trotz.
Onkel Max hatte keinen rotblonden Niederländer, der ihn aus dem Wasser vor den Falkland-Inseln zog. Daher kann ich nur hoffen, dass er diese Angst nicht erfahren musste, das Wasserschlucken und vergebliche Rudern. Dass er nicht bei Bewusstsein im Wasser trieb, bis ihn die Kraft verließ.

Womit schließt man jetzt so eine Erzählung, fragt man sich, damit sie nicht zu larmoyant klingt. Zur Predigt ansetzen möchte man; aufrufen zur Dankbarkeit für all die kleinen, schönen Dinge. Dafür, dass man jede Minute atmet, ohne auch nur drüber nachdenken zu müssen, dafür, das man auf so einem wunderschönen Fleckchen Erde wohnt, wo die Sonne das  Dünengras golden leuchten lässt und Fasane durch den Sand tapsen.
Dafür, dass man einen Tisch hat, auf den man seine blauweiße Flensburg-Touristen-Tasse stellen kann, ohne dass sie einem samt Haus und Tisch weggebombt wird. Dafür, dass die Eltern noch leben, und dass es Ärzt_innen und Pharmazeut_innen gibt, die daran arbeiten, dass das auch möglichst lange noch so bleibt. Dafür, dass einem andere Menschen zwar das Herz brechen können, aber das Ding trotz allem so beharrlich weiterschlägt.
Dafür, dass man eine Stimme hat, mit der man noch „Danke“ sagen kann. Dafür, dass man in einem Land lebt, in dem man mit dieser Stimme auch politisch und literarisch aktiv werden kann, ohne dafür verhaftet zu werden, und das einen in keinen Krieg schickt, es sei denn, man verpflichtet sich freiwillig.
Genau genommen gibt es wenig Gründe, um hier nicht dankbar zu sein.
Aber ich wollte nicht predigen.

Vor dem Fenster ist es Nacht geworden. Der Sturm hat sich gelegt; nur noch vereinzelte Regentropfen perlen von der Scheibe. Heute vor 101 Jahren lag Onkel Max jetzt bereits auf dem Grunde des Atlantiks: Er ruhe in Frieden.

Im Wörterbuch schlage ich nach, was „Danke, wer immer Sie sind“ auf Niederländisch heißt.

***

*Anmerkung d. Verf.: Ich kenne den Unterscheid zwischen Holland und den Niederlanden; als Kind waren für mich aber tatsächlich alle Niederländer „Holländer“, daher habe ich das hier so wiedergegeben. Kinder sind eben nur begrenzt politisch korrekt 😉

Bildschirmfoto 2015-12-01 um 21.48.09

Bild: Collection Royal Museum Greenwich, zeitgenössische Abbildung des Untergangs der SMS Scharnhorst. Das Bild zeigt das Schiff um 16:15, 2 Minuten vor dem endgültigen Versinken.

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